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Der Israelit · 1889-04-25 · Heft 32-33 (25.4.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 32-33 (25.4.1889)
Date
1889-04-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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575 nannten Fußsack daraus verfertige, womit sie ihre Mutter zum Namenstage überraschen wollte. Der erwähnte Kürschner war ein Jude, Namens Sabel Kaufmann; er kannte jeden Sprößling der Familie, die er schon seit einer Reihe von Jahren mit Pelzwerk versorgte. Er war ein älterer, überaus kluger Mann. Mein Großvater plauderte zuweilen gern mit ihm und war selbstverständlich gern bereit, der Bitte seiner Schwester zu entsprechen. Auf dem Heimweg übergab er dem Kürschner die Stickerei und dieser versprach, am folgenden Tage den fertigen Fußsack in die Wohnung gegenüber der katholischen Kirche zu senden. Dorthin begab sich auch mein Großvater, als er gegen neun Uhr Abends von seiner Braut kam. Die Hausbesorgerin war benachrichtigt, daß er daselbst zu übernachten gedenke. Er fand das Zimmer wohldurchwärmt, im Kamin brannte ein helles Feuer, auf dem Tische stand die Theemaschine und in dem Kessel brodelte einladend das kochende Wasser. Er braute sich einen kräftigen Grog und suchte dann sein Lager auf. Angenehm ermüdet von dem heiter verbrachten Tag, entschlummerte er bald. Der Pendel über dem Kamin, dem Bette gegenüber, tikte fort und fort, und von Viertelstunde zu Viertelstunde verkündete die Uhr in hellen, tönenden Schlägen die unaufhaltsam verrinnende Zeit. Mein Großvater hörte es nicht, er schlummerte ruhig weiter. Mehrere Stunden waren vergangen, doch die Winternacht war noch lange nicht vorüber. Dunkle Wolken hatten sich vor den Vollmond gedrängt; auch in dem Zimmer meines Großvaters war es nahezu finster, aber eine seltsam eigenthümliche Bewegung machte sich in demselben bemerkbar, hätte er gewacht, ihm hätte dieselbe zweifellos nicht entgehen können — aber er durchlebte die schönen Stunden, die er gestern an der Seite seiner Braut verbracht, im Traume nochmals — er schlief fest. Die Bewegung im Zimmer nahm mehr und mehr zu, anfangs war es nur ein leises Sickern, doch das hereindringende Wasser stieg höher und höher, die hohen Stiefel, die vor dem Bett gestanden, schwammen bereits auf den Fluthen, und mein Großvater schlief noch immer. Endlich, die Pendüle verkündete soeben die fünfte Stunde, der Schläfer erwachte. Er hatte zwar noch nicht die Augen aufgeschlagen, mit geschlossenen Augen zählte er die Schläge und war eben im Begriff, sich auf die andere Seite zu legen, um noch ein paar Stunden zu ruhen, als ein eigenthümliches Geräusch ihn veranlaßte, die Augen zu öffnen. Unwillkürlich richtete er sich auf und blickte um sich; aber es war noch zu finster, er vermochte die Gegenstände ringsum nicht zu unterscheiden. Doch die Athmosphäre im Zimmer berührte ihn unheimlich, es war als ob er sich im Freien befände — feuchte, eisigkalte Luft wehte ihm entgegen. Jetzt erst erinnerte er sich, daß die Fensterläden nicht geschloffen waren; sollte vielleicht eine Scheibe zerbrochen sein? Ohne sich vollständig klar zu sein, was er beabsichtigte, griff er nach seinen Kleidern, die vor dem Bette auf einem Sessel lagen. — Das Gewand, das er an sich riß, war zur Hälfte wie durch Wasser gezogen. — Ein Schreckensruf entrang sich seinen Lippen, es war Hochwasser, und man hatte versäumt, die Wohnung zu verschalen. Hastig sprang er auf im Bette; was von den Kleidern trocken geblieben war, legte er an und wollte dann vor allem Licht anzünden. Auf dem Nachttischchen vor dem Bette lag Feuerzeug und Schwefelfaden, mit zitternder Hand setzte er die danebenstehende Kerze in Brand und — Entsetzen malte sich in seinem geisterbleichen Angesicht — das Wasser hatte bereits den Sitz des Sessels erreicht — er stieß einen gellenden Schrei ans, einen Moment stand er rathlos da. Was konnte er beginnen2 wie sich retten? — Das wogende, unablässig steigende Wasser zu durchwaten, um sich dann über die Stiege hinauf in die oberen Räume zu retteif, war dem Hinkenden unmöglich. Das Wasser stieg mehr und mehr, cs hatte bereits den Sitz des Sessels überfluthet und war in das Bett gedrungen. Er schleuderte die Polster auf den großen, eichenen Tisch, der in der Mitte des Zimmers sich befand. Dann stieg er auf den bereits überslutheten Sessel vor dem Bett und von diesem auf einen zweiten Sessel, schob dann nicht ohne große Anstrengung den ersten Sessel in die Nähe des Tisches, stieg darauf und schwang sich von hier aus auf den Tisch. Aber das Wasser stieg zusehends, mein Großvater glaubte den Moment herannahen zu sehen, wo es die Tischplatte erreichen werde und bemühte sich, den zunächststehenden Sessel heraufzuheben; es kostete ihn übergroße Anstrengung, denn das Wasser war in die Polsterung gedrungen, der ohnehin schwere Sessel hatte jetzt doppelts Gewicht und mein Großvater war nicht nur hinkend, er war auch schwach und zart gebaut, doch endlich gelang es, er hatte

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