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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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19 ser Anerkennung sich hätten herbeilassen können; wäre es aber geschehen," man könnte Eins gegen Tausend wetten, die heutigen ^Antisemiten hätten auch dann uns, die christianisirten Judenabkömmlinge, nicht mit ihrem Haß verschont. Das Judenthum achtet das Christenthum sehr hoch, es erkennt in ihm den Mitkämpfer für die Verwirklichung eines Reiches der Humanität und der edlen Gesittung auf Erden, eines Reiches der Gotteserkenntniß, wie es die Schriften Maimonides und Aldos bezeugen, aber dessen Grundwahrheiten kann es sich nicht zu eigen machen. Und ist denn dies nöthig? Können nicht Menschen verschiedener Lebensanschauungen ruhig und friedlich in Freundschaft und Liebe nebeneinander wohnen und miteinander leben, wenn sie nur das eine Ziel im Auge haben, das Gute zu fördern? So wenig es meinen Nachbarn kümmert, wie ich mich kleide, oderIwie ich esse und trinke, so wenig kann es ihn kümmern, wie ich über das denke, was ich nur vor meinem Herzen und vor mir selbst zu verantworten habe; können wir, trotzt der Verschiedenheit unserer Lebensweise, unserer politischen oder religiösen Anschauungen, nicht gemeinsam Armuth und Elend lindern, dem Vaterland in treuer Hingebung dienen, alles das fördern, was menschlich gut und schön und edel ist? Wie soll nachdem Verf. denn der gläubige Christ mit dem ungläubigen auskommen, die sich auch auf religiösem Gebiete nicht verständigen können. Lessing hat geglaubt, daß die Menschen als Menschen friedsam«nebeneinander leben könnten, ohne daß sie sich an ihren verschiedenartigen Bekenntnissen oder Anschauungen zu stören hätten. Aber freilich, die Zeit, die Lessing geschaut, ist noch nicht gekommen. Nein, der Vers, hat es sehr gut gemeint, aber seine Rathschläge können auf Beachtung keinen Anspruch machen. — Ein anderes Gesicht hat die Schrift von Caesar Astfalck, „Ein Beitrag zur Lösung der Juden frage" (Cöln 1892, Selbstverlag), die sich allerdings gegen den blindwüthigen Radau-Antisemitismus wendet, aber gerade durch die bessere und anständigere Tonart den Antisemiten Waffer auf ihre Mühlen liefert und trotz der anscheinenden ^Unparteilichkeit den Antisemiten nicht verkennen läßt. Fordert der Verf. zu einer Vereinigung aller besseren Elemente, ohne Unterschied der Konfession und politischen Richtung, gegen Unredlichkeit in Handel und Wandel, Wucher, betrügerische Reklame u. s. w. auf: so wird er gewiß die allergrößte Unterstützung bei den -Juden finden; der Vers., wie viele besser als er Gesinnte, ahnen gar nicht, wie verhaßt und verachtet der jüdische Wucherer und Betrüger unter den Juden selbst ist. Da aber der Vers, vom „Geschäftsjudenthum" spricht, so haben seine Vorschläge einen sehr argen Beigeschmack, der das ganze Gericht, das er uns auftischt, sehr verdächtig erscheinen läßt. Wenn fernerder Verf. behauptet, daß „die in Deutschland wohnenden Juden es verabsäumen, dem deutschen Nationalgedauken die gebührende Huldigung darzubringen", was durch die mangelhafte Betheiligung der Juden an deutsch-patriotischen Festen bewiesen werde: so ist das eine objective Unwahrheit, die wir eine nicht edelmännische Denunciation nennen würden, wenn wir nicht glauben würden, daß der Vers, in befangener Selbsttäuschung diese Zeilen niedergeschrieben hat. Wenn vielleicht, was wir nicht wissen, Juden von manchen Festlichkeiten sich fernhielten, so sind sie durch antisemitische Vorgänge, denen nicht selten solche Festlichkeiten als Unterlage dienten, vor Theilnahme an ihnen gewarnt worden. Die Huldigung an den deutschen nationalen Gedanken zeigt sich in erster Linie in den materiellen und persönlichen Opfern, die man für denselben bringt, und wer behaupten wollte, daß in diesem Punkte die Juden hinter ihren christlichen Mitbrüdern zurückgeblieben seien, der lügt, sei es bewußt oder unbewußt. Wenn ferner dieser angebliche Mangel an Patriotismus bei den Juden mit der Sozialdemokratie in Verbindung gebracht wird, weil ein hervorragendes Vorstandsmitglied der sozialdemokratischen Partei in Deutschland und der Führer der Sozialdemokratie in Oesterreich Juden*) sind, und der Beweis dieses Zusammenhangs darin erblickt wird, „daß die sozialdemokratische Presse und die sozialdemokratischen Congresse kein Wort des Tadels gegen die weltbekannten, den Arbeiter mitbedrückenden Jüdeleien (eigenstes Wort des „unparteiischen" Verf.) aufkommen lassen" — so wissen wir genau, woher der Wind weht; wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser, und wir geben es auf, den Autor einer solchen Schrift belehren zu wollen, auch wenn er nicht das Schächten als eine Provocirung der Christen ansähe, und darum anräth dies zu unterlaffen, und sagen nur.- Wir danken ergebenst für seine Rathschläge. — Den betrübenden Zeitumständen der Gegenwart verdankt auch die Beleuchtung des Buschhoff-Prozesses „Kanten-Cleve" von Dr. Paul Nathan (Separat - Abdruck aus der Wochenschrift „Nation", Berlin 1892. Hermann) seine Entstehung. Der geistvolle Verfasser, der in einem umfangreichen Buche den Prozeß von Tisza-Eszlar besonders in psychologischer und culturhtstorifcher Beziehung beleuchtet hat, behandelt in ähnlicher aber kürzerer Weise den Sensationsprozeß am Niederrhein. Wir empfehlen diese gutgeschriebene Abhandlung allen Freunden des Rechts und der Wahrheit. — Um *) Der Sozialdemokrat Adler in Wien ist kein Jude. Red.

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