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Der Israelit · 1892-04-11 · Heft 29-30 (11.4.1892) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 29-30 (11.4.1892)
Date
1892-04-11
Page
– (sequence 24)
Language
German
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588 Der Beamte sah sich hier abermals um. Lein Blick siel aus das Stiiib und einem raschen Impulse sollend, fragte er den Knaben freundlich! „Wie heißt Du denn, kleiner Mann?" „Ich heiße Osear", erwiederte der Knabe. „Und hast Du heute Abend auch gebetet." „Ja." „Hast Du auch Wein getrunken." „Ja, aber er ist sauer." „Habt ihr auch rothen Wein?" „Nein, unser Wein ist weiß." „Wo ist denn das andere Glns hingekommen?" „Das hat Osear zerbrochen." „Wann hat Dsear das Glas zerbrochen?" „Schon lange und Mutter hat ein neues gekauft." Der Beamte mochte einsehen, daß Daniel die Wahrheit gesprochen, denn er zog den Zettel, den er vorhin gelesen, abermals hervor, reichte ihn Daniel hin und sagte: „Lesen Sie, und Sie werden mein Thun begreifen." Daniel las eine infame Dennneiation: „„Wenn Sie Aufschluß über das gesuchte Blut begehren, so finden Sie denselben sicher am Passahabend auf dem Tische des Schächters in dem Becher des Propheten Eliah. Lassen Sie sich aber keine Rase drehen. Einer, der die Sitten der Inden kennt."" Mit einem Achselzucken gab Daniel das Blatt zurück und sagte: „Das alte Märchen!" „Ich mußte meine Pflicht tlmn", entgegnete der Polizist, „und wäre glücklich, wenn endlich das geheimnißvollc Dunkel, welches uns umgibt, gelichtet werde. Das ist meine lebte That in dieser Sache. Morgen reise ich ab und erstatte dem Minister Bericht." „C, bleiben Sie, bis der Thäter entdeckt ist", flehte Daniel, „denn wenn Sie Weggehen, werde ich in sterer Lebensgefahr schweben." „Ich kann nicht", entgegnete der Beamte, indem er sich mit seinen Begleitern entfernte und Daniel und seine Iran in großer Aufregung znrückließ. Heute Abend hatten sie so recht die Gefahr erkannt, in der sie schwebten. Ein unbedachtes Wort des eignen Kindes hätte den Vater von Neuem ins Gesängniß bringen können; von einem unglücklichen Zufall hing die Freiheit und das Leben dieses Mannes ab, der so heiter und sorglos mit großer Andacht die Gebote seiner Religion an einem Tage erfüllte, der ihm Anlaß zur Furcht und Angst hätte geben sollen. So getrost macht uns unsere Religion, unser Glaube. Als die Beamten sich entfernt hatten, brachte Stella zuerst das Kind zur Ruhe. Alsdann kehrte sie zu Daniel zurück, umarmte ihn und weinte lange an seinem Halse. „O, wie suchet Gott uns heim", sagte sie endlich unter Thränen. „Hast Du vergessen", entgegnete er, „was ich schon einmal gesagt habe. Wen Gott liebt, dem schickt er Prüfungen. Doch ist es genug, die Prüfung ist vorüber, laß uns unseren Seder beenden." Und von neuem wurde die Thnre geöffnet und die vorgeschriebenen Prophetenworte gesprochen, und mit seiner herrlichen Stimme sang er die Lobpsalmen, welche die Sederfeier beschließen, und in jubelnden Tönen stieg das Lied ans dem ärmlichen Gemach empor in die Stille der flacht, jenes Loblied, in welchem wir Gott in seinen Eigenschaften preisen und ihn um die Wiederanfrichtung seines Tempels bitten. Addir im, jiwne besau bekorauf, bimliero b’jomenu bekorauf tönte es von den vier Lippen im Wechselgesange, lind als der Schlußsatz gesprochen, da war Mitternacht längst vorüber, als sie voller Sehnsucht ansriefen: Leschonoh habooh bijeniseholajim! hatte der neue Tag bereits begonnen. Ja, die Sehnsucht nach unserem Heim liegt tief in unserer Brust und sie wird gestärkt und gekrüftigt durch die Wuth nuferer Feinde. Aber mögen sie immerhin wnthen; Stellas Lied, welches sie jetzt sang, nachdem die Feier beendet war, zeigt so recht wie Israel denkt und fühlt. In sanften Tönen erklang die einfache Weife: „Allmächt'ger Gott! wie schläserts mich! Wenn alle Leute schlafen, thust Du wachen, behütst Dein Volk Iisroel. Hinneli lo jonum welo jischon scbaumer, jisvoel." Und er schlummert nicht, unser Hüter. In dem Bericht, welchen der vom Minister gesandte Geheimpolizist seinem Vorgesetzten abstattete, kam folgender Passus vor: „Es könnte ja, wofür aber nicht die geringsten Anhaltspunkte vorliegen, das Verbrechen auch von einem Juden begangen worden sein; in keinem Falle aber ist an einen Ritualmord zu denken. Das ist ein in das Reich der Fabel gehöriger Begriff, der wie die Sceschlange von Zeit zu Zeit anftancht, um wieder zu verschwinden. Ebensogut könnte man den Hexenglanben des Mittelalters für Wahrheit nehmen und die Herenprozesse von neuem beginnen. Jene Zeiten sind aber vorüber und mit der Ueberlegenheit unseres Wissens sprechen wir von den Verirrungen der Justiz in jenen Zeiten. Wenn unsere heutige Justiz sich auf dieses alberne Blutmärchen beziehen und ihm Vorschub leisten wollte, so wäre das ein Verbrechen an der Heiligkeit der Wahrheit und des Rechts." Und trotz der Unkenrufe der Antisemiten und dem Wüthen ihrer Anführer ließ das Gericht den Ritualmord fallen. Das Geheimniß des Knabenmordes in B. blieb ewig unaufgeklärt und Daniel war bald wieder Herr seiner Freiheit. Im Auslande fand er bald eine wohldotirte Stelle und dort lebt er heute noch mit seiner Frau und feinem Sohne. An jedem Sederabend gedenkt er jenes schrecklichen Verdachts, der einst ans ihm gelastet; und wenn am Sederabend die Thüre geöffnet wird und jene Prophetenworte in die stille Rächt hinaus gesprochen werden, da wendet sein Auge sich znm Sedertische und haftet mit dankbarem Blick am Becher des Propheten Eliahn. Verantwortliche Nedaction: OScar Pebmaun in Mainz. — (Expedition deS „Israelin, Achottstr. Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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