Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1889)
- Date
- 1889-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27 Ich ließ die Rouletten der Fenster hernieder und breitete die Papiere auf meinem Tische aus. Nichtig, da war ein Versicherungsakt auf 20,000 Mark lautend, und da — Büreaunotizen und da — ein Verzeichniß von Ausgaben und Einnahmen — ein Familienbrief — ja, hier endlich, das mußte das gefährliche Schriftstück sein, das zu verbrennende, es war chiffrirt, und da noch ein solches, und ein drittes, und da ein großer zusammeugefalteter Bogen, anscheinend ein Aktenstück, ebenfalls chiffrirt und wieder ein solches. Eilig durchstöbcrte ich den weiteren Inhalt des Portefeuilles, es waren unwichtige Dinge — aber da — wirklich da war ein Schlüssel der Chiffer; meine Neugierde war rege. Mit der Chiffrirkunst war ich nicht unbekannt; wir Gymnasiasten hatten uns auf diese Art stets Nachricht von unseren projektirten Ausflügen oder lustigen Streichen gegeben; auch in den Probearbeiten während der Classe halfen wir uns solcher Wiese gegenseitig aus. Schnell ergriff ich eine Feder und übertrug die krausen Zeichen in eine gewöhnliche Schrift. Die Briefe waren französisch geschrieben, ich versuchte mit Hilfe eines Lexikons den Inhalt deutsch wiederzugeben. Rastlos arbeitete ich Wohl eine Stunde. Es klopfte mehrfach heftig an meine Thüre, ich öffnete nicht. Große Schweißtropfen rannen mir nieder; es war weniger die Hast der Arbeit, als Erregung und Zorn, die mir das Blut in den Kopf trieben. Endlich war die Uebertragung beendet; ich sprang empor und schleuderte die Feder weit von mir. „Elender, erbärmlicher Schurke!" rief ich aus und ballte die beiden Fäuste. Und Du wagtest es, nichtswürdiger Heuchler, von Schacherjudcn zu reden! Du hattest die Stirne mit stolzer Miene zu behaupten, der Jude liebe sein Vaterland nicht, der Jude liebe nur das Geld, und Du, — Du, während Du dieses sprachst, hast Du Dein Vaterland Oberrathen, um des schnöden Mammons willen verkauft! Der arme, schwerbedrückte Schacherjude, der, sein Krambündel auf dem Rücken, von Dorf zu Dorf wandert, sich sein Brod ehrlich zu verdienen, wieviel höher steht er als Du, wie viel reiner und edler. Denn jener so tief von Dir verachtete Mensch, den Du kaum eines Blickes Deiner aristokratischen Augen gewürdigt, ist ein Biedermann, Du aber, hochgestellter Herr Regieruugsrath, Freiherr von Bronnfeld, und Sie, gnädige Frau, geborene Gräfin von Stahlburg, Ihr seid Verbrecher, gemeine, verachtungswerthe Verbrecher und Euch gebührt das Zuchthaus! Die Sträflingsjacke, statt der Seidenrobe. Erschöpft warf ich mich auf das Sopha und ruhte einige Minuten. Ich will nicht zürnen, sprach ich sodann ruhig, wieder Meister meiner selbst. Ich hätte auch wohl nicht so erstaunt zu fein brauchen, sondern dergleichen ahnen können. Der gewöhnliche Mensch schilt am heftigsten, wenn er diejenigen Fehler bei Anderen zu finden glaubt, die er selbst in hohem Maße besitzt. Diese Scheltworte sind ihm eine Art von Rechtfertigung vor sich selbst. Das Schuldbewußtsein drückt ihn, ob er es sich nun zugesteht oder nicht. Vermöge dieses Schuldbewußtseins möchte er sich selbst die bittersten Vorwürfe machen. Aber Eigenliebe und Eigendünkel hindern ihn daran. Er hat sich zu lieb, als daß er sich den Schmerz der Selbstanklage machen und er hat auch seine Fehler zu lieb, als daß er sie, wie dies die Eonscquenz der Selbstanklagc ist, unterlassen möchte. So entsteht also bei ihm das Bedürfniß, über diese Fehler zu schelten und die Unmöglichkeit, über seine Fehler zu schelten. Nun tritt ihm Jemand entgegen, bei dem er dieselben Fehler zu entdecken glaubt; nun darf er schimpfen nach Herzenslust, ohne dadurch seiner Eigenliebe zu nahe zu thun, und — er schimpft. Der psychologische Vorgang ist klar. Ich brach in ein lautes Lachen aus. Wie weit ab waren meine Gedanken geschweift von dem, was die Nothdurft des Augenblicks war! Was sollte ich nun beginnen? Ich hatte geschworen, die Papiere zu verbrennen, und den Eid mußte ich halten, obschon der, dem ich ihn geleistet hatte, ein Schurke war. Die von dem Regierungsrath verkauften Papiere waren theuer bezahlt worden, es mußten mithin für den Feind wichtige Nachrichten sein; ebenso nützlich für ihn, als schädlich für unser Vaterland. Vernichtete ich nun die Schriftstücke und ließ kein Wort darüber verlauten, so machte ich mich zum Hehler eines Verbrechens, so sündigte ich an meinem geliebten deutschen Volke. Verbrannte ich die Papiere nicht, so brach ich meinen Schwur. Welch ein unangenehmer Konflikt! rief ich aus. Das ist die Strafe dafür, daß ich die Briefe nicht ungelesen verbrannte. Wer seine Nase in viele Dinge steckt, wird sich oft seine Nasenspitze versengen.