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Der Israelit · 1893-05-15 · Heft 39 (15.5.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 39 (15.5.1893)
Date
1893-05-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Die Keichstagsnmhl und die Antisemiten. Zweite Aeitage zu Ar. 39 des „Israelit". Wahlaufrufe Die Deutschsozialen sagen in ihrem Aufruf u. A : „Ueberall, wo die deutschsoziale Partei nicht mit eigenen Kandidaturen auftritt, wird sie diejenigen Kandidaten unterstützen, die ihr in Bezug auf die Judenfrage am nächsten stehen. Die deutschsoziale Antisemiten-Partei tritt für Stärkung unserer Wehrkraft ein unter Vertheilung der dazu nothwendigen Opfer im Sinne einer ausgleichenven Gerechtigkeit. Sie kämpft für ein starkes Kaiserthum, soziale Reformen im Sinne praktischen Christenthums und für deutsches Recht im Deutschen Reiche. In diesem Sinne bekämpft fie das Judenthum und alle mit ihm zusammenhängenden und von ihm erzeugten schädlichen Einflüsse in Staat und Gesellschaft." Berlin, 10. Mai. Der Wahlaufruf der Nationalliberalen ist soeben erschienen; aus demselben ist irgend welche Stellungnahme zum Antisemitismus nicht zu ersehen. Leipzig, 10. Mai. Die „Deutsch-Sozialen Blätter" I schreiben anläßlich der Reichstagswahl: „Es bedarf keiner! Worte, um auf die ungeheuere Wichtigkeit dieser Neuwahlen! für unsere Sache hinzuweisen. Es muß diesmal gelingen, für unsere deutsch-soziale und für die antisemitische Volkspariei des Herrn Dr. Bocke! so viele Wahlsitze zu erobern, daß sich in dem nächsten Reichstage eine „Fraktion der vereinigten Antisemiten" bilden kann. Nur so ist es möglich, den Herzenswunsch aller derjenigen zur Erfüllung zu bringen, die eine Zusammenfassung aller antisemitischen Kräfte im Baterlande zu einheitlicher Arbeit wünschen und hoffen. „Unsere Feinde wissen, was für sie diesmal auf dem Spiel steht. Nach Nachrichten, die von allen Seiten und aus den verschiedensten Quellen cingehen, wird das Judenthum seinen politischen Schutztruppen ungeheuere Geldmittel zur Verfügung stellen. Darum ist es an der Zeit, schon jetzt unsere deutsch-sozialen Parteigenoffen daran zu mahnen, ebenfalls an die Beschaffung von Wahlmitteln zu denken." Wenn die Herren Reschoim wüßten, wie unendlich j wenig Geldmittel das „Judenthum" für Wahlzwecke zur Verfügung stellen kann, dann würden sie wahrscheinlich eine! solche Summe von Anstrengung für ihre Zwecke nicht ver- \ schwenden. Bei den Wahlaufrufen der Antisemiten wird j man unwillkürlich an die Worte Jeremia's (23, 14) erinnert: „An diesen Propheten gewahr' ich Schauderhaftes: Ehebrechen und Wandeln in der Lüge und sie bestärken die Bösen, daß keiner zurückkehre von seiner Bosheit (23, 14), zum Wahne verleiten sie Euch (idiä. 16) zu Allen, die dem Uebermuth ihres Herzens folgen, sprechen sie, es wird kein! Unglück über Euch kommen." (17.)! Berlin, 11. Mai. Der soeben erschienene Wahlaufruf < der Konservativen, der von Herrn Manteuffel unterzeichnet! ist, ist in hohem Grade ergötzlich. Derselbe enthält am s Schluffe folgende Sätze: 5 „Wir bekämpfen demagogische Umtiiebe jeder Art. welche j darauf hinarbeiten, die Gesinnungen weiter Kreise unseres Volkes durch Lug und Trug in Wort und Schrift irre zu leiten zu vergiften." „Das Bekenntntß zu der christlichen Weltanschauung, welche ihre Bethätigung in unserem Volksleben, in der Ge- I setzgebung und in der Handhabung der Gesetze ffnden muß, jf ist der feste Grund in den Wirren der Zeit und die Lebens- I kraft jeder berechtigten Autorität." » Ob sie den Ahlwardt, den sie riefen, wohl auf diese 8 Weise wieder los werden? Wir glauben's kaum. AntisemitischeReichstags-Candidaten. Reichelsheim i. Ob., 9. Mai. Der Wahlkampf in unserem Wahlkreise — Erbach-Bensheim — ist bereits eröffnet und zwar von der antisemitischen Partei. Dieselbe hielt am vergangenen Sonntag eine Versammlung in Waldmichelbach und eine in Siedelsbrunn ab. Als Redner traten auf die Herrn Dr. Bö ckel-Marburg und Otto Hirschel- Frankfurr a. M, welche unter den bekannten Ausfällen gegen die Juden ihr Programm entwickelten und die Militärvorlage bekämpften. Ein freisinniger Herr aus Marburg trat in Waldmichelbach hauptsächlich dem antisemitischen Theile ihrer Reden entgegen und erntete bei der großen Mehrzahl der Erschienenen lebhaften Beifall. Herr Hirsche! wurde von seinem Herrn und Meister als Reichstags-Candidat für unseren Wahlkreis aufgestellt. Witten, 9. Mai. Wie nicht anders zu erwarten war, werden die Antisemiten bei den bevorstehenden Wahlen eine umfaffende Thätigkeit entfalten. Sowohl in Westfalen, wie in der Rheinprovinz gedenkt man unter der Führung des bekannten Dr. König-Witten mit einer Reihe von Candidaturen in den Wahlkampf einzutreten. Heute war eine Deputation aus dem Kreise Duisburg-Mühlheim bei Dr. König, um ihm die Kandidatur für den genannten Kreis anzutragen, die er denn auch, nachdem er sich wiederholt überzeugt hat, daß die Trauben in den Kreisen Bochum oder Dortmund für ihn zu hoch hängen, angenommen hat. Auch andere niederrheinische Kreise, die man aus Anlaß des Xantener Prozesses gut bearbeitet zu haben glaubt, sollen mit antisemitischen, und zwar mit katholisch-antisemitischen Kandidaturen, beglückt werden, so u. A. Geldern-Wesel, ferner München-Gladbach. Auch in Elberfeld-Barmen, Solingen-Remscheid und in Münster treten die Antisemiten mit eigenen Kandidaturen auf. Dr. König und sein Anhang sind für die unveränderte Annahme der Militärvorlage. Bereits vor einigen Wochen hatte er den Reichskanzler antelegravhirt und von diesem eine dankende Erwiederung eingeheimst. Hanau, 9. Mai. Die Antisemiten gedenken für den hiesigen Wahlkreis Herrn Peter Stein von Hochstadt als Candidat aufzustellen. Aus Sachsen, 9. Mai. Von den antisemitischen Reformern sind bisher folgende Kandidaten nominirt: Blumenfabrikant Gräfe-Bischofswerda für Bautzen-Kamenz (3. Wahlkreis), Abg. Zimmermann für Dresden-Altstadt, Dr. Schläger-Blasewitz für Dresden-Neustadt (4. Wahlkreis) und Branntweinbrenner Hänichen-Lockwitz für Dresden-Land, den bisherigen Wahlkreis Ackermanns. Mainz, 10. Mai. Im hiesigen Wahlkreise soll Dr. Bö ckel als Zählcandidat ausgestellt werden. Frankfurt a. M., 10. Mai. Wie ein Berichterstatter der „Kleinen Presse" erfahren haben will, beabsichtigen die Antisemiten bei der hiesigen Reichstagswahl einen Zählkandidaten aufzustellen, und zwar Herrn Liebermann v. Sonne n b e r g. Mitglieder einer hiesigen frommen Vereinigung sollen die Vertreter dieses Planes sein. Berlin, 10. Mai. Ahlwardt ist von den Antisemiten in Arnswalde, nachdem sie seine Akten geprüft hatten, wieder als Kandidat aufgestellt worden. Stuttgart, 10. Mai. In Ulm wollen die Antisemiten einen Kandidaten aufstellen.

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