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Der Israelit · 1890-06-26 · Heft 50 (26.6.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 50 (26.6.1890)
Date
1890-06-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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914 in längerer Rede über die Pflichten eines Lehrers in Israel sich erging und namentlich der Freude Ausdruck gab, daß diese bedeutende Gemeinde, nachdem sie 38 Jahre ohne Oberhaupt, nun ihren eigenen 'wn '-no habe, der nach seiner bisherigen Wirksamkeit verspreche, das verantwortliche Amt erfolgreich zu verwalten. Nach Dankesworten und Segensspruch von Seiten des neuen Oberrabbiners schloß diese erhebende Feier mit Gesang. Kine alte Geschichte. Erzählt von * * * Fortsetzung aus der Belletr. Beilage zu Nr. 48. Als der Tag graute, schlichen Großvater und Enkel in den nahen Wald, stillten ihren Hunger mit Wurzeln und Beeren und begannen dann ihre trostlose Wanderung in die weite Welt; über die blauen Juraberge zogen sie in das Schweizerland, der Alte wollte Triest zu erreichen suchen, wo sein Sohn angesehene Handelsverbindungen gehabt hatte, dort hoffte er Hilfe für sich und den armen Enoch zu finden. Aber das Unglück hatte des alten Mannes Lebenskraft gebrochen, einige Wochen wanderte er mit dem Enkelsohne muthlos, hoffnungslos auf fremden Wegen, und dann kam eine Nacht, in der Enoch das einzige Herz, welches noch auf Erden für ihn schlug, verlor. Die Dunkelheit hatte die armen, unglücklichen Wanderer auf einer Höhe überrascht, Rüben, zum Tode erschöpft, beschloß zu rasten, bis der Mond den gefährlichen Pfad erhellen würde; sie lagerten sich unter einem Baume, und Enoch schauderte bei dem qualvollen Stöhnen des Großvaters. Als der Mond aufgegangen war, versuchte Rüben sich zu erheben, aber er vermochte es nicht mehr; er erhob seine dürren, abgemagerten Arme zum Himmel, dann gebot er seinem Enkel zu beten. Enoch kniete nieder neben dem Großvater und betete still, Rüben legte die Hand segnend aus des armen Kindes Haupt; schwerer und schwerer wurde die Hand, der Knabe hörte den Großvater angstvoll röcheln, von namenlosem Grausen ergriffen, sprang er auf, — das helle Mondlicht lag auf dem bleichen Antlitz des Todten. Enoch schrie laut auf in hilflos wildem Schmerze, der Anblick des Todten, das Gefühl der Verlassenheit raubten ihm fast die Besinnung; während des Restes der Nacht irrte er in der fremden Gegend umher, so mutterseelenallein, Menschen suchend, die den Großvater bestatteten, dem armen Knaben Hilfe brächten. Als der Morgen dämmerte, stieß er auf Landleute, welche hinauszogen, ihr Tagewerk zu beginnen. Gleichgültig, theilnahmslos hörten sie des Kindes jammervolle Geschichte; in dem Dorfe, dem sie angehörten, waren niemals Juden geduldet, es war demnach kein jüdischer Friedhof vorhanden; man wolle den Großvater beerdigen neben der Mauer des christlichen Gottesackers auf einer Schaftrift, erklärten die Bauern, damit war die Sache abgethan; für den armen Judenknaben, von Hunger und Gram fast verzehrt, dessen große, dunkle Augen so bittend, so verzweifelnd unter den langen Wimpern blickten, hatte Niemand, Niemand ein Wort des Trostes, hatte Niemand Hilfe. Nur der kennt die ganze Bitterkeit völliger Verlassenheit, der sie selbst durchlebt; Enoch vergaß sie selbst bis in sein spätestes Alter nicht. Er verlor den Muth, ferner für sich zu bitten, seine Kraft war erschöpft, er schlich weiter und in seinem Kindesherzen regten sich mehr und mehr verzweifelnde Gedanken: „Sind das die Christen," sprach er zu sich, „von denen die Mutter mir erzählt, daß ihr Messias ihnen die Liebe gepredigt? Haben sie es vergessen, was der Messias ihnen gesagt? Ohne ein Ziel, ohne zu wissen wohin, zog Enoch weiter. Selbst des Großvaters Plan, nach Triest zu gehen, hatte er aufgegeben, wer konnte wissen, wie man ihn da empfing? Mit erbetteltem Brode, das ihm widerwillig gereicht ward, fristete er sein Leben und war so bereits mehrere Tage nach des Großvaters Tode herumgestrichen, als er eine alte Dame, die er vor der Thüre eines schönen Landhauses sitzend traf, um eine Gabe ansprach. Sie sah ihn gütig an und richtete die erste teilnehmende Frage an ihn, wer er sei? woher er komme? Enoch wußte seit des Großvaters Tode klar und deutlich, daß es für eine Schmach gelte, ein Jude zu sein, er hatte nicht mehr den Muth, sich als Jude zu bekennen. Ein Mährchen war bald erfunden: er war eines Pächters Sohn aus Frankreich, sein Vater war in den Wirren der Revolution umgekommen, seine Heimath verwüstet; Wahrheit und Dichtung flössen zusammen. Die edle Frau war von des armen Knaben Anblick, durch sein trauriges Geschick tief erschüttert, und Enoch empfand die Wahrheit dessen, was unser alter

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