Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1891)
- Date
- 1891-07-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX11. Jahrgang. Beilage m M 54 d« „Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel. Antisemitijchrr Patriotismus. In der „Antisemitischen Corrcspondenz" des Herrn Th. Fritsch, die sich nicht mit Unrecht als das Centralorgan der deutschen Antisemiten bezeichnet, hat der Judenhaß eine Blüthe getrieben, für die selbst der „seltene Fanatismus", den das Leipziger Schöffengericht dem Herausgeber in einem Beletdigungsprozeß bezeugt hat, nicht als Milderungsgrund angesehen werden kann. Um die Verworfenheit .der Juden darzuthun hat die Korrespondenz unter dem Titel „Der Jude imKriege als Leich enräuber, Sp ion und Fon rage ur" aus dem Drumout'schen Buch „La France juive“ einen Abschnitt über die angebliche Thätigkeit der deutschen Juden in dem Kriege 1870—71 gegen Frankreich abgedruckt. Drumont behauptet, in diesem Kriege habe der Jude „in allen Formen und Gewändern dem Herrn v. Bismarck gedient." Fast alle deutschen Spione seien Juden gewesen; selbst Regnier (eine etwas abenteuerliche Persönlichkeit, die als Unterhändler zwischen Bazaine und der deutschen Heeresleitung von Metz eine vorübergehende Rolle gespielt hat) wird zum deutschen Juden gestempelt, „der für diese spezielle Gelegenheit einen französischen Namen trug." Es folgt dann eine dem Pariser Wochenblatt „Illustration" entnommene Schilderung von dem Treiben der Juden auf dem Schlachtfelde, in der es heißt: „So lange die Schlacht dauert, hält sich der Jude im Hintergründe, er fürchtet die Kugeln. — Aber ist der Feind geschlagen und geflohen und das .Schlachtfeld frei, dann kommt der deutsche Jude herangeschlichen. — Dort ist er Herr und König! Ihm, ihm allein gehören alle diese Leichname. Nicht ohne Grund bezeichnet ihn der Soldat als „Rabe des Schlachtfeldes." In aller Ruhe beraubt er die Tobten, indem er von einem Leichenhaufen zu dem andern schleicht. Wenn man ihn so erblickt, wie er sich niederbeugt, läuft, ganz außer sich, begierig, so könnte man glauben, daß er einen Verwandte», einen Bruder, einen Freund sucht. — Aber er sucht nur Gold! — Ab und zu hört man eine Wehklage; es ist ein Sterbender, der um Hilfe bittet, aber der Rabe hat nicht Zeit, sich um solche Lappalien zu kümmern. Hat er denn nicht einen Beruf zu erfüllen? — Man darf ferner nicht vergeflen, daß der würdige Mann zugleich ein Staats di e n er, daß er ein Glied in d er Kette der deutschen Organisation ift(?); er begnügt sich nicht allein zu stehlen, — das ist seine persönliche Angelegenheit; — außerdem ist er Spion. Nachdem die Schlacht verloren ist, bringt er alle Papiere, die er bei den höheren Offizieren gesunden hat, zum Haupt-Quartier. —" Das heißt mit nackten Worten, die deutsche Heeresleitung habe eine Bande von Leichenräubern in ihrem Dienst gehabt. Und eine solche schmachvolle Verleumdung, die in einem französischen Blatt, geschrieben unter dem noch frischen Schmerzgefühl der erlittenen Niederlagen, allenfalls verständlich erscheinen mag, wagt ein deutsches Blatt seinen Lesern vorzusetzen! Vielleicht wird die Korrespondenz sich darauf berufen, daß sie ja hinter den Worten „ein Glied in der Kette der deutschen Organisation" ein Fragezeichen cingeschoben hat. Solche Fragezeichen spielen in der antisemitischen Kampfeswese eine große Rolle; der Antisemitenkatechismus wimmelt geradezu davon. Es ist das ein klägliches Auskunftsmittel, auf welches die Herren verfallen sind, um in denjenigen Fällen, wo sie mit den sonst üblichen „es heißt", „man sagt", „es soll" nicht durchkommen, die Verantwortung für handgreifliche Lügen von sich abzuwälzen. Aber dies Auskunftsmittel versagt völlig in einer Sache, in der es sich um die Ehre des deutschen Namens handelt. Will man für ein solches Attentat, wie es der Abdruck jener französischen Behauptungen darstellt, überhaupt einen Milderungsgrund gelten lassen, so könnte er doch nur darin gefunden werden, daß die „Antisemitische Korrespondenz" selber von der Wahrheit des Inhalts überzeugt gewesen sei. War sie das nicht, so enthält die Einfügung eines Fragezeichens nur das Eingeständnitz, daß ihr keine Lüge und Verleumdung zu schlecht und niedrig ist, wenn dabei nur ein Hieb für den verhaßten Juden abfällt. Aber es kommt noch besser! Herr Drumont erzählt weiterhin — und die „Antisemitische Correspondenz" druckt es ihm ohne Fragezeichen nach —: „Wir haben im Westen Frankreichs in der Umgegend von Maus es selbst erlebt, daß die Juden, die der deutschen Armee folgten, deutsche Soldaten für Tagelohn „mietheten" und sich von ihnen in die Dörfer begleiten ließen. Wenn die Juden ein Haus überfielen, zogen sie einen schmutzigen mehr oder weniger authentischen Stempel-Bogen hervor. Die Uebersetzung lautet einfach: „Requisition". Wie konnte da ein Bauer widerstehen? Die Soldaten dienten als drohende Beglaubigung der Echtheit des Dokuments. — Die Bauern lieferten das Vieh aus, das der Jude verkaufte. —" Man kennt diese Art von französischen Klagen über angebliche Schandthaten und Räubereien unferer Armee in Frankreich. Daß jeder deutsche Soldat wenigstens eine gestohlene Pendule in seinem Tornister mit nach Hause gebracht hat, galt den meisten Franzosen als ausgemachte Thatsache. In solchen Anschuldigungen suchten und fanden die von den Leiden des Krieges zum wildesten Deutschenhaß entflammten Gemüther Erleichterung. Daß aber ein deutsches Blatt den französischen Schmähern