Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-07-02 · Heft 52 (2.7.1891) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 52 (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448170--32374-2480216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

XXXII. Jahrgang. Zweite Beilage. M,H Z2 „Israelit - Ieschurun" Zur Lage der Juden in Wußkaiid. London, 17. Juni. Das englische Auswärtige Amt hat einen ausführlichen Bericht von dem britischen Generalkonsul in Odessa erhalten. In demselben beißt es, daß nach Erhalt eines Telegrammes des Inhalts, daß für jüdische Einwanderer in England kein Arbeitsfeld existire, sofort Erkundigungen cingezogen wurden, ob wirklich eine Auswanderung en masse beabsichtigt sei. Es ergab sich, daß alle diesbezüglichen Gerüchte unwahr waren. Eine Hamburger und niederländische Dampfschifffahrtsgesellschaft besitzen in Odessa Agenturen und vermitteln den Verkehr. Auf Befragen erklärten dieselben, daß sie keine Paffagebillets für England verkauft hätten; ebenfalls seien nur wenige der Juden durch ihre Vermittelung nach Amerika gegangen, obschon Anmeldungen in Hülle und Fülle vorlägen. Viele Juden wandern indeß nach der Türkei aus. Der türkische Konsul gibt an, daß er vom 13. Mai bis 6. Juni dreihundert Pässe für Juden, die meistens von ihren Familien begleitet waren, visirt habe, eine Zahl, die bedeutend größer ist als zu irgend einer Zeit des Vorjahres. Die Judenhetze nimm: ihren Fortgang. Die Regierring geht nach der „K. Z." besonders scharf gegen die in Libau wohnenden Inden vor. Der Polizeimeister erließ einen Befehl, allen Inden die Pässe abzunehmen. behufs Feststellung, ob ihnen das Aufenthaltsrecht zusteht. Die, welche dasselbe nicht haben, müssen sofort die Stadt verlassen. In Bernau wurde die Hälfte der bisher ansässigen Juden ausgewiesen. Die Regierungskreise beabsichtigen , alle russischen Apotheken zu verstaatlichen, welche Maßregel wiederum hauptsächlich gegen die Juden gerichtet ist, weil gerade im Apothekcrberuf viele Juden thätig sind. Zu den russischen Judenverfolgungen berichtet die „Times" aus Moskau, es sei trotz aller Dementis feststehende Thatsache, daß die im Etappeuwege ausgewiesener. Juden aneinander gekettet marschiren müssen, eine Behandlung, der sonst nur gemeine Verbrecher unterworfen werden. Der Berichterstatter sah einen alten Juden, dem das eine Auge ausgeronnen war und dem nur durch eine Operation die Sehkraft des anderen Auges gerettet werden konnte. Die christlichen Nachbarn, die ihm bisher Unterstand gaben, verweigern ihm nunmehr das Obdach und im Spital fand er keine Ausnahme, weil laut neuesten Befehlen kein Jude in ein Krankenhaus ausgenommen werden darf. Während des Aufenthaltes des kaiserlichen Paares in Moskau durste kein Jude sich ans der Straße zeigen; ein junger, relegirter jüdischer Student verging sich wider dieses Verbot, faßte an einer Straßenecke Posto und als die Kaiserin vorüberfuhr, warf er ihr eine Bittschrift in den Wagen. Der junge Mann wurde arretirt, aber die Kaiserin nahm die Bittschrift an sich. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. D e u r s ch l and- Hamburg, 18. Juni. In der dieser Tage stattgehabten Sitzung des Unterstützungs-Comitös für die russischen Inden wurde beschlossen, vorläufig ans internen Gründen von einem öffentlichen Aufruf abzusehen, dagegen in den nächsten Tagen durch Annoncen die Annahmestellen für Geldbeiträge bekannt zu geben. Es scheint für die nächste Zeit ein größerer Andrang erwartet zu werden, da beschlossen wurde, zu einer heute Abend stattfindenden Sitzung 48 Assistenten ein.zuberufen und dieselben zu instrnircn. Von diesen hat die „Henry Jones-Loge" (U. O. B. B.) dem Comite 20 ihrer Mitglieder zur Verfügung gestellt, auch wurden in der vorigen Woche durch die Munificenz der Loge 100 Personen mit Speise und Trank versehen. Auch das Bekleidungscomitv, dessen Annahmestelle sich übrigens nicht in dem Comptoir des Vorsitzenden desselben, sondern in deni für diesen Zweck gemietheren Lokal, Alter Steinweg 19, befindet, hat Assistenz zugezogen, da der Andrang ein zu großer ist, auch wird in den nächsten Tagen ein Damencomits sich constimiren, an dessen Spiee sich die Gemahlin eines kürzlich verstorbenen Gemeindevorstehers gestellt hat. Alle diese Maßregeln sind in Uebereinstimmung mit der „Alliance Jsraelite Universelle" und der hiesigen Polizeibehörde getroffen, welche dem Comite mir der größten Freundlichkeit entgegenkommt und deren große Zuvorkommenheit von allen Seiten freudig anerkannt wird. Was die gebrachte Notiz anbelangt, daß Baron Hirsch in Gemeinschafr mit Baron Rothschild hier weilten, so ist zu bemerken, daß die Herren allerdings die Absicht hatten nach hier zu kommen, jedoch in letzter Stunde daran verhindert worden sind und statt ihrer der Director der „Alliance Jsraelite Universelle", Herr Löb aus Paris, mir dem hiesigen Comite conferirte. Frankreich. Paris. Der Pariser „Temps" bespricht in einem interessanten Artikel die Ausdehnung des Antisemitismus in Europa und bedauert vor Allem die Enttäuschung, in der man sich gewiegt, indem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.