Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1892)
- Date
- 1892-09-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448287--34848-2482806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXlll. Jahrgang. Zweite Beilage;ii M 72 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutsch! and. Aus Schlesien, 28. Aug. Welchen Fährlichkeiten heut zu Tage ein Jude auch bei uns zu Lande ausgesetzt ist, davon inag folgende Geschichte Zeugniß geben. Ein jüdischer Kaufmann, dessen Wohlthätigkeitssinn in seiner Heimat notorisch ist, hatte das Pech eine größere Ladung einem Schiffer anzuvertrauen, dessen Kahn unterging. Der Kaufmann kam um seine Waare, der Schiffer um seinen Kahn; dieser Kahn war des Armen ganzer Besitz; der Jude half dem Manne, aber er konnte ihm nicht den ganzen Verlust ersetzen. Da kam dem Juden, nennen wir ihn Abraham, der Gedanke, durch die Zeitung eine Sammlung für den Schiffer zu veranstalten. Der Redakteur einer dortigen Zeitung, dem dieser Plan vorgetragen wurde, meinte, die Sammlung wäre erfolgreicher, wenn diese Liste sogleich mit einigen in der Stadt bekannten und geachteten Herren eröffnet würde. Flugs brachte der Kaufmann den Sachverhalt zu Papier und setzte zum Zwecke einer Kollekte die Namen einiger Herren auf den Bogen, u. A. auch den des Herrn Landrath, eines Mannes von hohem und altem Adel. Als nun dieses Gesuch dem Herrn Landrath vor Augen kam, war das erste, daß er den Bogen bei sich behielt, den Juden wegen unterlaubten Kollektirens bei der Polizei anzcigte, sodann aber, als die Sammlung durch die Zeitung stattfand, eingehende Untersuchungen veranlaßte, ob nicht der Jude dabei einen „Rewach" habe, ob er nicht einen stattlichen Autheil von den für den Schiffer eingehenden Geldern in seine Tasche stecken wolle. Inzwischen hatte der Herr Landrath eine Sitzung für Zwecke der Armenunterftützüng. die Kaffe war leer; da meinte der Herr Landrath: machen wir es doch wie der Herr Abraham u. s. w. und veranstalten eine Kollekte, und nun erzählte er in behaglicher epischer Breite der Armenkommission den Vorfall mit dem Schiffer, wobei der Eigennutz des Juden, der nur die Maske des Wohlthäters trage, gehörig beleuchtet wurde! Kommissionsmitglieder sind nicht immer verschwiegen, sollen es auch wohl nicht immer sein; genug die Sache drang in die Oeffentlichkeit. Das konnte dem Inden, auch wenn er Abraham hieß, nicht gleichgültig sein, die Sammlung war auch ohne den Herrn Landrath durch die Zeitung in's Werk gesetzt worden, hatte ein gutes Resultat ergeben, und nun wurde die reine Absicht von maßgebender Seite verdächtigt, das thut weh. Der Landrath steht auf seinem alten Stammbaume zu hoch, eine Fühlung mit der Bürgerschaft zu haben, sonst wäre es ihm ein Leichtes gewesen, zu erfahren, daß der betr. jüdische Kaufmann öfters solche anständige Anwandlungen habe. Der Jude war in Verlegenheit, es widerstrebte ihm, vor irgend Jemand den Beweis anzutreten, daß er kein Schwindler sei; andererseits war auch das Schweigen gefährlich. Da kamen ihm christliche, gute Freunde zu Hilfe, die dem Herrn Landrath ein Licht aufsteckten über den ganzen Charakter des unschuldig verdächtigten Mannes und über die durchaus selbstlose Handlungsweise desselben in dem speziellen Falle. Nun freilich wurde die Situation für den Landrath bedenklich; man zweifelte nicht, daß der Landrath einzig von dem Bestreben geleitet wurde, ein Unrecht wieder gut zu machen; er lenkte seine Schritte in die Wohnung des Juden, entschuldigte sich und erklärte seinen Verdacht dadurch, daß cs statistisch feststehe, die Majorität aller Betrüger in Deutschland seien Juden. Der Landrath hat sodann noch ein Schreiben an den jüdischen Kaufmann gerichtet, in dem er die Beleidigung zurücknimmt und es verspricht, an derselben Stelle, an welcher er den Verdacht ausgesprochen, den wirklichen Sachverhalt anzugeben. Dem jüdischen Kaufmanne ist damit volle Genugthuung geworden, aber man sieht aus einem solchen Vorfall, welche Irrlichter aus dem Sumpfe des Vorurtheils aufsteigen. (Jsr. Wschr.) Oefterr.-Ungar. Monarchie. Waag-Neuftadtl, Ende August. Am ntens 'w □'»sw vollzog sich im Hause des ov-nvv7» j"nn mn i’ND w “ied des nano ,ny:nts *vnd 'mo Tun ein seltenes, erhebendes und wahrhaft jüdisches Doppelfest. Es ist dies die Einweihung eines werthvollen min “idd, das genannter Herr der hiesigen Cultusgemeinde gespendet, und das Familienfest der goldenen Hochzeit, die obiger Herr mit seiner edlen wohlthätigen Gattin in froher Umgebung von Kindern, Enkeln und Urenkeln, die von nah und fern zu diesem schönen, seltenen Feste herbeigeeilt, begangen hat. Des Morgens versammelte sich eine distinguirte Gesellschaft im Hause des Jubilars zum Tinsk-Gebet. Nach der Verlesung der '-hd hielt der Jubilar und Spender eine Derascha, Halacha und Agada mit einander verbindend, die durch ihre Gelehrsamkeit und ihren Scharfsinn, durch Innigkeit und Gottesfurcht, die aus ihr herausklangen, allgemeinen Beifall fand. Es sprachen ferner die Mitglieder des Rabbinals sowie der autor. Rabb. Hr. D. L.Baum, welche die Bedeutung des Doppelfestes, die hervorragende Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Wohlthätigkeit des Jubilars eingehend schilderten. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurden die Gäste in einem schönen, geräumigen Saal vom Jubelpaare bewirthet; während des Mahles sprach der Jubilar wieder nnin nm. Nach Beendigung desselben wurde das neue in die Synagoge gebracht, woselbst beim Aufrufen zur min der Jubilar und seine Kinder den Wohlthätigkeitsanstalten reiche Spenden widmeten. Rußland. Man schreibt dem „Pester Lloyd" aus Petersburg: Nach soeben aus Paris eingegangener Nachricht hat