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Der Israelit · 1893-08-17 · Heft 66 (17.8.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 66 (17.8.1893)
Date
1893-08-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite JBfilngt ju M 66 des „Israelit^. ZeitttttgSuachrichte« und Correspoudeuze«. Deutschland. Aus Württemberg. In Württemberg erscheinen zwei Blätter, die „Ulmer Schnellpost" und der „Jpf", die sich in gehässigen Ausfällen gegen Juden und Judenthum überbieten und fast jede Nummer strotzt von Verdächtigungen und Schimpfereien aller Art(Erfteres Blatt hat sich ja im bekannten Ulmer Prozeß bezüglich der aus dem Talmud geschöpften Moral des Judenthums in jüdischen Kreisen einen berüchtigten Namen gemacht) und wenn solche Hetzblätter auch in ernstdenkenden Kreisen wenig ernst genommen werden und ihre antisemitische Tendenz beim schwäbischen Volksstamme nur wenig Anklang findet, was am deutlichsten bei der jüngsten Reichstagswahl zum Ausdruck kam. wo nur einige hundert antisemitische Stimmen abgegeben wurden, so ist es doch unerquicklich, in solchen Hetzblättern Verdächtigungen zu lesen, die ganz geeignet sind, durch ihr freches Auftreten wenigstens den Schein der Wahrheit zu erwecken, um hintennach in ihrer ganzen Grundlosigkeit resp. als freche Lüge sich zu entpuppen. So brachte der „Jpf" kürzlich die Mittheilung, ein Jude aus Ellwangen habe in Neresheim geäußert: „Es wäre besser die Katholiken sammelten im Walde Gras für ihr hungerndes Vieh, als daß sie Wallfahrten veranstalten", und das Blatt nahm erneuten Anlaß, Juden und Judenthum mit seinen bekannten Liebenswürdigkeiten zu überhäufen. Natürlich erregte dies in dem kath. Bezirke berechtigtes Aufsehen, ganz besonders in der verdächtigten Gemeinde. In letzterer ist jedoch nach eingehendster Umfrage feftgeftellt, daß kein Mitglied der dortigen jüd. Gemeinde eine derartige Aeußerung gcthan, und nachdem ein hiezu von den Gemeindengenoffen beauftragter kath. Professor bei der Red. vergeblich den Namen des Betreffenden zu erfragen suchte, forderten die Ellw. Juden öffentlich die Red. auf denselben zu nennen. Voraussichtlich wird es von Seiten der Ellwanger Juden zur Klage kommen und wäre es interessant, daß einmal dieses Hetzblatt durch gerichtliche Publikation an den Pranger gestellt würde. Aus Borkum. (Antisemitische Ausschreitungen.) Man schreibt uns: In den Blättern haben mehrfach Artikel gestanden, welche die Vorzüge unseres schönen Jnselbades in gebührender Weise hervorhoben. Die schöne Luft, die kräftigen Bäder, die freundliche Aufnahme seitens der Bewohner, die sauberen Wohnungen und im Allgemeinen auch die Verpflegung, verdienen durchaus Lob, aber schade ist es doch, daß jedem anständig denkenden Menschen der Aufenthalt hierselbst durcd andauernde antisemitische Ausschreitungen nicht gerade verschönert wird. Jeder mag auf seine Fa^on selig werden, also auch die Antisemiten, aber die Manier, wie dieselben hier die Bevölkerung und die Badegäste gegen die Juden aufzuhetzen suchen, erinnert schon mehr an das Gebühren dummer Jungen. Nicht nur, daß fast an jedem Tage mehrere gedruckte Gedichte, die in rohester Weise das Juden! hum beschimpfen, unter der Hand vertheilt werden. sondern dieselben werden ebenso wie Placate mit dem schimpflichsten Inhalt an die Häuserecken angeheftel. Am ärgsten tft der Skandal in der belebten Strandstraße vor dem Laden eines Hamburger Muschelhändlers E., wo oft ein halbes Dutzend solcher Reimereien ausgestellt ist. Darüber weht zum großen Bedauern der Hamburger Badegäste die Hamburger Flagge. Auch zu btrccten Ausschreitungen kam es. Die Frau eines Opernsängers, der früher in Hamburg engagirt war, wurde von zwei „anständig gekleideten" Herren in brutalster Weise beschimpft, weil sie in gerechter Entrüstung eines der Placate herunterriß. Unbegreiflich ble-.bt es, daß die Polizeiverwaltung und die Badecommission diesen antisemitischen Ausschreitungen ruhig zuiehen. Wie verlautet, ist ein Badegast aus Hameli! der Verfasser der in Form und Inhalt kindischen Reimereien. Wenn man glaubt, durch die Hetzereien den christlichen Badegästen das Leben angenehm zu machen, so irrt man sich sehr. Gerade unter diesen herrscht in weitesten Kreisen Entrüstung über diese antisemitischen Rohheiten, und nur Liebhaber des Radaus freuen sich über dieselben. Aermischtes. Borke« in Wests-, 4. August. In den Zeiten wie die jetzigen, erregt es wohl in den weitesten Kreisen Interesse, daß hier am letzten Mittwoch ein gar seltenes Fest geseiert wurde. Die hiesige Chewras Bachurim feierte ihr öOjähriges Bestehen in erhabenster Weise. Ein Festgottesdienst, der mit Chorgesang und Recitation einiger Psalmen eingeleitet wurde, eröffnere die Feier. Das Vereinsmitglied, Herr Lehrer Cohen aus Rees, hielt die Festrede, die auf alle Zuhörer den Mächtigsten Eindruck hervorbrachte. In einem festlich geschmückten ^aale fand unter Theilnahmc^von über 13<» Personen ein Festessen statt. Die gehobene Stimmung wurde fortwährend von humoristischen Reden und Vorträgen gewürzt Ein Festspiel „Tie Chewra" führte den Gästen noch einmal die Jnreniionen des Vereins vor und als man am frühen Morgen nach Hause ging, nahm ein Jeder das Bewußtsein mit, daß eine solche Feier noch lange in Erin-- nerung weiter lebt. Möge der Verein weiter vlühen und gedeihen.

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