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Der Israelit · 1890-12-04 · Heft 95 (4.12.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 95 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Wie«. Fünfzig Jahre besteht in Wien der Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten. Aus kleinen Anfängen in einer Zeit, welche seinem Zwecke und seiner Entwicklung nicht günstig war. hat er sich cmporgcarbeitet, und jetzt stellt er sich als eine Institution von großer cultureller Bedeutung dar, welcher kein Menschenfreund und kein Förderer socialer und wirtschaftlicher Besserung des Volkswohles seine Sympathie versagen kann. Der Jubiläumsbericht bietet ein erstaunliches Bild der allmählichen Entfaltung dieses segensreichen Vereines dar, die schlichte, aber ausdrucksvolle Bercdtsamkeit seiner Daten und Ziffern verleihen ihm einen cnltnrgeschichtlichenWerth. Als der Verein ins Leben trat, mußte für jeden jüdischen Knaben, der dem Handwerke zugeführt wurde, eine bestimmte Taxe entrichtet und alljährlich die Bewilligung zum Aufenthalte in Wien von der Behörde eingeholt werden. Dem israelitischen Gewerbetreibenden war das Aufdingen und Frcisprechen verwehrt. Im Jahre 1844 wurde die letztere, im Jahre 1846 Die elftere Bestimmung mittelst Hofdccrets aufgehoben. Von fünf Zöglingen im ersten Jahre wuchs H^die Zahl auf 585 im Jahre 1884. Daun blieb sie "'"stationär, und zwar deßhalb, weil der Verein außer Stande war, dem Andrang von Aufnahinsbcwerbern mit seinen financiellen Mitteln nachzukommcn. .- Im Jahre 1888 gewährte Baron Hirsch dem Vereine eine jährl. Subvention von 14.000 fl., und konnte zur alten Praxis zurückgckchrt werden. Die Folge war eine Vermehrung der Zöglinge bis zur Zahl von 1026 im Jahre 1889, die Steigerung der Ausgaben von 13.455 auf 25.451 fl. Und abermals erhebt sich die Frage, ob bei dem gegenwärtigen Bestand von über 1200 Zöglingen der Verein nicht wieder genöthigt sein wird, die weitere Aufnahme zu sistiren und den Kreis feiner gedeihlichen Wirksamkeit einzuschränken, zumal die Nothwendigkeit erkannt ist, ein eigenes Vereinshaus zu errichten, in welchem der Verein seinen Zöglingen, wo es erforderlich ist, selbst eine Unterkunstsstätte bietet und unmittelbar ihre physische und moralische Entfaltung überwacht. So fällt das Jubiläum mit einer Krise zusammen, zu deren Beseitigung eine thatbereite Opferwilligkeit an allen Stellen erwartet wird, wo mit der bisherigen, von schönstem Erfolge begleiteten Wirksamkeit und mit den trefflichen Zielen des Vereins lebendige Sympathie vorhanden ist. Die großmüthige Zuwendung, welche dem Vereine vor zwei Jahren zutheil geworden, hat demselben auch entsprechend größere Aufgaben auferlegt; er kann dieselben nur erfüllen, wenn auch die wohlthätige Unterstützung derer, die sein Gedeihen wünschen, sich steigert. Schweiz. Basel. Herr Prof. Dr. Georg I e l l i n e k ist zum Dccan der hiesigen juridischen Facnltüt gewählt worden. Vermischtes. < Radosna (Obevuiiqcir,,). 18DD 'D. Am verflossene,I 'p rüE* starb der in unserer Gegend wegen seiner grasten Talmudkenntnisse rühmlich bekannte Oekonom Rabbi Eliasar Levin in Bleszitz bei Tapolcsan. Trotz seines schweren bürgerlichen Berufes widmete er jeden freien Augenblick dem Studium der hl. Thora. Er weigerte sich stets, einen Rabbinatsposten anzunehmen, weil er die min nicht als ro "iBn1? omp benutzen wollte. Im Hanse des Verstorbenen sprachen dessen Schwager, Herr Lehrer Deutsch ans Topolcsan, und am Grabe der Rabbiner und der yi ou§ derselben Smdr. rV'DStn. M. Klein, Lehrer. Budapest. Der Sohn des Moriz Steiger, des Oberbeamten der „Ehewra Kadischa" , der junge Eomponist Dr. jur. Ludwig Steiger, einer nuferer anerkanntesten Musikreferenten, welcher auch schon sehr hübsche Operetten componirte, ist vom Kultusminister Grafen Czuky zum Professor am K. U. Eonservalorinm ernannt worden und hat bereits seine Professur an dieser Landesanstalt ausgenommen, woselbst er gar bald Hervorragendes leisten dürste. Die „Ehewra Kadischa" der Pester aut. orth. Jsraelitengemeinde zählt bereits 100 gründende Mitglieder und wird nächsten Chanuka ihre erste Ausnahme haben. Seit ihrer Gründung beerdigte sie eine Jynm und zwei Kinder. Berlin. Les sing ein Jude! Mit dieser neuen Thatsache hat der Berliner Figaro-Correspondent, Herr I. de Saint-Mesinin, die Bewunderer und Freunde des unsterblichen Mannes bereichert. Bermnthlich hat er sich diese seine ureigene Wissenschaft bei den antisemitischen Hetzern geholt, die ja bekantlich in ihrem Uebereifer den Dichter der Minna von Barnhelm, der Emilia Galotti und des Rathan damit herunterzusetzen gesucht hatten, dast sie ihn den Israeliten znzählten. Herr de Saint-Mesmin begnügte sich indessen nicht mit bloßen Wünschen oder Verrnnthungeii. Gr verkündet es ganz munter, Lcssing sei ein Jude gewesen! „Lessing qui vecut sous Frederic II etait juif." Run wissen es. ja die Pariser und nsit ihnen die ganze Well. Aber nicht seine Zugehörigkeit zum Indenthnm, so versichert der gelehrte Kenner der dculschen Literaturgeschichte weiier, machte ihn, die Gunst des großen Prenstenkönigs abwendig, sondern der Umstand, daß er den in Friedrichs Angen größten Fehler hatte, ein Deutscher zu sein. Herr de Saint-Mesmin ist aber.in seine Idee von der Zugehörigkeit Lejsings zum Judenthum derartig verliebt, daß er die Frage auswirst, weshalb Lessing unter Kaiser Friedrich III. glücklich gewesen wäre? Er müßte kein schlagfertiger Franzose sein, um nicht die Antwort soforzur Stelle zu haben. Sie tautet: „Etwa deßhalb, weil Lessing ein Jude war: Das hätte nicht zugereicht. (Cela n’eüt pas suffi), sondern weil er die religiöse Duldung gepredigt." Und nach dieser erbaulichen Einleitung erzählt dann Herr Saint- Mesmin ganz munter weiter, daß die Einweihungsfeierlichkeit des Lessingdenkmals in Berlin einen unverkennbar israelitischen Eharakter gehabt hätte (son petit charactere israölite) — trotz der Minister Boetticher, Goßler, trotz des Polizeipräsidenten von Richthofe,«, des Generals Waldersee, trotz des Adjutanten des Kaiser und last not least — des Prinzen Friedrich Leopold! Es geht doch nichts über einen guten Spaß!

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