Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1892)
- Date
- 1892-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. M 90 Der Israelit. Ein Hentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von V17. Lehmann v.i Montag, de« 14. November 5653 (1892). Leitender Artikel. Idealismus und Materialismus. (Zu Paraschath nn^n.) Von Rabbiner H. Galandauer in Soborten (Böhmen). Seitdem die Menschen über die Probleme des Daseins nachzudenken anfingen, bekämpfen einander in unversöhnlicher Feindschaft die beiden Systeme: Idealismus und Materialismus. Plato und Epikur stehen noch heute mit scharsgeschliffenen Klingen einander gegenüber wie in der Vorzeit, nur in anderer Gestalt und in anderer Form der Waffen, im Wesentlichen sind die Gegner dieselben geblieben. Dem Idealismus ist der Lebenszweck die Tugend, dem Materialismus ist der Zweck der Tugend das Leben; was dem Einen Mittel ist, ist dem Andern Zweck. Wohl huldigt auch der Materialismus der Tugend und verehrt sie und schätzt sie hoch, aber nur so lange sie ihm als Mittel dient, das Leben glücklich zu gestalten, versagt sie zuweilen diesen Dienst, so wird zu andern Mitteln gegriffen, ohne Rücksicht darauf, ob dieselben mit der Tugend im Einklang stehen oder nicht, wenn nur des Daseins Glückseligkeit dadurch erreicht wird, das für sie den Hauptzweck bildet. Der Materialist ist mäßig im Genüsse, weil er durch Uebersättigung sich die gute Laune nicht verderben will; er ist ehrlich im Handeln, weil er in seiner inner» Ruhe nicht gerne gestört wird; er übt mit dem Leidenden Barmherzigkeit, mit dem Armen Mildthätigkeit, mit dem Unterdrückten Gerechtigkeit, weil es innere Befriedigung und seelische Genugthuung verschafft; das Alles thut er nur, um sein Leben zu verschönen und es so angenehm als möglich zu gestalten. Der Idealist hingegen übt die Tugend nur um der Tugend willen, sie allein ist das Ziel, das er im Auge hat, ihr opfert er Alles, selbst sein Leben giebt er freudig dahin, denn sie allein ist ihm das höchste Gut. die höchste Glückseligkeit. Wir sprechen natürlich hier vom Idealisten in seiner erhabensten göttlichen Bedeutung. Unsere Sidrah führt uns in Jakob und Esau die Repräsentanten dieser beiden Systeme vor und in Heller Beleuchtung zeigt sie uns die Lebensanschauung, welcher Jeder von diesem Brüderpaare huldigt und zur Richtschnur für seine Existenz macht. Esau's Lebensprinctp ist der Genuß, er ist ein tb yiv e-'r*, ein Mann, der es wohlversteht, den Freuden des Daseins nachzujagen, er sucht keine andere Beschäftigung als das Vergnügen, welches allein sein Lebenszweck ist, wie '"jn sagt, nisiyi nrn intrpii mtsn to» din, „ein Mensch, der nichts anderes zu thun hat, als zum Vergnügen nach Thieren und Vögeln zu jagen." Er mag wohl auch die Tugend üben, insoweit sie ihm Genuß zu bieten vermag und er dadurch die Liebe des greisen Vaters erringen kann. So stellt er an Jsak die Fragen: pnn nm r6on m vitpyo *jwi. „In welcher Weise wird vom Salz, wie wird von Stroh der Zehnt gegeben?" (Midrasch Tanchuma.) Wenn man will, muß man ihm nicht gerade den guten Willen absprechen, solche Tugend geübt zu haben, vielleicht hat er wirklich npyo gegeben, aber die Absicht, der Zweck dieser Tugend war nicht der guten Sache wegen allein, sondern der, damit der Vater sehe, wie fromm und gut er sei und um sich bei ihm beliebt zu machen. Die Tugend, wenn er sie überhaupt übte, war immer von einer Nebenabsicht begleitet, welche sein eigentliches Strebeziel, sein Endzweck war bei der Ausübung derselben. Er verehrte in hohem Maaße seine Eltern, wie unsere Weisen sagen, aber bei einem Menschen, der nur den Genuß zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, ist nicht die wahre, reine Kindesliebe, sondern Vortheil und Bevorzugung das Leitmotiv dieser schönen Eigenschaft. Sein Hauptgrundsatz ist: Alles für den Genuß. Seine persönliche Ehre, seine sittliche Würde gibt er ohne jedes Bedenken hin für etn Linsengericht, denn sein Standpunkt ist in den Worten, die er an seinen Bruder richtet, genau präcisirt: 111122 .11. no^i mob ojn run „Siehe, ich gehe ja ohnehin dem Tode entgegen, was soll mir die Bechauroh."