Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1881)
- Date
- 1881-06-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXII. Jahrgang. Zweite Leilage;« Ar. 26 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Wiesbaden, 22. Juni. Der Genieinderath erhielt in seiner letzten Sitzung Kenntniß von einer Zuschrift der hinterlassenen Wittwe des jüngst verstorbenen Herrn Geh. Kommerzienraths Marcus Berle hier, nach welchem Frau Kommerzienrats) Berle den bei Lebzeiten geäußerten Wünschen ihres Ehegatten zufolge der hiesigen Stadtgemeinde die Summe von ÖOOO Mark zur Verfügung stellt, um diesen Betrag als „Geh. Kommerzienrath Marcus Berle-Stiftung" in Besitz und Verwaltung zu nehmen. Die Zinsen dieses Kapitals sollen verwandt werden zur Unterstützung von in Wiesbaden geborenen und erzogenen bedürftigen jungen Leuten, nicht unter 14 Jahren behufs Erlernung eines Handwerks. Junge Leute israelitischer Religion erhalten den Vorzug; sie müssen gute Schulzeugnisse besitzen und sich tadellos geführt haben. Eine Komission, bestehend aus dem jeweiligen Ersten Bürgermeister als Vorsitzenden, dem Dirigenten der städtischen Realschule zweiter Ordnung und dem Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, hat über die Zutheilung zu beschließen. Jeder Stipendiat soll die vollen Zinsen auf die Dauer von 3 Jahren, in denen er Handwerkslehrling ist, derart erhalten, daß zunächst das Lehrgeld und die anderen nöthigen Ausgaben daraus bestritten werden; der dann noch verbleibende Rest soll bei der Nassauischen Sparkasse angelegt und dem jungen Manne beim Eintritte seiner Mündigkeit ausgehändigt werden, um als Kapitalbeitrag zur Selbstständigmachuug zu dienen. Die Verwaltung der Stiftung ist dankbar angenommen worden. Frankfurt, 25. Juni. (Amtsgericht.) Ein 60 Jahre alter Bettler aus einer der östlichen Regionen von Deutschland, Anton Schönlank, wurde an der Synvgogenpforte bettelnd angetroffen und arretirt. In seinem Porternonnaie fand man M. 75. 98. Man ließ ihn einstweilen gegen Kaution von M. 200 frei. Die Kaution stellte er von seinem Vermögen, das sich auf M. 10,598. 10 beziffert. Der Mensch, ehedem Lehrer in seiner Heimath, ist zum Gewohnheitsbettler herabgesuuken und hat sich dabei sehr wohl befunden. Unter seinen Effekten fand man eine Liste von wohlhabenden und wohl- Ihätigen Leuten dahier, die er anbetteln wollte, ferner das Formular zu einem Normalbettelbriefe. Es ist kein Zweifel, daß er das kleine Vermögen auf seinen — Kreuzzügen können wir nicht sagen, aber Kreuznnd Querzügen durch Deutschland sich erfochten hat. Heute heult und lamentirt er vor Gericht gar gewaltig um sein schönes Geld, das er sich durch weise Sparsamkeit am Leibe abgedarbt habe! Er sei ein armer und kranker Mann, er habe nichts gefordert vor der Synagoge, wenigstens nicht mit Worten und wenn er Bettler-Geberden gemacht und sich in der bekannten Fechterparade mit hohler Hand ausgelegt hat, so ist das, versichert er, in einem Moment von Geistesabwesenheit geschehen, wie er in einem solchen den Brief abgefaßt habe. Es wird ihm bewiesen, daß er einen ziemlichen Bettlerstolz an den Tag gelegt, indem er einem Mitleidigen für die Gabe von 25 Ps. ein bitterböses Gesicht nebst den liöthigcn Glossen machte, dabei aber die Gabe ruhig in die Tasche steckte. Er beruft sich auf sein ehrenhaftes Leben und seine „30 Jahre im Amte."- Die Staatsanwaltschaft beantragt vier Wochen Haft und Erlaß eines Haftbefehls. Das Schöffengericht vernrthcilt ihn zu drei Wochen und dckretirt seine sofortige Verhaftung. Trier. Vor einem Jahre hat sich innerhalb der Religionsgesellschaft eine Anzahl junger Leute zu einer man conftituirt, welche den Namen ai'p nmx führt und den Zweck hat Thora zu lernen und studirende junge Leute durch Beiträge an Büchern und Schulgeld zu unterstützen. Die Mitglieder versammeln sich allwöchentlich an zwei Abenden und am enff-Nachmittag, um unter der Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Ehrmann zu lernen. Im Wintersemester wurde vorzüglich ff ein mit Nasch i und im Sommersemester iny in^ff vorgetragen. Auch an n:n nayffin und nmwff-Nacht hat sich die «nan zum Lernen versammelt. — Der Verein begann mit einer aus 29 Personen bestehenden Mitgliederzahl und hat im abgelanfenen Jahre fast 160 Mark für Vereinszwecke verausgabt. Die Religionsgesellschaft hat dem Verein in dankenswerther Bereitwilligkeit das Gemeindezimmer mit Beleuchtung gratis überlassen. — Bei der dieser Tage anläßlich des ersten Jahresabschlusses vollzogenen Neuwahl des Vorstandes wurde Herr Albert Löb, der sich um die Förderung des jungen Vereins viele Verdienste erworben hat, auf's Neue als Präses gewählt.