Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1892)
- Date
- 1892-08-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 66 des „Israelis. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Mainz, 15. August. Ueber das argentinische Colonisationswerk geht uns von bestunterrichteter Seite nachstehende Zuschrift zu: „Die „Jewish Colonisation Association" unternahm die Verwirklichung des von ihr geplanten Werkes zu rasch; freilich dient es ihr zur Rechtfertigung, daß sie unter dem Eindrücke jener Beklemmung handelte, welche jeder empfand, der von der Lage der russischen Juden hörte. Sie sandte etwas auf's Gerathewohl, die ersten Emigranten nach Argentinien; die dortige Lokaldirektion war mittelmäßig, und die große örtliche Entfernung verhinderte leider eine stets rechtzeitige Kenntniß der Thatsachen und der Geschäftsführung. Diese beiden Umstände, wahllose Aussendung der Auswanderer und mittelmäßige Leitung in Argentinien, verursachten eine Sachlage, deren erstes Opfer die Association selbst ist. Viele Colonisten sind und bleiben unfähig, je gute Ackerbauer zu werden, andere sind, durch jene schlechte Verwaltung verwöhnt, unbotmäßig und anspruchsvoll geworden; andere, müde eines endlosen Provisoriums, getrennt von ihren zurückgebliebenen Familien, haben aus eigenem Antriebe beschlossen, Argentinien zu verlassen. Letztere und jene Unbotmäßigen verließen also bereits Argentinien mehr oder minder freiwillig. Sehr wahrscheinlich werden noch andere zurückkehren. Denn ein gründlicher Neubau läßt sich nicht auffübren mit Elementen, welche über ein Jahr in Unthätigkeit und Unordnung gelebt haben. Die unumgänglich notwendige Reorganisation — vorausgesetzt, daß sie unter solchen Bedingungen gelingen könnte — müßte jedenfalls eine kostbare Zeit beanspruchen, und damit würde die Wohlthat der Ansiedelung in der Fremde für alle jene unbestimmt hinausgeschoben, welche, der Unterstützung der Association würdig, mit Ungeduld der Befreiungsstunde harren; diese kann erst eintreten, nachdem alle bisherigen Anfänge gründlich geordnet sein werden. Die russische Regierung hat mittelst Kaiserlichen Erlasses das direkte Wirken der Association in Rußland autorisirt. Seither beschäftigt letztere sich mit eingehenden Studien über die zur Colonisation geeigneten Elemente; sie braucht nun nicht mehr an den Grenzen die ersten besten, auf bloßen Zufall oder auf guten Glauben hin anzunehmen; sie sucht die Colonisten in deren Heimstätten auf, im Innern Rußlands selbst, wo man ihre Vergangenheit kennt. Vertrauenswürdige, durch die Lokalcomitö zur Vornahme des Studiums bezeichnete Vertreter theilen der Association dorther mit, ob jene Leute geeignet sind. Eine bedeutende Anzahl von Familien wirklicher Ackerbauer sind zur Abreise bereit, und mehrere dieser Familien versügen über einen Theil der erforderlichen Mittel zur ersten Einrichtung in Argentinien. Diese werden hoffentlich noch einige Zeit die Pioniere bilden beim Werke der Stammes-Auffrischung der Juden durch Ackerbau. Unter den durch mangelnde Erfahrung und besonders durch schlechte Leitung in Buenos-Aires verschuldeten Fehlern war der schlimmste, daß man eine ungemein kostspielige und verwickelte Verwaltung einrichtete, ferner daß man die Colonisten länger als ein Jahr in vollständiger Unthätigkeit ließ. Um diesem Zustande der Dinge ein Ende zu machen, wird die Association vielleicht binnen einer gewissen Zeit eine größere Anzahl von Colonisten zurücksenden müssen. Den Neubau wird Herr Baron von Hirsch in der Weise einrichten, daß je eine Gruppe von 50 Familien durch ihren Vertreter von der Association Land erhalten und uncer sich vertheilen soll. Sie muß das Land selbst bestellen. Verpachtung oder Handel ist verboten. Den Preis zahlt sie in 13 Jahresraten ab. Sie erhält einen mit fünf Procent jährlich verzinslichen Vorschuß zur Beschaffung des Inventars und zur Einrichtung: Sie Hafter solidarisch für beides. Nur bis zur Abzahlung bleibt die Association Grundeigenthümerin; ist die Abzahlung erfolgt, so wird das Land auf die Familienhäupter zu freiem Eigen übertragen, darf aber 30 Jahre lang nicht verkauft, verpachtet oder verpfändet werden." Gailingen (Baden), 9. August. Während ich erst vor einigen Monaten den verehrten Lesern Ihres gesch. Blattes von der baldigen Eröffnung des hiesigen jüdischen Spitals berichtet habe, kann ich Ihnen heute schon wieder von der Errichtung einer anderen, segensreich wirkenden Anstalt am hiesigen Platze Mittheilung machen, es ist dies die hiesige Handelsschule, die sofort nach den Feiertagen ip",tn in's Leben gerufen werden soll. Schon lange nämlich machte sich am hiesigen Platze, der ca. 200 isr. Familien zählt und somit zu den größten jüd. Gemeinden Badens gehört, das Bedürfniß nach einer höheren Lehranstalt, die sich die Pflege von px “"n cj? mm T^n zur Aufgabe setzt, fühlbar. Viele Eltern, die noch darauf bedacht waren, ihren Kindern eine gediegene Bildung angedeihen zu lassen, mußten dieselben solchen Instituten anvertrauen, die meistentheils von der hiesigen Gegend sehr weit entfernt waren und deren Besuch mit großen materiellen Opfern verbunden war. Diesem llebelstande abzuhelfen, entschloß sich nun aus Anrathen vieler Ortsbürgcr Herr Jnstitutslehrer S. Eisenmann ans Pfungstadt, der uns als tüchtiger Pädagoge und braver Jsraelite geschildert wurde und deni auch schon mehrere gute Lehrkräfte zu Gebote stehen, Hierselbst eine Handelsschule zu errichten. Derselbe kaufte zu diesem Zwecke einige prächtige Gebäude, die in Bezug aus gesunde Lage und geeignete Räumlichkeiten allen Anforderungen, die man an eine solche Anstalt stellt, in vollkommener Weise entsprechen. Bereits hat auch unser h. Ministerium, das diesem Projekte sehr wohlwollend gegenüber steht, seine Genehmigung ertheilt und sich bereit erklärt, die Oberaufsicht zn führen. In der Anstalt werden außer gründlichem Unterricht in den hebräischen Fächern, wie Pentateuch, Ritual, Mischna, Talmud, Jüd. Geschichte und Literatur alle Disziplinen, einschließlich Musik und Zeichnen, unterrichtet, wie an