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Der Israelit · 1891-08-13 · Heft 64 (13.8.1891) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 64 (13.8.1891)
Date
1891-08-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXII. Jahrgang, Zweite Beilage,,M 64„Israelit Ieschurun- Zur Lage der Juden in Wußland. Ein genauer Kenner der russischen Verhältnisse, langjähriger Grundbesitzer auf russischen! Boden, schreibt der „Deutschen Warte": „Rußland ist das Land der Räthsel für Jeden, der — es nicht kennt. Mau wundert sich über Vieles, was dort geschieht, zieht seine Schlüsse und trifft selten das Richtige. Hierin gehört auch die Judenverfolgung. Was hat man da nicht Alles behauptet und an Motiven hervorgesucht, die an Ungereimtheit sich gegenseitig übertresfen. Bald war es der Kaiser Alexander, der aus irgendwelchen persönlichen Gründen der Urheber jener Maßregeln gewesen sein soll, bald der Fanatiker Pobedonoszew, bald willkürliche Machthaber in den Provinzen. Jedem, der Rußland und die Russen etwas genauer kennt, können die wirklichen Ursachen der Judenverfolgungen wicht entgehen, und wenn die meinen deutschen Blatter bisher stets das Falsche getroffen haben, obgleich das Richtige doch so einfach und logisch klar daliegt, so beweisen sie damit, daß ihnen Rußland nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wer aber aus der russischen Preffe schöpft, der steht vor zwei Möglichkeiten: Entweder er benutzt die nicht unter Präventivcensur stehenden Zeitungen und erfährt dann das, was die russische Nationaleitelkeil der Welt aufbinden möchte, oder er greift zu den in deutscher Sprache und unter einer geistestödtenden Censur erscheinenden Blättern und erfährt hier — gar nichts. „Ursache der Judenverfolgungen sind Nationalcharakter und Furcht vor dem Kampf ums Dasein. Der Russe, welcher Klasse der Gesellschaft er auch ««gehören möge, haßt mehr oder weniger jede andere Nationalität, aus dem sehr logischen Grunde, weil ihm bis jetzt in dem einen oder anderen Erwerbszweige immer irgend eine Nation überlegen war und wohl auch stets überlegen sein wird. Tenn niemals kann eine ganze Nation einen geschichtlich unmöglichen Sprung thun und alle die Perioden übergehen, der ein Volk zur Entwickelung einer gesunden Kultur bedarf. Und Rußland ist aus einer wilden Horde Barbaren eine nur äußerlich civilisirte Ration geworden, die sich den nicht selbst geschasfeneu, sondern aus dem Auslande geholten Mantel der Kultur nur lose umgeworfen hat. Er paßt zwar nicht und ist oft recht unbequem; aber doch läßt er sich nicht mehr ablegen, denn er bereitet zeitweilig Genüsse, ohne die man, einmal daran gewöhnt, nicht mehr leben kann. Ter Genuß ist die Quintessenz, die der Russe aus der Kultur zieht. Jeder Genuß aber zeitigt Ueberdruß und dieser führt - zum Nihilismus. „Die Arbeit in ihrer nutzbringenden und pftichtgetreuen Ausführung als befriedigenden Lebenszweck des Menschen kennt der Russe nicht. Sie dient ihm nur, falls sie recht leichter Art in, als Mittel zum Zweck. Ter Zweck aber bleibt stets der Genuß, möge derselbe sinnlicher Natur sein oder in einer Art geistreicher Spielerei oder, wie bei dem einfachen Volke, im Nichtsthun und Schlafen auf dem Ofen bestehen. Diese dem russischen Nationalcharakter angeborene Scheu vor jeder regelmäßigen und anstrengenden Arbeit, verbunden mit unerschöpflicher Genußsucht hat es bewirkt, daß der Ruffe zu nichts mehr Neigung besitzt als zum Handel und zwar wieder zu denjenigen Zweigen des Handels, bei welchen sich möglichst rasch und mühelos Geld verdienen läßt. Hier aber stößt der Russe auf einen ihm unbedingt überlegenen Rivalen, einen Rivalen, der mit dieser Neigung auch einen eisernen Fleiß und eine hochentwickelte Intelligenz verbindet, — und das ist der Jude. „Was ist nun da natürlicher und der Natur eines nur mit dem äußeren Mantel der Civilisation behängten Barbaren mehr entsprechend, als gegen einen solchen Rivalen die ganze Macht der brutalen Gewalt anzuwenden und ihn einfach, wenn man ihn aus Rücksicht gegen den Kulturmantel nicht gerade todtschlagen kann, über die Grenze zu schieben oder durch Gesetze unschädlich zu machen, um dann auch das Feld frei zu haben? Das sind die wahren Ursachen der Judenverfolgungen. Sie beruhen nicht auf persönlichen, äußeren und zufälligen Anlässen, sondern auf populärster Grundlage. Der Deutsche und überhaupt der Ausländer und Angehörige einer fremden Nation ist dem Rusien unangenehm, weil er ihn in allen Arbeitsleistungen durch Gewissenhaftigkeit, Ausdauer und Sachkenntniß übertrifft; den Juden aber haßt der Russe besonders, weil er ihm in seiner Lieblingsbeschäftigung die Spitze bietet. Es ist daher wohl mit Sicherheit zu erwarten, daß die Judenverfolgungen in Rußland noch weiteren Umfang annehmen werden. Daß diese aber auch, falls die gänzliche Vertreibung der Juden gelingen sollte, zum Nutzen der russischen Kultur ausfallen werde, glauben wir nicht, denn mit den Juden scheidet aus Rußland eine gewaltige Arbeitskraft, die vielfach der Ge-- sammtheit zu Gute gekommen ist und jedenfalls zur Belebung des russischen Handels sehr wesentlich beigetragen hat." Gegen die russischen Juden haben neuerdings wieder in Podolien große Exzesse stattgefunden. In Jelisawetgrad erstürmten mehrere tausend Bauern unter den Rufen: „Nieder mit den Juden, schlagt sie tot!" die Judenviertel und raubten die Geschäflsläden und Wohnungen aus. Drei Juden wurden getötet, mehrere schwer verletzt. Die Behörden ließen dem Pöbel freie Hand. Zeitungsnachrichten und Correspvndenzeu. D e u i s cd l c n d. Berlin. Die Antisemiten leiden offenbar an fixen Ideen, wie ihr Verhalten gegenüber dem gegen die Deutsche Bank verübten Betrug beweist. Als derselbe bekannt wurde, schrieb der antisemitische „Lechz. Tagesariz.": „Wir sind begierig, den Namen des betrügerischen Beamten und besonders die Namen der „hilfsbeflissenen" Makler zu erfahren, denn wir möchten eines gegen die zehn wetten, daß auch in dieser neuesten Sensations-Angelegenheit „unsere jüdischen Mitbürger" die Hauptrolle spielen." Die letzte Nummer der „Antisem. Korrespondenz" druckt die vorstehende Notiz ab und knüpft daran die Bemerkung: „Wie man jetzt erfährt, heiße der betrügerische Beamte Franck und der Makler, mit dem er gemeinschaftlich die Bank schädigte, Schwieger. Beide sollen, wie wir hören, Juden sein." Bekanntlich ist aber Schwieger, offenbar der Verführer und schlimmere von den Beiden, Christ. England. London, 10. August. Herr Arnold White tritt morgen im Aufträge des Baron Hirsch eine längere Reise nach Berlin und St. Petersburg an. Dieselbe steht mit dem Kolonisationsplan des Barons im Zusammenhang. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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