Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 68 (28.8.1890)
- Date
- 1890-08-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Ztverle Beilage)u^68 ües„IsraM"öe„Ieschurun" Feuilleton. Weiseöriefe aus der Schweiz. Von E. H a t t e it f e I f e r. III. Luze rn, 19. Ab. Mein lieber Freund! Heute früh marfchirten wir, Freund Benedict und ich, von Rigi ab direkt nach Weggis, uni von da auf dem Vierwaldstätter-See nach Luzern zu fahren, St. Benedictus mit einem mächtigen Alpstock bewaffnet, der ihn um Kopfeslänge überragt, und auf den er sich nicht wenig zu gute thut, obwohl er wiederholt darüber gestolpert ist. Sonst hatten wir wenig Abenteuer,, aus dem Wege. Von den verschiedenen zum Rigi 'führenden Wegen, ist dieser der am meisten frcquentirte. Er ist nie leer von auf- und absteigenden Touristen. Man hat den einzig herrlichen Vierwaldstättersee immer vor sich, so daß man bei jedem Schritt die schönste Aussicht auf die Gegend hat.' Das hat auch seine Schattenseiten. Denn man sieht mehr auf die Gegend als auf die Füße, so daß es auf den steil abfallenden Wegen nicht an Purzelbäumen fehlen kann. Zum Unglück sehe ich alles durch die jüdische Brille, was mir oft den Genuß stört, den andere, die nur mit bloßen Augen sehen, in vollen Zügen kosten. Ich muß Dir das an einigen Beispielen zeigen, damit Du diese meine Marotte milder benrtheilst, wenn Du ihr in meinen Briefen immer wieder begegnetst. Da liegen am Saum der eben abgemähten Matten die Schnitter und nehmen ihren Morgenimbiß. Wir setzen uns zu ihnen, lassen uns von der Alm, den Sennereien, den Ernteaussichten, kurz von Holland und Brabant erzählen. Unsere Reiseflasche, die wir statt eines Bädekcr immer an der Seite nagen, macht die Erzähler gesprächig. Sie erzählen uns, wie die Graserute beim zweiten Schnitt besser ausgefallen sei, als beim ersten. Auf meine Frage, ob in der Qualität des Grases rcsp. Heues ein Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Schnitt sei. meinte Benedict, der, wie Du weißt, selbst etwas von Landwirthschaft versteht, das sei etwas allbekanntes, daß der zweite Schnitt, den sie hier zu Laude Emd nennen, besser als der erste sei. Mir schien das befremdlich, daß das erste Wachsthum dem Nachwuchs an Qualität nachstehen solle. Die Schnitter bestätigten aber, daß das Gras um so besser wachse, je mehr cs geschnitten werde. Sollte das, meinte ich im Weitergehen zu B. gewendet, nicht der Sinn des Wortes in Jecheskel sein nmj nzin -pnnj mtcrn „Zahlreich wie das Gras des Feldes habe ich Dich hingegeben?!" Wir finden wohl um die Menge Israels zu veranschaulichen, die Sterne, den Sand, den Staub als Maßstab angelegt; aber wohl nirgends sonst das Gras. Sollte uns damit nicht der Gedanke an die Beziehungen zwischen uns und dem Grase nahe gelegt werden, wie wir sie soeben gehört haben? Wir müssen erst geschnitten und gemäht werden, um besser und gut zu werden, um hoffen zu dürfen, daß unser Nachwuchs die Qualität erreicht, die uns noch fehlt? oyn Tan p« „Wahrlich Gras ist das Volk", sagt vielleicht Jesajas in diesem Sinne. Benedikt, der alles auf die leichte, heitere Seite nimmt, wollte das nicht gelten lassen. Das Gras meinte er, habe noch eine andere Eigenthümlichkeit, die noch auffallender als die erwähnte sei. Während alle Pflanzen um so weniger gedeihen, je näher und je zahleicher sie zusammenstehen, habe das Gras die Eigenthümlichkeit, daß die einzelnen Halme um. so kräftiger sich entwickeln, je dichter das Gras steht, und um so schwächlicher, je vereinzelter sie sich finden. So sind auch Zwillinge und Drillinge gewöhnlich schwächlicher 'als einzelne Geburten, aber bei unseren Vätern in Egypten, worauf sich die Stelle in Jecheskel bezieht, wurde trotz der ungewöhnlichen Vermehrung des Volkes die Qualität nicht durch die Quantität beeinträchtigt, sie waren zahlreich, aber wie das Gras auf dem Felde. Wir gingen ziemlich stark und holten eine lustige Gesellschaft junger Leute ein, die mit lautem Singen und übermüthigen Scherzen den steilen Bergabhang hinuntertrolltc. Plötzlich wurden sie wie aus Commando still und blieben einige Minuten stehen, wir kamen näher, es war eine in den Felsen gebaute Kapelle, vor der sie Halt machten und stille beteten. Dann gingen sie mit langsamen Schritten weiter und waren bald wieder in ihrem vorherigen heileren Tempo. Wie beschämt die Gesellschaft alle Diejenigen unter uns, welche falsche Scham zurückhält, öffentlich Gott die gebührende Ehre zu zollen! Die jungen Leute geniren sich nicht vor den vorbeiströmeudeu Touristenschaareu, am hellen, öffentlichen Tage zu beten und unter uns Juden, von welchen die Welt doch erst beten gelernt hat, gibt es Leute, die sich bei Nacht und Nebel nicht zu Mizwas Kiddusch Lewouo entschließen können, aus Furcht, daß irgend ein kleiner oder großer Gassenjunge sich daran stoßen möge!