Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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tmj für das ~U\r Orthodoxe «MudenthumÄ i-OMO 5 £ S 'S!- 31 März 1883 Z lNr. 3. rfaäm sfflsm ll-ay. ' l.ü. X Ein grstorter Sederabend. Erzählung aus den Freiheitskriegen vvn H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) Ein starrer Winter hatte die Erde mit den Banden des glitzernden Eises gefesselt, so daß trotz der jetzt schon ganz warm scheinenden Frühlingssonne noch alles ruhig auf die Erlösung aus den kalten Fesseln wartete. Noch hatte das Schneeglöckchen nicht sein weißes Haupt dem sestgefrornen Schooß der Erde entringen können, noch senkte das überwinterte gelbe Gras auf den Wiesen traurig den Kopf und wehrte dem Vorwitz der jüngeren Generation, welcher es im dunklen Schooß der schützenden Mutter Erde zu enge wurde, und die mit Gewalt die zarten Spitzen heraustreiben wollte, Umschau zu halten, wie es oben im Lichte und in der Freiheit ausfehe. Die Nacht des Winters dauerte auch gar zu lange und das Brausen der jungen Freiheit, die mit kräftigem Flügelschlag über die Erde dahin zog, wurde selbst in ihrem dunklen Schooß vernommen. So wie das deutsche Volk sich heraussehnte aus der Knechtschaft der Fremdherrschaft, und dem Hellen Lichte der goldnen Freiheit zuftrebte, so regte und bewegte es sich auch unter der Erde und hier war das Sehnen und der Drang nach dem Lichte und der Freiheit nicht geringer als aus derselben. Die Macht des unüberwindlichen Corsen hatte der Winter gebrochen, die Macht des Winters mußte der Frühling brechen, von dem die ersten Anzeichen schon längst da waren, der aber immer noch aus sein Erscheinen warten ließ. lieber eine Million Krieger waren in die eisigen Gefilde des russischen Reiches gezogen, um dort elend durch Kälte oder Hunger umzukommen oder wie wehrlose Schafe von den Kosacken niedergehauen zu werden. Die wenigsten sahen die Heimath wieder; ihre Knochen bleichte die warme Frühlingssonne an der Heerstraße oder aus den grausigen Schlachtfeldern, und die, welche wiederkehrten, waren krank und elend und siechten dahin wie die Pflanze, welche der Frost gedrückt hat. An der großen Heeresstraße, die von Preußen aus in das Herz des russischen Reiches führt, lag nahe der Grenze ein einsames Gehöft, welches inmitten des Kriegs- - lärmes unversehrt geblieben war. Stolz war die große Armee an ihm vorbeimarschiert, zersplittert, verfolgt kehrten die Krieger in kleinen Schaaren aus dem Rückweg wieder und suchten Ruhe und Labung in dem düsteren Gemäuer. Weit und breit war es die einzige menschliche Wohnung, in welcher ein Jude mit seiner Familie schon seit Jahrzehnten hauste. In Friedenszeiten kehrten hier die Fuhrleute ein, welche den Verkehr zwischen Preußen und Rußland vermittelten und labten sich an Speise und Trank, die ihnen gegen Bezahlung verabreicht wurden. „Der Jude" wurde der .Herr des Hauses von ihnen genannt, und nicht drei von ihnen wußten seinen wirklichen Namen. Trotzdem genoß er großes Vertrauen und in seinen Kellern und Magazinen lagerten viele Waaren, die, bevor sie über die Grenze gebracht werden konnten, umgepackt wurden. Ter Jude nahm ein kleines Lagergeld von den Fuhrherren und diese hatten den Vortheil, in der nächsten Nähe der Grenze ihre Transporte ordnen und umladen zu können. Als der Krieg ausbrach wurden die Waaren von ihren Eigenthümern rasch entfernt und in der Voraussicht, daß das nahende Heer ihm Vortheil bringen könne, versah sich der Jude mit Speise und Trank, um dieselben an die vorbeiziehenden Krieger zu verkaufen. Er hatte sich nicht getäuscht. Tie Soldaten, die vorüber zogen, waren froh, sich nach langem und anstrengendem Marsche laben zu können und zahlten gerne den für die Speisen und Getränke geforderten bescheidenen Preis. Es gab freilich viel Arbeit und mancher Krieger der großen Armee vergaß dem Juden seine Zeche zu bezahlen, aber trotzdem war der Wirth zufrieden und glücklich, als ersah, daß die Kriegsgefahr sich von ihm und den Seinen abwandte, ja ihm sogar zur Quelle künftigen Wohlstandes zu werden schien. Je größer die Heeresfluth wurde, die an seinem Hause vorbeiwogte, je mehr der Heereshausen, der die Grenze überschritt, auwuchs, um so größer war sein Verdienst, denn die Soldaten waren hungrig und durstig, wenn sie kamen und zahlten gerne,