Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1891)
- Date
- 1891-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. M 53, IsraelitJeschamn. 3ritrrt)iift W FSrderinig jüd. Geistes unH D. Kedens in Uns. imtinüt und Klhnie. Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Vr. Lehmann in Mainz. Montag, den 6. Juli 5651 (1801). Leitender Artikel. Ein jüdischer Antisemit. (Entgegnung.) Der „Israelit" brachte in Nr. 49 unter obigen: Titel einen Artikel, worin der Schreiber sich mit meiner neuesten Brochüre: „Das Stiefkind der jüd. Gemeinde" und mit meiner Person eingehend beschäftigt. — Ein jüdischer Prediger und Lehrer, der fast ein Vierteljahrhundert im Amte steht, als Antisemit, das ist allerdings ein vsychatrisches Räthsel, ein Unikum, das wohl verdient, wenn die jüd. Zeitungen davon Notiz nehmen. Irr welcher Weise sich bei mir der Antisemitismus zeigt, werde ich in Folgendem kurz beschreiben: Zunächst einige Notizen über die Brochüre selbst und ihre Entstehung. Die Abhandlung war schon im August 1890 als Anhang zu meiner Universal-Agende geschrieben und wurde Anfangs April 1891 gedruckt, d. h. zu einer Zeit, da noch Niemand eine Ahnung von den schändlichen Verfolgungen unserer Glaubensgenossen in Rußland haben konnte. Mit diesem chronologischen Nachweis richtet sich die Verworfenheit der Gesinnung, die mir der Schreiber imputlrt, sowie alle Schmähungen, die sich daran knüpfen, von selbst. Abgesehen aber davon, ist der Inhalt der Vrochüre gar nicht gegen die russischen Kultusbeamten gerichtet; im Gegentheil, ich lasse ihnen jede Genugthuung widerfahren. Hätte der Schreiber des Gegenartikels meine Abhandlung auch nur flüchtig durchgelesen, — seine Schmähungen wären sicher unterblieben. Er hat aber, wie ich klar Nachweisen kann, auch nicht eineZeile darin gelesen! Seine min war das Stöcker'sche Blatt, „das Volk", er benutzt die darin enthaltenen, aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze und knüpft daran seine Reflexionen. Im „Volk" heißt es *uib er gibt es wieder: „Im Anfänge der 69er Jahre kamen aus dem Osten Leute nach Deutschland. Sie hatten in ihrer sogenannten Heimath nichts zu verlieren und konnten in Deutschland nur gewinnen. Die jüngeren Leute entzogen sich ihrer Militär- Pflicht und ließen leichten Herzens „ihre Anverwandten zurück." In meiner Brochüre lautet die Stelle: Um diese Zeit kamen aus dem Osten erst einzelne, dann eine Schar junger und älterer Leute nach Deutschland, die wirklich in der Heimat „gelernt" hatten. Sie hatten in ihrersogenanntenHeimatnichtsmehrzuverlieren. Ihr Stiesvaterland bot ihnen keine Zukunft, ja nicht einmal ein Stückchen Brot. Die jüngeren Leute entzogen sich ihrer Militärpflicht und ließen mit leichtem Herzen Eltern und Geschwiester, oft auch Frau und Kinder zurück. Sie konuten in „Aschkenas" nur gewinnen: und in der That sie haben gewonnen: ein Vaterland, das seine Angehörigen beschützt, Familie und zum Theil bei ihrer sprichwörtlichen Sparsamkeit und ihrer ascetischen Lebensweise selbst Vermögen. Das nennt der Schreiber eine unerhörte Verleumdung und Verlogenheit, und wenige Zeilen später bestätigt er vollinhaltlich, was ich gesagt, indem er zugibt, daß unter Kaiser Nikolaus viele Versuche, sich der Militärpflicht zu entziehen, vorgekommen, daß über diese Zustände G. s. D. 30 bis 40 Jahre hinter uns lägen. Nun lautet der Anfang des obigen Satzes in meiner Brochüre: Im Anfang der 60er Jahre; — ich denke doch, daß diese etwa 30 Jahre zurücklägen. Im Uebrigen habe ich die Entziehung der Milikärpflicht entschieden vertheidigt. Die russische Regierung hat in ihrer asiatischen Bosheit und Tücke jetzt wieder gezeigt, wie sie ihre jüdischen Landeskinder behandelt. Ein Kind, welches von seinen Stiefeltern mißhandelt, an Körper und Geist gemordet wird, hat. das Recht und die Pflicht, sich den Rabeneltern zikentziehen! . * An verschiedenen anderen Stellen habe ich alletzdings mit den aus Rußland stammenden Kultusber, amten mich beschäftigt und u. A. Seite 12 gesagt*): *) Die löbl. Redaction kann es bestätigen, daß ich nicht nur ungefähr citire, sondern die Original-Ausschnitte beifüge.