Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1893)
- Date
- 1893-02-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Mette Beilage;u M 14 des „Israelit“. Leitender Artikel. Das Zlrtheil eines Iachmannes über das Schächten. 8. Im Verlage von I. K a u f f m a n n zu Frankfurt a. M. ist soeben eine sehr beachtenswerthe und der größtmöglichsten Verbreitung zu empfehlende Schrift aus der Feder des Sanitätsthierarztes Simon zu Rathenow unter dem Titel „d i e rituelle Schlachtmethode der Juden vom Standpunkte der Kritik und der Geschichte" erschienen. Dieselbe saßt in Kürze die Ansichten der hervorragenden Veterinärärzte und Physiologen, deren Gutachten die Schriften der Rabbiner Engelbert und Ehrmann ausführlich bringen, übersichtlich zusammen, ein Verfahren, das die vorliegende Broschüre so recht zur Volkslektüre geeignet macht. Die Schriften vorgenannter Herren, die vorwiegend für Behörden und Parlamentarier bestimmt waren, sind des bedeutenden Umfanges wegen, den sie nothwendigerweise als Denkschriften annehmen mußten, besonders die mit vorzüglichem Fleiße ausgearbeitete und durch Reichhaltigkeit sich auszeichnende Schrift Ehrmanns „Thierschutz und Menschentrutz" (1885), auf welche jede Arbeit dieses Themas als aus eine Quelle wird zurückgreifen müssen, zu einer Volkslektüre, sagen wir für den schlichten Mann, der keine Zeit für Studien hat und sich belehren möchte, oder der belehrt werden soll, nicht geeignet. Allein die Broschüre Simons ist eine solche, welche in weiten Volksschichten belehrend und aufklärend wirken kann. Der Vers, geht von dem sehr richtigen Grundgedanken aus, daß die rituelle Schlachtart für die Juden eine religiöse Handlung sei, und daß darum die Beschränkung derselben einen Eingriff in die gesetzlich gewährleistete Religionsfreiheit bedeute und eine Intoleranz, die schlecht mit der so oft gerühmten Humanität eines vorgeschrittenen Zeitalters stimme. Ob der Verfasser, ais Christ, Moses die Ehre der Autorschaft unserer lichtvollen Thora und ihrer erhabenen Bestimmung zuschreibt, während wir ihn nur als den Auserwählten anerkennen, dem die hohe Sendung zu theil ward, das göttliche Gesetz unfern Voreltern zu vermitteln, ist für die Beurtheilung dieser Schrift irrelevant; genug, der Verfasser erkennt die seit dreitausend Jahren bestehende Schlachtmethode und die religiöse Verpflichtung sür die Juden an. Daß von einer Thierquälerei bei dem Schächten keine Rede sein kann, ist einmal durch den Geist, welcher das ganze jüdische Religtonsgesetz belebt, erwiesen, wie auch durch die Forderungen, welche dasselbe an die Qualification des Schächters stellt. Jede Thierquälerei, wie sie noch heute von allen denen geübt wird, welche sich als die berufenen Thierschützer der Schechita gegenüber aufspielen. Kastrirung, Verschönerung durch das Stutzen des Schwanzes und der Ohren, Hetzjagden: alles dies verpönt das jüdische Gesetz. Die religiöse Weihe, mit welcher dasselbe die Schechita umgiebt: der Segensspruch, welcher dem Schächten vorangehen muß, der reine, fromme Lebenswandel, der vom Schächter verlangt wird, die größte Nüchternheit, die er zu bewahren bat, schließt jeden Gedanken daran aus, daß der Functionär sich zu einem rohen, thierquälenden Schergen sich erniedrigen könnte. Die Anforderungen, die an die Kunstfertigkeit und Geübtheit des Schächters gestellt werden, eine feste Hand, ein gutes Auge, die vollständige Güte des Messers, die verlangt wird, eine haarscharfe ^schneide, welche nicht die geringste Scharte aufweist: alles dies schließt jede Thierquälerei aus; der Schnitt wird so rasch geführt, die großen Gefäße werden so schnell durchschnitten, daß von einem Schmerze kaum die Rede sein kann. Ganz schmerzlos ist keine Art der Thiertödtung, hier aber dauert der Schmerz nur eine minimale Zeit. Darin stimmen alle Autoritäten überein; die Zuckungen, die man noch wahrnimmt, tragen den Charakter epileptischer Anfälle, die vollständig in Bewußtlosigkeit geschehen. „Beim Schächtschnitt selbst kann von übermäßiger Qual wohl nicht die Rede sein, sondern nur von einem, 1—2 Sekunden andauernden, plötzlichen Schmerz." Mit allen andern Arten der Schlachtmethode verglichen, ist die des Schächtens nach dem relativ ungünstigsten Urtheil nicht weniger gut, nach dem berühmten Gerlach ist sie die beste und die wenigst schmerzvolle Art. Wohl zu beachten ist noch, daß bei der Methode des Schächtens die schnellste und größtmöglichste Blutentleerung stattfindet, wodurch das Fleisch gegen Fäulniß widerstandsfähiger und darum auch gesünder wird. Wer den Willen hat, sich belehren zu lassen, muß durch die vorliegende Broschüre zu der Ueberzeugung kommen, daß der Kampf gegen die Schechita entweder in Unverständniß oder in Bosheit seinen Grund hat. Möge darum das Büchlein, das für den billigen Preis von 60 Pfg. zu haben ist, namentlich in Interessentenkreisen recht große Verbreitung finden; die Böswilligen wird es nicht überzeugen, aber ist von der großen Mehrheit derjenigen, die den Sachverhalt nur von Hörensagen kennen, und die sich gern belehren lassen wollen,