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Der Israelit · 1890-01-30 · Heft 9 (30.1.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 9 (30.1.1890)
Date
1890-01-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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158 Leviten gelesen. Doch dies nur nebenbei, und blos deßwegen, weil es den Anlaß gegeben hat zu einigen bemerkenswerthen Aeußerungen Renans über Judenthum , Christenthum und Antisemitismus. Der „Figaro" hat den berühmten Gelehrten ausfragen lasten, und folgendes hat Renan ausgeführt: „Sie finden mich ganz verblüfft: ich habe eben die Zeitung gelesen. Das ist ein großer Schmerz für mich, ich versichere Sie, wenn ich sehen muß, daß die wesentlichste der Religionen, die Religion der Toleranz, bei uns noch so wenig geübt wird. Frankreich hat seit hundert Jahren sehr weise die jüdische Frage gelöst. Das erste Kaiserreich hat, Dank den Arbeiten seiner besten Rechtsgelehrten, namentlich Portalis, die Stellung der Israeliten geregelt und durch ausgezeichnete Einrichtungen das etwas übereilte Werk der Revolution befestigt. Wir haben geglaubt, mit dem Religionshaß am Ende zu sein. Der Antisemitismus schien nur noch eine deutsche Plage zu sein. Man hätte sie Deutschland wohl lassen können. Die Antisemiten behaupten, daß sie sich nicht gegen die jüdische Religion wenden. Aber ihr Verfahren beweist das Gegentheil; denn heißt es nicht das gesammte Judenthum diskreditiren, wenn man seinen Namen jedes Mal ausspricht, so oft man, selbst außerhalb des Judenthums, die Idee einer Ausbeutung oder irgend eines ungerechten Besitzes Hervorrufen will? Wir thun Unrecht unseren eigenen Ursprung nicht höher zu achten. Wir sollten uns erinnern, daß aus der jüdischen Religion idie unsrige hervorgegangen ist. Der Juden spotten! Und doch haben die Christen die ersten vierhundert Jahre ihrer Existenz ihre Eidein den jüdischen Synagogen geschworen! Sie behaupteten, daß man nur hier die wahre Bibel finde. Und sie schwuren nicht bloß in den Synagogen, sondern sie feierten darin auch ihre Ostern, zum großen Leidwesen des hl. Johannes Chrysostomus, der darüber fast in Verzweiflung gericth. . . . Man wirft den Juden vor, daß sie so gut mit dem Geld umzugehen wüßten. Das ist unser Fehler. Zwölf bis dreizehn Jahrhunderte lang hat Nichts sie von uns unterschieden. Es gab unter ihnen Arbeiter und Bauern; jüdische Weinbauern gab es im Süden in Menge. Das war bis zu dem Tage, wo die Kirche den Fehler beging, das Geldleihen für ein Verbrechen zu erklären; da wurde der Israelit natürlich Meister in einer Industrie, die der Christ, sehr gegen seinen Willen, aufzugeben gezwungen war Bon da an datirt die Eifersucht, der Haß und auch die Verfolgungen. Die wichtige Rolle, welche die Israeliten heute in der Handels- und Finanzwelt spielen, ist das ganz natürliche Werk unserer Jrrthümer und unserer Leidenschaften, aber diese Erwägungen dürfen uns nicht vergeffen lasten, daß der Israelit heute Bürger ist und Franzose wie wir. Ich kenne eine große Zahl Israeliten, Männer der Literatur, Gelehrte und Soldaten, deren Leistungen eine Ehre sind für unser gemeinsames Vaterland!!..." So Renan. Im Anschluß an diese Aeußerungen stellt Chincholle im „Figaro" noch fest, daß der General Boulanger selbst im vorigen Jahre vor Zeugen erklärt hat, er sei kein Antisemit, womit gesagt ist, daß der heutige Boulangismus sich arg verändert hat. Gegen verschiedene Behauptungen, die in der Samstag-Versammlung vorgebracht wurden, hat übrigens der Großrabbiner Zadok Kahn in einem Briefe, den der „Temps" veröffentlicht, protestirt. Schließlich scheint den Urhebern des ganzen Feldzugs die Einsicht gekommen zu sein, daß sie nicht gerade den gescheitesten Streich gemacht haben; denn Herr Laur hat nachträglich erklärt, sein Antisemitismus sei mehr ein „wissenschaftlicher", als ein praktischer. Er wird gemerkt haben, daß damit nicht viel Stimmen zu gewinnen sind. Paris, 26. Januar. Der „Figaro" berichtet über Spaltungen iu dem ComitS Republicain National, deren Beilegung Boulanger übertragen ist. Laur und Deroulöde seien für Fortsetzung des antisemitischen Feldzuges, während Naquet die sofortige Einstellung derselben verlange, widrigenfalls er seine Entlassung nehmen werde. Boulanger ist ebenfalls gegen den Antisemitismus. Griechenland. Athen. Die Regierung hat der jüdischen Gemeinde zur Errichtung einer Synagoge einen Baugrund geschenkt. Rußland. Kiew. Ein jüdischer Advokat wollte seine dahier befindlichen Häuser auf den Namen seiner Frau übertragen lassen. Der Notar weigerte sich die Uebertragungspapiere auszustellen, mit derMotivirung, „daß ein Jude in Kiew keinen Besitz haben dürfe; das Gesetz mache zwar einige Ausnahmen, zu welchen auch die jüdischen Advokaten gehörten; eine jüdische Frau aber könne unter gar keinen Umständen irgend welchen Besitz erwerben. Ob und welche Rechte der Mann einer jüdischen Frau besitze, komme dabei gar nicht in Betracht." Zwei Instanzen des Gerichts haben sich der Ansicht des Notars angeschlossen.

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