Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1892)
- Date
- 1892-08-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXJOUL Jahrgang. Zweite Leilage M M 64 -es ^Israelin. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 5. Aug. In einer Versammlung des Vereines zur Bekämpfung der Rassenhetze beschuldigte Herr Ed. Muudt-Lichtenstein gestern Abend den Rektor Ahlwardt an der Hand eines umfangreichen Materials des Betruges, der Unterschlagung, des Meineids und der Wechselfälschung. Er erklärte zugleich, daß er das gesammte Material, das die belastendften Dinge enthält, noch im Laufe des nächsten Tages der Staatsanwaltschaft übergeben werde. Neutz, 25. Juli. Die antisemitische Gührung in der Bevölkerung am Riederrhein führt, wie die „Köln. Ztg." schreibt, noch immer p neuen Ausschreitungen. So wurden hier wieder in der Nacht mehrere von Israeliten bewohnte Häuser mit blutrothen großen Kreuzen bemalt. In Grevenbroich sah sich das Landrathsamt veranlaßt, eine antisemitische Versammlung in Elsen zu untersagen. Mittelpunkte der antisemitischen Agitation befinden sich in Gladbach und in Krefeld. In Gladbach erscheint eine Zeitung, „Der Gladbacher Merkur", die, neben dem Ultramontanismus, den Antisemitismus betreibt und leider nicht nur in Gladbach, sondern auch in den benachbarten Kreisen in letzter Zeit an Verbreitung gewonnen hat. Bremerhaven, 7. August. In jammervollem Zustande kamen hier mit dem Lloydampfer „Berlin" auf Kosten des Baron Hirsch wieder 180 russisch-jüdische Auswanderer an, die in Argentinien ein elendes Dasein auf den Kolonien fristen mußten, wo sie in Masse zu Grunde gehen. Besonders groß soll die Sterblichkeit unter den Kindern sein, da sich ansteckende Krankheiten schnell verbreiten, weil gewöhnlich kein Arzt zur Stelle ist. Mit den nächsten Lloyddampfern werden wieder Auswanderer folgen. Die Rückkehrenden gehen von hier nach Hamburg, von wo sie auf Veranlassuug eines Hilfskomites nach New-Aork weiter befördert werden. Aus Sachsen, 7. August. In Obergorbitz bei Dresden ist der Vorsitzende des dortigen antisemitischen Volksvereins, Gärtnereibesitzer Klaus, ein rühriger Genosse des Reichstagsabgeordneten Zimmermann, vom politischen Kampfplatze zurückgetreten. Klaus, der stets mit dem Brusttöne der Ueberzeugung gegen jüdischen Lug und Trug losdonnerte, hat sich nämlich als Wechselfälscher entpuppt. Er hat sich dem Gerichte selbst gestellt. Vielleicht versucht es nunmehr der Abgeordnete Zimmermann seinen ehemaligen Kampfgenossen als Juden zu entlarven. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien, 28. Juli. Das Germanische Turnfest in Reichenberg, an dem judenreine und reichsdeutsche Verbindungen theilnehmen sollten, wurde behördlich verboten. — Wien, 6. Aug. Nach Warschauer Meldungen kam es in Hrubieszow zwischen Juden und Arbeitern, welche im Aufträge des Bezirkschefs die neuen Mauern des Judenfriedhofes abzutragen begannen, zu blutigen Zusammenstößen. Das Militär stellte die Ruhe wieder her. Rußland. Petersburg, 24. Juli. Die heute publieirte neue Städte-Ordnung bestimmt, daß bis zur Revision der Judengesetze Juden weder zu städtischen Wahlen noch zur Bekleidung eines Eommunal-Amtes zuzulassen sind. Wo sie beständigen Aufenthalt haben, Kiew ausgenommen, ernennt die Behörde für die städtischen Angelegenheiten die jüdischen Stadtdepmirten auf Grundlage einer vorher angefertigten Liste. Ihre Zahl darf auf keinen Fall ein Zehntel der Gcsammtzahl der Stadträthe übersteigen. England. 8. 1. London, 31. Juli. Das 400jährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas ist auch für die Juden von nicht geringem Interesse. Bekanntlich hat König Johann von Portugal das Projekt des Eolumbus, den Weg nach Indien durch eine Fahrt nach Westen zu finden, dem jüdischen Astronomen Joseph Vec iuho zur Prüfung vorgelegt, der denselben vollständig billigte. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß Eolumbus sogar zwei Inden — natürlich Eonvertiten — mitnahm, welche mit den Eingeborenen hebräisch sprechen sollten, welche Sprache seiner Meinung nach, derjenigen der Eingeborenen am ehesten gleichen konnte. Zn Ehren des Eolumbus werden Heuer in Madrid Dokumente öffentlich ausgestellt werden, welche entweder direkt auf die Entdeckung Amerikas oder auf die Zeitgeschichte Bezug nehmen. Man darf mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß auch viel, die spanischen Juden betreffendes Aktenmaterial dem Forscher erschlossen werden wird, und daß besonders die Geschichte der Judenvertreibung aus Spanien, deren 460jährigen Gedenktag wir am 9. Ab trauernd begingen, um viele authentische Daten bereichert werden dürfte. Herr Nathan S. Joseph, der durch 10 Jahre das mühevolle Amt eines Sekretärs des Hilfscomitös für die russischen Juden verwaltete, hat definitiv auf diese Ehrcnstelle verzichtet. Sein Nachfolger ist Herr Joseph Jacobs, sein bisheriger Sekretär. Die durch ein Reuter-Telegramm in Deutschland verbreiteten sensationellen Nachrichten über die Zustände der jüdischen Kolonie in Mauricio (Argentinien) entbehren zwar nicht ganz der Wahrheit, aber sind zum mindestens sehr alt, und ereigneten sich, bevor Colonel Goldsmidt die Leitung der von Baron Hirsch gegründeten Niederlassung übernahm. Das Unternehmen, die russischen Juden in diesem neuen Kanaan anzusiedeln, ist kein leichtes; man sollte daher, wenn man schon Colonel Goldsmid nicht in seinem schwierigen Werke helfen kann, wenigstens derartige Angriffe unterlassen. Der New-Iorker Herald veröffentlicht ein Interview mit H. L. Sablowitch, dem Oberaufseher der Baron Hirsch-Eolonie in Woodbine, New-Jersey. Herr Sablo-