Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-01-05 · Heft 2 (5.1.1893) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 2 (5.1.1893)
Date
1893-01-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448318--35513-2483500
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage;u J\« 2 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspond enzerr. Deutschland. Heidelberg, 11. Dez. Ungefähr fünfhundert Personen, die den großen Saal zum Zwinger bis in den letzten Winkel füllten, wohnten gestern Abend einer Versammlung bei, die der freisinnige Verein mit der Tagesordnung: „Der Antisemitismus und seine Bekämpfung" einberufen hatte. Nach einer entsprechenden Einleitung durch Herrn Prof. Osthoff, die sich namentlich auch an die akademische Jugend wandte, ergriff der Hauptredner des Abends Herr Prof. Stengel aus Marburg, das Wort. Mit der Wärme ächter Humanität behandelte er sein Thema, wobei er verlangte, die Jugend müsse wieder zu den idealen Bestrebungen der Väter zurückkehren. Nach ihm sprach der Sozialdemokrat Dr. Rüdt, der den Antisemitismus gleichfalls scharf verurtheilte. Rußland. Aus Petersburg wird unter dem 18. Dez. der „Jsr. Wsch." folgender „glänzende Sieg" bezüglich der Schächtfrage mitgetheilt. Am vorigen Dienstag versammelte sich das Comite des hies. Thierschutz-Vereins, um endgiltig festzustellen, welche Tödtungsart den Thieren die wenigsten Schmerzen verursache und am, schnellsten und leichtesten vollzogen werde. Es muß zum Verständniß der Sachlage vorausgeschickt werden, daß der Ausschuß bereits vorher den Beschluß gefaßt hatte, in allen Schlachthäusern den Genickstich als die bewährteste Schlachtmethode einzuführen, obwohl Herr Dr. Dembo, eine bedeutende Autorität auf diesem Gebiete, auf Grund wissenschaftlicher Forschungen und praktischer Versuche schon bis zur Evidenz nachgewiesen hatte, daß diese Tödtungsart die denkbar ungeeignetste und grausamste sei und die jüdische Schlachtweise unbedingt den Vorzug verdiene, was aber Professor Wedenski nicht gern zugeben mochte. Auch der Veterinär-Prof. Jgniatew behauptete steif und fest, daß bei den nach jüdischer Art geschachteten Thieren das Bewußtsein und die. Empfindung erst nach geraumer Zeit schwinden. Als unumstößlichen Beweis für seine Behauptung führte er die Thatsache an, daß ein im hiesigen öffentlichen Schlachthause „geschächteter" Ochs unmittelbar nach dem Schnitt zum Entsetzen der Umstehenden plötzlich aufsprang und zur Thür hinaus raste, wobei er auf der Straße ein furchtbares Blutbad angerichtet haben soll. (Ohne Zweifel, fügt der Berichterstatter des „Hameliz" mit vollem Recht hinzu, waren die Füße des betreffenden Ochsen nicht fest genug zusammengebunden, so daß sie sich aus den viel zu schwachen Fesseln losrissen, noch bevor der Schächter die Manipulation vollenden konnte.) Dieser vereinzelt dastehende Fall genügte der „Now. Wer.", um gegen die jüdische Schlachiweise in rücksichtsloser Weise zu agitiren. Das gesammte Comite des Thierschutzvereins begab sich nun heute in Begleitung der Herren Prof. Pawlow, Eckert, Wedenski, des Kammerherrn Schukowski, der Veterinäre Sawitow und Jgniatew auf Einladung des Dr. Dembo nach dem hiesigen öffentlichen Schlachthause, um aus eigener Anschauung sich bevor zu überzeugen, welche Schlachtmethode die humanste und schmerzloseste für die Thiere sei. Unter den zahlreich Anwesenden bemerkte man noch die Herren Dr. Becker, Tschurilow und noch einen berühmten Arzt vom medizinischen Institut des Prinzen von Oldenburg, sowie viele Berichterstatter der verbreitetsten großen Zeitungen, sämmtliche hiesige Fleischhändler u. v a. Der Fleischlieferant Herr Pups ließ 10 Ochsen hineinführen, von denen 3 „geschächtet" und 5 durch die Bouterole getödtet resp. betäubt wurden. Sämmtliche Sachverständige erklärten jetzt unumwunden, daß bei den nach jüd. Ritus geschlachteten Ochsen die Agonie und der Tod am allerschnellsten eingetreten sind. Sodann suchte Herr Dembo durch merkwürdige Experimente und eklatante Beweise darzuthun, daß die 5 nach russischer Methode geschlachteten Ochsen einige Minuten länger lebten als die 3 vorigen; denn alle 5 Ochsen leckten und verzehrten das ihnen vorgehaltene Salz nach einiger Zeit nach der Tödtung! Auf Veranlassung des Dr. Dembo wurde alsdann noch ein Ochs durch Genickftich getödtet, welchem Herr D. selbst — Brot und Salz ins Maul steckte und sieh' da! der erlegte Ochs leckte nicht nur mit der Zunge, sondern kaute sogar das Brot und fraß es auf.Das war eine furchtbare, entscheidungsvolle „Schlacht", bei welcher glücklicherweise kein Tropfen Menschenblut vergossen ward; es war ein siegreicher Kampf der Wahrheit gegen die Lüge. Das amtliche Protokoll wird anfangs nächster Woche erscheinen — soviel können wir jedoch schon heute verkünden, daß alle Versammelten darin übereinstimmen und gern zugestehen, daß die „Schechita" vor allen andern Tödtungsarten sich am besten und geeignetsten erwiesen und bewährt hat — selbst Wedenski und Jgniatew wagten es nicht mehr das Gegentheil zu behaupten, ja sie befürchten sogar sehr, daß viele einflußreiche maßgebende Männer die allgemeine Einführung der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.