Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1891)
- Date
- 1891-09-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXII- Jahrgang. _Zweite Beilage;u M 76 des „Israelit & Irschurun" Zeitnngsnachrichten nnb Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 18. September. Die antisemitische Zeitung „Abwehr" berichtet, daß der Hamburger Senat die antisemitischen Volksversammlungen verboten hat. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Nachricht auf Wahrheit beruht, da sie aus einer Gesellschaft stammt, die allem von Menschenhaß geleitet wird und keine andere Ziele als unser Verderben hat. Aber das wissen wir, daß die Zahl der Verbrechen gegen Leben und Eigenthum der Juden sich steigern muß, wenn solche Reden gestattet werden, wie sie in einer hiesigen Versammlung gehalten wurden. Reichstagsabgeordneter Werner rief mit einer Geberde, welcher dem Todschlägerthum ähnelt, man müßte von der Regierung Schutz gegen das internationale Judenthum verlangen. Die Freiheit der Deutschen im eigenen Vaterland sei gefährdet. Wer da wage eine den Juden nicht genehme Aeußerung zu thun, werde von Haus und Hof verjagt. Juden wollten den Sedantag nicht feiern, weil er dem deutschen Volke nicht die erwünschte Freiheit gebracht. Der Jude wolle nur Schacher- und Wucherfreiheit. Eine Republik von Rothschilds Gnaden, wäre ihr Ideal. Die Theuerung der Lebensmittel sei Schuld der Juden. — Ausschluß der Juden, von allen Aemtern, die doch das Vaterland verrathen, sich gegen die Majestät auflehnen, sei anzustreben. Ein anderer Redner fordert Schutz für das deutsche Weib, welches den schamlosesten Zumuthungen (!!) ausgesetzt sei. Der Talmud gestatte den Juden den Ehebruch (!!) — Schriftführer Weiß ruft zur Selbsthilfe aus, die Gesetzreform lasse zu lange auf sich warten. — Ein antisemitisches Organ berichtet auch, daß der „Lohengrün-Skandal" von den Juden ausgegangen. So wird das Volk verhetzt und zu Thätlichkeiten gereizt, und wir sehen diesem Treiben mit verschränkten Armen zu und scheuen uns die Hilfe der maßgebenden Faktoren im Staate anzurufen. — Möge der Allgütige sich erbarmen und die Hoffnungen unserer Verleumder zu Schanden machen, Ueber „echten Patriotismus" belehrt uns das Amts- und Anzeigeblatt" für Eibenftock. Es berichtet nämlich, daß die dortige Sedanfeier in echt patriotischer Weise verlaufen sei, und theilt die „Festrede" des Herrn Dia ko nus Fisch er „ihres bedeutungsvollen Inhalts wegen" mit. In derselben lesen wir, nach einer Erwähnung der Sozialdemokratie, folgende Worte: „Aber es gibt noch einen anderen und für unser Vaterland nicht minder gefährlichen Feind, der aus dem Verstecke heraus seine giftigen Pfeile schleudert. Er nennt sich deutsch, ist es aber nicht, denn im innersten Wesen ist er treulos und lügenhaft, voller Selbstsucht und Eigennutz; er schwärmt für das Volk, aber nur, weil er sich an ihm bereichern will; er kämpft für alle mögliche Freiheit, aber nicht um das Volk damit zu beglücken, sondern um ungehinderter dem unsauberen Geschäfte des Wuchers und der Ausbeulung zu fröhnen; er gibt vor, dem Vaterlande zu dienen, ist aber auch vaterlandslos, international und seine Heerführer wohnen in allen Ländern zerstreut u. heißen Rothschild, Hirsch und Bleichröder." Zu solcher schamlosen allgemeinen antisemitischen Hetzerei wählt ein Diener der christlichen Kirche gerade das Sedanfest! Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Wien, 16. September. Der antisemitische Schulrath im Bezirke unter den Weißgärbern hier hat uns gestern plötzlich mit der konfessionellen Schule überrascht. In der dortigen Schule mußten nämlich des großen Andranges der Schüler und Schülerinnen wegen Parallelklassen errichtet werden und so beschloß der Schulrath, den von ihm schon längst gehegten Plan schnell zur That werden zu lassen. Er errichtete daher besondere Klassen für die jüdischen Knaben und Mädchen, damit dieselben ja nicht mit den Christenkindern in Verbindung kommen sollen. Hoffentlich wird unser energischer Unterrichtsminister diesen judenfeindlichen Schulrath bald eines Besseren belehren oder, was noch bester wäre, ihn gänzlich seines Amtes entheben. *) *) Anm. der Red. Rach dem „Wiener Tgbl." ist diese Trennung auf Wunsch des isr. Religionslehrers vorgenommen worden, um sämmtliche isr. Schulkinder im Religionsunterricht vereinen zu können, was nach dem bisherigen Stundenplan nicht möglich gewesen sei. Die Schuld träfe somit nicht den Schulrath, sondern den isr. Religiorrslehrer, der, auf feinen Antrag, leicht eine dahinzielende Aendernng des Stundenplanes hätte bewirken können. -£» Vermischtes. Ungvar, 3. September. Ein einspänniges Fuhrwerk bewegte sich vorgestern durch unsere Stadt, welches durch seine Insassen — eine abgehärmte Frau und vier unmündige Kinder — und den langlockigen, neben dem Wagen in schwarzem Frack langsam einhergehenden Kutscher nicht geringes Aufsehen erregte. Es war der aus Petersburg ausgewiesene Komiker Joseph Sauerteig und seine Familie. Derselbe kam nach vielen Widerwärtigkeiten nach Wien, wo ihm vom Baron Hirsch'schen Wohlthätigkeitsbureau eine namhafte Unterstützung gewährt wurde, wofür er sich Pferd und Wagen anschaffte. Und so reist der Unglückliche, der, am Petersburger Thalia-Theater angestellt, noch vor Kurzem beffere Tage gesehen hat, von Stadt zu Stadt, um seine schöne Barytonstimme aus dem armseligen „Brettl" erschallen zu laffen.__ Für den folgenden Theil ist die Redaction nichr verantwortlich.