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Der Israelit · 1891-07-16 · Heft 56 (16.7.1891) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 56 (16.7.1891)
Date
1891-07-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Hü XXXII. Jahrgang. Zweite Beilage,»M 56 «Israelit & Iesthurun" Zur Lage der Juden in Htußkand. Der in Paris verstorbene Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukow gehörte noch zu der alten diplomatischen Schule Rußlands. Er stand dem,Westen nicht feindlich gegenüber, und Gewaltthätigkeiten, wie sie z. B. nach seiner Entlastung vom Posten des Generalgouverneurs von Moskau dort gegen die Juden verübt worden sind, waren ihm zuwider. Für die Armen hatte er eine offene Hand und die Fremden unterstützte er stets in ihren berechtigten Bestrebungen. Als Alexander II. starb, hatte auch sein intimer und aufrichtiger Freund ausgespielt, doch ließ ihn Alexander III. vorläufig auf seinem Posten in Moskau. Noch zur Zeit der Krönung des letzteren gab Fürst Dolgorukow die glänzendsten Feste und als derselbe 1889 seinen 80. Geburtstag feierte, fehlte auch der Kaiser nicht mit Ehrenbezeugungen, allein er scheint schon damals an die Entfernung des bei Einheimischen und Fremden in Moskau sehr beliebten Fürsten gedacht zu haben. Den äußeren Anlaß zu seiner Entfernung soll, wie wir jüngst gemeldet haben, die Nachsicht des Menschenfreundes Dolgorukow gegenüber den armen Juden in Moskau gegeben haben. Nach seiner Entlastung reiste der Fürst ins Ausland und bei einer Fahrt von Venedig nach Paris soll er sich zu viel zugemuthet haben, so daß er in eine Krankheit verfiel, welcher nun der Greis erlegen ist- — Zwischen dem Zaren und dem Kronprinzen von Dänemark ist es, der „Daily News" zufolge, zu einem kleinen Zerwürfnitz gekommen, weil letzterer seiner Schwester', der Kaiserin, mehrere Aufsätze und Broschüren über die russischen Judenverfolgungen geschickt hatte, was der Zar, als er davon erfahren, als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands bezeichnet habe. — Herr White, der Bevollmächtigte des Baron Hirsch, hat, wie die „Od. Nowosti" melden, die jüdischen Kolonien im Cherstoner Gouvernement besucht, und insbesondere die Kolonien „Dobroje" und „Efengar" haben auf den Engländer einen guten Eindruck gemacht. Unter den Landwirthen traf White nicht nur Leute im besten Mannesalter, sondern auch Greise von 70 Jahren an. Obgleich die jüdischen Kolonisten durch einige Mißernten pekuniär geschädigt sind, haben dieselben den Muth nicht verloren und arbeiten fleißig weiter. White hat auch das Gouvernement Jekaterinoßlaw besucht. — Aus Odessa wird berichtet, daß am 21. Juni in der kleinen Stadt Scherajewka, ungefähr 80 Werst von Odessa entfernt, ein Angriff auf die Juden stattfand. Es war gerade Markttag. Sämmtliche Buden der Juden wurden geplündert. Die Juden selbst mußten sich in ihre Häuser flüchten und verbarrikadiren, bis die Polizei ihnen zu Hilfe kam. Den Journalen wurde offiziell verboten, über die Affaire zu, berichten; aber als Konsequenz derselben erschien in den Blättern Odeffa's eine offizielle Notiz, in welcher die ländliche Bevölkerung aller Ortschaften der Provinz gewarnt wird, sich zu Ausschreitungen gegen die Juden hinreißen zu lasten, da solche Ausschreitungen nach dem Standrecht bestraft werden würden- Aus Budapest wird gemeldet: Aus den seinerzeit auch von uns mitgetheilten Ausruf, den der Komorner evangelich-reformirte Bischof Gabriel Pap im Jntereste der verfolgten russischen Juden erlassen hatte, sendete die hiesige autonome israelitische Religions-Gemeinde an denselben eine Dankdepesche. Auf diese traf ein Antwortschreiben des Bischofs ein, in welchem es unter Anderm heißt: „Wer seine Pflicht erfüllt, verdient noch keinen Dank. Ich habe nur meine Pflicht gethan sowol als Mensch wie als Priester, da ich im Jntereste der ungerecht verfolgten, ihrer Habe beraubten russischen israelitischen Mitbrüder mein schwaches Wort erhob. Als Mensch konnte ich es nicht stumm mit ansehen, daß die Nächstenliebe, dieses hehre Gesetz der Liebe, mit Füßen getreten wird, und als ein Mitkämpfer der Freiheit sah ich mit Befremden, daß auch im 19. Jahrhundert die ungerechte Macht die Menschenrechte in den Staub zu treten vermag und daß dagegen nicht das ganze civilisirte Europa protestirend sein Wort erhob mit jener Energie, die der ungerechten, unmenschlichen Verfolgung ein Ende bereiten könnte. Ich bin überzeugt, daß jene retrograde reactionäre Richtung, deren trauriges Zeugniß die Verfolgung der russischen Juden ist, nicht haltbar sein kann. Die allgemeine Theilnahme und Sympathie, die sich mit Ausnahme des verfolgenden russischen Reiches bei allen unsere Erdkugel bewohnenden civilisirten Völkern gegenüber den Verfolgten kundgiebt, ist eine vernichtende Verurteilung der russischen Unbarmherzigkeit, bedeutet die Morgenröthe jener besteren Zukunft, in der Niemand nirgends mehr für seine relegiöse Ueberzeugung verfolgt werden wird." Ein Beispiel für die Grausamkeit, mit welcher bei den Ausweisungen in Rußland vorgegangen wird. In Petersburg lebte ein verabschiedeter Soldat, der noch zu Zeiten Nicolaus I. eingereiht worden war, und folglich 30 Jahre gedient hatte, ein alter sehr würdiger Mann, der Dank seiner Tüchtigkeit und Energie zum Polizeirevieraufseher befördert worden war, ein Posten, den bis jetzt noch kein Jude bekleidet habe. Als die Judenverfolgungen begannen, wurde auch dieser Mann entlassen, blieb aber in Petersburg wohnen, wozu er auf Grund eines Gesetzes berechtigt war, das den ehemalichen Soldaten gestattet, außerhalb des Judenrayons ihren Wohnort zu nehmen. Vor Kurzem ließ sich die achtzehnjährige Tochter dieses Mannes, nachdem sie aus dem elterlichen Hause geflüchtet war, taufen. Das war für den Greis ein harter Schlag. Nach alttestamentarischem Gebrauch zerriß er sein Oberkleid, saß sieben Tage auf dem Erdboden, betete und weinte und laß Todengebete für sie. Durch irgend welchen Zufall erfuhr der Polizeichef, daß der Vater um seine Tochter, die das Christenthum angenommen, trauere wie um eine Todte. Diese Trauer erschien dem Chef der heiligen Hermandad von Petersburg als eine Auflehnung gegen die ebstehenden Gesetze, als eine Verhöhnung des Christenthums und der rechtgläubig-orthodoxen Kirche. Der Greis wurde mit seiner Familie sofort ausgewiesen und in den Judenrayon zurückgeschickt. Der Aermste kann nun darüber Nachdenken, daß man unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen auch in seinen Gemüthsäußerungen nicht vorsichtig genug sein kann. Vermischtes. Mülhausen (Elsaß), 18. Juni. Auch in unserer Gemeinde ist eine Sammlung für die bedrängten Brüder in Rußland veranstallet worden. Herr Lasar Lantz, der sich als erster auf die Liste mit 1000 Mark zeichn ete und auf desten Veranlassung, täglich Gelder aus der Umgegend einlaufen, hat bereits einige Tausend Mark an die Alliance Jsraelitenach Paris geschickt. Otzlany (Ungarn.) Dienstag "r6yra 'S wurde die hiesige Schule eingeweiht; an diesem Tag hat auch die Gemeinde vom Grafen Palfy die bisher gemiethete Synagoge käuflich erworben. Oberrabbiner Reich aus Nowak hielt bei dieser Gelegenheit eine mit großem Beifall aufgenommene Rede. Abends fand ein Festesten statt, welches durch min '"Q"k “1D1D1 gewürzt war.

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