Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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536 stieß, welche aber schließlich an allen preußischen Militärschulen auf Anordnung von oben eingeführt wurde. Prinz August veranlaßte ihn nämlich zu einer Bearbeitung eines Lehrbuchs für den Zeichenunterricht, das sowohl dessen, wie des Königs ungetheilten Beifall fand. Mit hoher Achtung spricht Burg in seiner Selbstlebensbeschreibung von seinem damaligen Direktor, General von Strampff, den er als einen „sehr gottesfürchtigcn. edlen Mann und frommen Christen" bezeichnet, der jedoch weder „Frömmler noch Heuchler" war. Dieser hatte aus Frömmigkeit den sehnlichsten Wunsch, Burg möge sich taufen lassen, nichtsdestoweniger nahm er dem jüdischen Secondelieutenant das Versprechen ab, „es niemals aus weltlichen Rücksichten oder aus schnödem Gewinn sondern nur dann zu thun, wenn der heilige Geist über ihn kommen und mit unwiderstehlicher Gewalt ihn dazu antreiben werde." Später traten aber dringlichere Aufforderungen zum Religionswechsel an ihn heran. Es handelte sich um sein Aufrücken zum Hauptmann, wofür Prinz August sich sehr interessirte; um die Sache zu betreiben, wandte sich dieser an das Kriegsministerium, auf dessen Bescheid der Prinz an Burg Folgendes schrieb: „Das Kgl. Kriegsministerium hat mich hierauf benachrichtigt, daß Sr. Majestät der König Allerhöchst Sich nicht bewogen gefunden haben, in der Sache eine Entscheidung zu ertheilen, und zwar in der Voraussetzung, daß Sie durch Ihre Bildung, Stellung und religiöse Ueberzeugung wohl bereits diejenige Annäherung zum Christenthum in sich fühlen, welche Sie dazu bewegen wurde, durch förmlichen Uebertritt zur christlichen Religion zugleich jeden Anstoß zu Ihrer ferneren Beförderung aus dem Wege zu räumen." Es wurde ihm also der Preis gezeigt, um den er seine Epauletten mit einem Stern mehr besetzen könnte, allein Burg lehnte bescheiden aber entschieden ab, und gerade diese Charakterfestigkeit ließ ihn immer mehr in der Ächtung des Prinzen steigen, der ihm seine besondere Genugthuung über die ablehnende Antwort an das Kriegsministerium ausdrückte und ihm seinerseits versicherte, daß er noch nicht den letzten Schritt in der Angelegenheit gethan habe. Ein neues Werk Burgs, das der Prinz dem König überreichte, gab jenem Gelegenheit, die Verdienste Burgs in's günstigste Licht zu setzen und um dessen Beförderung zum Hauptmann zu bitten. Doch auch dieser Schritt war erfolglos. Eine j Kabinetsordre vom 6. Dezember 1830 anerkannte die Verdienste wörtlich und in der Bewilligung einer Gratifikation von 50 Thalern in Gold an, sprach jedoch aus, daß Burg als Jude nicht Hauptmann werden könne, daß aber der König von der geistigen Ausbildung des Mannes sich verspreche, „er. werde noch zur Erkenntniß der Wahrheit und des Heils des christlichen Glaubens gelangen-" Nun, Burg gelangte zu dieser Erkenntniß nicht, der König jedoch zu dem Entschluß, den Juden Burg zum Hauptmann zu befördern: am 15. November 1832 wurde ihm das betreffende Patent überreicht. Ehrend für Burg, der in seiner Treue nicht wankte, doppelt ehrend für den König, dem die Charakterfestigkeit so hoch stand, daß er, um diese zu ehren, nicht zögerte, mit einem von ihm bisher beobachteten Prinzip zu brechen. Nach 25jähriger Dienstzeit erhielt Burg das Verdienftkreuz, eine Auszeichnung, die bisher noch keinem Juden zu Theil geworden war. Nach weiteren drei Jahren erhielt ' er den rvthen Adlerorden vierter Klaffe; es war am 15. Oktober, dem Geburtstag des Königs. Beim Offizierdiener trank der Oberst von Ehrhardt, nachdem bereits auf den König toastirt worden war, auf das Wohl des Neudekorirten, obgleich es „lang hergebrachte" Sitte war, an diesem Tage nur auf den König den Toast auszubringen. Man sieht aus diesem kleinen Zuge, wie beliebt Burg bei seinen Kollegen war. Mit dem Tode des Prinzen August verlor Burg einen wohlwollenden Freund und Beschützer, den er aber in dem neuen General-Jnspecteur der Artillerie, dem Prinzen Wilhelm Adalbert von Preußen wiederfand. Einer seiner ersten Freundschaftsdienste war, daß er dem Hauptmann die rothen Epauletten verschaffte. Da er ohne die Hauptmannsprüfung in die höhere Charge aufgerückt war, so mußte er „die für die Zeug-Kapitäns vorgeschriebene Uniform anlegen;" er trug daher schwarze Epauletten, dies aber ließ unter den jungen Offizieren und den Schülern der Artillerie-Schule das Gerücht entstehen, Burg müsse die schwarzen Epauletten tragen, weil er Jnde sei. Als Prinz Wilhelm Adalbert dies zu Ohren kam, war es sein erstes, Burg von diesen Epauletten, die sein Ansehen schädigten, zu befreien. Unterdeß war Burg an die Umarbeitung seiner Werke gegangen, deren Widmung an ihn der Prinz erlaubte; glücklich war er, für seine gediegene Arbeit ihm im Namen Friedrich Wilhelm IV. die goldene Medaille für Wissenschaft zu überreichen. Wie sehr der Prinz den jüdischen Hauptmann zu seinen näheren Freunden zählte, beweist der Umstand, daß er sein Tagebuch, welches er nach seiner großen Reise in prachtvoller Ausstattung in nur 300 Exemplaren Text und das dazu gehörende Album, das er in 150 Exemplaren herausgab, auch Burg als einen seiner Freunde, für welche nur die Ausgaben bestimm! waren, zum Geschenk machte. Der 27. März 1847 war der Tag, der Burg für seine lange und verdienstvolle Thätigkeii endlich die Auszeichnung bringen sollte, zu der nicht alle Hauptleute gelangen. Bei der Vorstellung beim Könige fragte ihn dieser; „Wie lange stehen Sie bei der Artillerie- und Jngenier-Schule? — „Seit 1816, also 31 Jahre." — „Sie haben in dieser langen Zeit der Schule gute Dienste geleistet, fahren Sie so fort, es war mir lieb, Sie zum Major befördern zu können." So war hier eiserner Fleiß, peinlichste Pflichttreue, erhabene Charakterfestigkeil von einem geistvollen Könige belohnt und ein Vorurtheil gebrochen worden. Leicht ward Burg seine Laufbahn nicht; trotz des Ansehens, das er genoß, wurde ihm nicht nur für seine Beförderung manches Hinderniß in den Weg gelegt, sondern auch gesellschaftlich trug ihm sein Glaubensbekenntniß manches Aergerniß ein. Eines sei hier erwähnt, was durch manche Vorgänge der Neuzeit actuelle Bedeutung hat. Eines Tages geht Burg mit dem Adjutanten des Prinzen August, dem Hauptmann von Frankenberg, Unter den Linden spazieren: zu ihnen gesellt sich der Portepee- Fähnrich v. C-, ein Schüler Burgs. Unter anderem erzählt der Fähnrich, daß in der Provinz Posen die Juden für ihre Osterfeiertage Christenkinder schlachteten, da sie deren Blut zur gesetzlichen Herstellung der Osterkuchen gebrauchten. Beide erwiedern kein Wort, von Frankenberg zuckt die Achseln und leitet das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Am andern Tage kommt der Fähnrich zu Burg aufs Zimmer und bittet um Entschuldigung wegen seiner unbedachten Aeußerunq, bei der er ihn sicherlich nicht kränken wollte, seine Rücksichtslosigkeit habe ihm selbst eine unruhige Nacht bereitet. Burg giebt jenem die Versicherung, daß er ihn nickt verletzt, die Bemerkung ihn aber in Erstaunen gesetzt habe; erhübe dergleichen unsinnige Bemerkungen schon öfters gehört, aber sie stets unbeantwortet gelassen, denn eine solche Beschuldigung sei „ebenso unerfreulich zu widerlegen, als es unnütz sein würde, so kraffe Vorurtheile durch Worte beseitigen zu wollen." 8SW8NM Als Burg mit allen militärischen Ehren unter Geleite der Generalität und der hervorragensten Männer von Berlin auf dem jüdischen Friedhof vor dem Rosenthaler Thorzbestattet wurde, hielt Dr. Sachs pLi, der — dies sei nebenbei bemerkt — von Seiten seiner Frau her mit ihm verwandt war, die Gedächtnißrede, und gewiß waren es die Worte, die das höchste Verdienst dieses Mannes hervorhoben: „Er war treu seinem König — und seinem Gottel" Daß er den manigfachen Versuchen, die an ihn herangetreten, seinen Gott zu verleugnen, characterfest entgengegetreten, ihnen nicht erlegen ist. das ist und bleibt sein höchster Ruhm. Sein Andenken steht heute noch in allen Kreisen Berlins in höchsten Ehren. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.