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Der Israelit · 1892-03-10 · Heft 20 (10.3.1892) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 20 (10.3.1892)
Date
1892-03-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIII Jahrgang. Zweite Beilage zu M 20 des „Jsrarlit“ Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. /X Breslau, In. Februar. t*iit außergewöhnlich sensationeller Fall beschäftigt gegenwärtig die Gemüthcr: und wenn auch Jndisserentismns und der gewöhnliche Gang der Ereignisse es mir sich bringen, das; auch hier die sittliche Entrüstung in Bälde zum Stillschweigen gebracht wird, so wird wahrlich das betrübende Vorkommnis; den Sinn derer, welchen die Wohlfahrt ihrer Blitinenschen und Glaubensgenossen ehrlich am Derzeit liegt, noch lange beschäftigen. Ich erzähle Ihnen nun zunächst in aller Kürze, was sich zngetragen: Drei junge Mädchen, ans den in Bezug ans ihre Lebensstellung angesehensten hiesigen jüdische» Familien ließen sich in ein durchaus leichtfertiges, haarsträubendes Verhältnis; mit einigen Offizieren der hiesigen Garnison ein. In dein benachbarten Kleiubnrg ivard eine Billa gemiethet, wo inan sich dein sträflichen Ilmgange hingeben konnte, und unter dem Borivande, den Musikunterricht zn besuchen, verließen die jungen Dameii häufig allein das Dans, wenn niebt gar bisweilen das elterliche Dans dazu herhielt. Die Dache wurde erst dann bekaiiiit, als sich bei der einen der jungen Dame die Folgen dieses unsittlichen Verkehrs eiustellteu. Da der eine Offizier ans - besser verschiviegencn Gründen eine eheliche Verbindnlig ablehnte, ward die bctr. Dame cinstioeileu in das Ausland geschielt. - Dies der ungefähre s.harbcstalld. Unwillkürlich schweift da unser Blick rückwärts zu den schönen Zeiten, wo Sitte und Menschheit den «Grundbegriff echtjüdischer Weiblichkeit bildeten: wo in jüdischen Däusern die Iiliigsran still zurückgezogen in mütterlicher Obhut lebte und nichts als die Vorbereitung für ihren engbegrenzten und doch vielseitigen Wirknngkreis kannte. Doch heut gilt es mir nicht, diesen zn schildern. Rur ein Streiflicht will ich ans die heutige Erziehung iverscn, um dann die Grnndlehren des weltpriesterlicheu Indenthnms anzndetiten. Blau hat die Dülle vom .Danplhaare der Frau gerissen ward dadurch nur diese entfernt? Blau har die Vorhänge der Franengallerien in jüdischen Tempeln beseitigt -- was bat man gewonnen? Man geht heut in Theater und (5oneerte, auf Bälle und Festlichkeiten zu wohlthätigen Zwecken; es gehört zum guten Ton, mau muß sich bilden. Als wenn Jene sich nicht im Leben zu bewegen verstünden, die all' ihr Sinnen und Dandeln aufs gewissenhafteste abwägcn und eitlen Vergnügungen grundsätzlich serubleibeu. Die armen Asketen' So, gegen die Zeit, wollen diese ihre Kinder erziehend Nun, wer den Reiz nicht kennt, wird das Vergnügen nicht entbehren, und das Uebermaß eitler Lust gehört sicherlich nicht zur Grundbedingung des Lebens. „An den Früchten sollt ihr sic erkennen!" Es dürfte nicht schwer fallen, zu erkennen, daß in dem oben geschilderten Falle der völlige Mangel religiöser Bildung die Danptschnld an der Verwilderung der Sitten trägt. Freilich, mit dein bloßen Lesen und Uebersetzen der Gebete und Bibelsrücke, mit aumuthigeu Erzählungen aus der Vergangenheit des jüdischen Volkes und der Auszählung der „historischen" Fest- und Fasttage ist fast nichts geschehen. Wo nicht ailch die ständige Gero ö h 11 it u g d e r Kind e r a n r e l i g i ö s e II e b n n g e n und das We ck e u e i ue s tiefgehenden Eindrin - ge ns in den Sinn der göttlichen «Gebote und die Anordnungen nuferer erfahrenen Weifen Dand in Hand geht mit dem, was die Schule bietet und mir bieten kann, da bleibt namentlich in der Jetztzeit, die ganz besonders eine stete Berücksichtigung der Individualität der Zöglinge fordert, alle Erziehung nur ein Flickwerk, und man frevelt, wenn man bei Unterlassung dieser Pflichterfüllung die Religion verantwortlich und sie als machtlos binnent. Muß man nicht zngestehen, daß die zahlreichen Vorschriften, die ans Schritt und Tritt, bei jeder Dandlung dem Inden zur Erfüllung obliegen und ihn veranlassen, bei Allem uachzndeuken, ob das, was er zn tim» gesonnen ist, die Religion erlaubt, ihn schließlich dazu erziehen, bei jeder Dandlung über ihren sittlichen Werth und ihre moralische Berechtigung und Zulässigkeit nachzndenken? lind was anfangs bloßes, fast unverstandenes Gesetz war, wird jetzt zn einer als heilsam und wohlthnend erkannten Gewohnheit und zum ständigen Bediirsniß. Wenn auch eine Mnsikstnnde dadurch sälii, wenn auch ein Ball gemieden werden muß - was thnts? Der Iebnd'i kann dadurch für seinen Ehararter nur gewinnen. Wißt Ihr. liebe Leser, was diese Worte bedeutend Run, dann folgt nicht jenen Thoren, welche von thörichtem Eigendünkel ergristen vermeinen, der positiven Religion cntrathen zn können: ivelche glauben, eine allgemeine moralische Dcnkiveise genüge schon zn einem guten Leben und man dürfe die .Kinder nicht mit dem Ballast besonderer Gesetze?e. behängen. Schlägt nicht obiger Fall den Eltern, die nach diesein (Gesichtspunkte handeln und ihre Kinder erziehen, offen ins Gesicht? Und doch soll Israel ein rnp n.: fein, ein Volk, das besonders die Sittlichkeit pflegt. Wie lächerlich muß solches Gebahren moderner R'enernugssucht erscheinen, wenn mau die jüdischen Freigeister sich rühmen hört: solange wir noch das „Höre Israel" sprechen, sind wir berechtigt uns Juden zu nennen! Machen sic wirklich Anspruch darauf, Juden zn heißen und - zn sein! Mit uichten! Scheinen sie doch selbst die Worte unverstanden herzusageu, deren sie sich als Erkennungszeichen bedienen wollen. — Ja - man verzeihe mir die Frage! - wie viele Juden giebk es denn, die mit vollem Verständnis;, vom Sinnlichen sich abwendend, indem sie die Hand über die Augen decken, das „Höre Israel" sich zurufen? Ich möchte versuchen, in Kürze das wiederzugeben, was ich in diesen Worten finde: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" Es ist ein Zuruf, den ein Jeder von uns seinem Glaubens-

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