Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1889)
- Date
- 1889-01-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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63 ziehe ich es vor, die Offensive zu ergreifen. Ich habe Ihnen zwei Vorschläge zn machen. Sie können den einen annehmen oder den anderen, ganz wie Sie dies wollen. An jenem traurigen Abende, da Sie unser Gast waren, hat mein Gemahl Sie beleidigt, und ich habe eine noch schwerere Beleidigung hinzugefügt Mein Sohn aber hat Sie in keiner Weise gekränkt, im Gegentheil, er bedauerte den Vorfall, und war tagelang ganz untröstlich darüber. Geben Sie mir dieses zu?" Ich nickte wiederum, ohne zu reden. „Mein Mann ist tobt, mein Sohn ist schuldlos, ich bin also die einzige, die die ganze Wucht Ihres Zornes treffen, gegen die sich allein die Glnth Ihres Rachedurstes richten muß." Sie sah mich fragend an, ich nickte zum dritten Male und kam mir vor, wie eine Pagode. „Nun denn, so sehen Sie mich entschlossen, Ihren lechzenden Durst zu stillen, Ihre Rachegier zu befriedigen. „Sie wollen mich verderben, vernichten, nicht aufhören bis Sie mich in den Tod getrieben. „Gut! Ich gehe freiwillig in den Tod und Sie haben das Ziel erreicht, das sie wünschen können. „Die Juden sind zwar rachedürstig ohne Ende, aber sie sind auch klug und verschlagen. Deßhalb bin ich der Meinung, Sie begnügen sich mit dem einen Opfer und verlangen kein zweites. Sollte Ihnen aber mit meiner Vernichtung noch nicht genug gethan sein, sollten Sie dennoch unseren Namen brandmarken und der öffentlichen Verachtung preisgeben wollen, so seien Sie überzeugt, daß auch mein Sohn den Tod einem schmachvollen Leben vorziehen wird. „Ihre Anklage wird keinen mehr treffen, als Sie selbst. Denn das kann ich Ihnen verkünden, wenn Sie erbarmungs- und vernunftlos meinen Sohn in den Tod treiben, so wird ein Schrei des Entsetzens durch ganz Deutschland gehen, in allen Städten und Dörfern wird man sich zusammenrotten, um die herzlosen Juden zn erschlagen. Ihr ganzer Stamm wird Ihre Grausamkeit zu büßen haben. „Haben Sie genau verstanden, was ich Ihnen sagte?" Ich spielte wieder Pagode. „So entschließen Sie sich für das erste oder das zweite, wie es Ihnen gefällt; die Schrecken, die Sie für uns haben, sind damit erschöpft." „Gestatten Sie mir eine Frage", sprach ich gelassen, „wußte auch Ihr Sohn um das Verbrechen?"! Sie legte die Hand auf's Herz. „Bei Dem, bur für uns gestorben ist, Friedrich hatte auch nicht die leiseste Vermuthnng. Erst heute Abend habe ich ihn um Ihretwillen mit Allem bekannt gemacht, und diese Nachricht, verbunden mit der vorausgegangcnen Furchtbarkeit hat dem armen, unglücklichen Knaben so sehr zugesetzt, daß ich ihn zu Bette bringen mußte. Jetzt hat ihn der Kummer eingeschläfert. So sei Gott meiner Seele gnädig, als ich die Wahrheit rede!" „Ich glaube Ihnen, Frau Baronin!" erwiederte ich, „doch nun lassen Sie auch mich reden. „Ich legte vor Kurzem die Ihren Gatten und Sie so sehr compromittirenden Papiere dem Ministerialrath, Excellenz von Zorren vor, da ich diesen gerade kenne. Der Ministerialrath hat mir sein Wort gegeben, über diese Sache zu schweigen und mir die Frage, ob eine Untersuchung des Verbrechens für den Nutzen des Staates unumgänglich nöthig sei, mit „Nein^ beantwortet. „Es steht mithin der Verbrennung dieser Schriftstücke nichts mehr im Wege." Frau von Bronnfeld zog ein Fläsch'chen mit einer dunklen Flüssigkeit aus ihrer Tasche. „Sie sollen nicht meinen", sagte sie, „daß ich Sie zu hintergehen strebe. Eine Stahlburg kann irren, doch zu einer Betrügerin wird sie niemals werden." Mit den Worten „Ist dieses Gift?", reichte sie mir die kleine Phiole hin. Ein intensiver Geruch von Bittermandel Meg mir entgegen. „Das ist Blausäuere", sagte ich mit gleichgiltigem Tone und verkorkte das Glas wieder. „Wohlan, mein Herr! Den Inhalt dieser Flasche werde ich trinken, sobald sie diese Papiere verbrennen." Ich griff in meine Brnsttasche und zog das Portefeuille des Regierungsrathes hervor. „Wissen Sie etwa, was hierin enthalten zu sein pflegte", frug ich. Sie bejahte. „Ueberzeugen Sic sich gefälligst,^ daß ich Nichts entnommen habe, als die chiffrirten Briefe." Sie öffnete und ließ den Inhalt durch ihre Finger gleiten. „Es ist richtig", hauchte sie, und^barg die Tasche an ihrer Brust. Ich reichte ihr nun die Schriftstücke, die ich in der Hand behielt. „Sehen Sie gefälligst nach, ob eines dieser verhängnißvollen Blätter abhanden gekommen ist?"