Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Zweite Leilage zu Ar. 32 des Israelit. Zeituugsnacbrichten und Correspondenzen. Deutschland. M—z. Cassel, 27. Juli Heute verließ Herr Rabbiner vr. Ehrmann, welcher seit 3 Jahren die Schule der israel. Religionsgesellschaft geleitet hatte, unsere Stadt, um in Trier eine Rabbinerstelle anzutreten. Seine stete Hilfsbereitschaft für Dürftige, sein biederer, gerader Charakter, seine uneigennützige, selbstlose Lehrtätigkeit vermochten selbst denen, die in religiösen Fragen einen dem seinen entgegengesetzten Standpunkt einnahmen, vollste Achtung und Bewunderung einzuflößen und sichern ihm weit über den Kreis der Religionsgesellschaft hinaus ein bleibendes Andenken. Jeren Abend versammelten sich im Hause des Herrn vr. Ehrmann den verschiedensten Berufszweigen angehörende Jünglinge, um min zu lernen, und Mancher, der leichtsinnig und gleichgiltig es versäumt, mit des Lebens höchsten Gütern sich zu beschäftigen, ward durch die geistvolle anziehende Lehrweise, die unermüdliche, freundliche Unterweisung zum Guten, zur Erkenntniß und Befolgung der religiösen Pflichten geführt. Jedem stand zu diesem Unterricht der Zutritt frei, unentgeltlich; seinen Lohn einzig und allein in dem schönen Bewußtsein suchend, eine Mizwah gethan zu haben, beschäftigte sich der HerrDoctor unablässig damit, jedem Einzelnen die hohe Bedeutung der religiösen Obliegenheiten zum Bewußtsein zu bringen. Dieses Verdienst ist um so höher anzuerkennen , um so bedeutungsvoller, als hier in Cassel Sen im Jünglingsalter Befindlichen sonst keine Gelegenheit zum Studium unserer Gotteslehre geboten Ast, und daher bei Vielen leider Sinn und Vertändniß für den Inhalt der heiligen Bücher fehlte. Allsabbatlich hielt Herr vr. Ehrmann einen ungern Vortrag, zu dem sich stets auch zahlreiche Zsraeliten einfanden, die nicht zur israel. Relistonsgesellschaft gehörten. Sein zündendes Wort, eine geistvolle Redeweise entflammten in mehr als in er Brust den Funken der Liebe zu unserer Eiligen Religion, weckten in mehr als einem herzen den festen Vorsatz zur Frömmigkeit und tur Befolgung der göttlichen Gebote. Jeder Bedürftige fand bei ihm freundlichen llath, aufopfernden Beistand, Niemand, der um Hilfe sich an ihn wandte, klopfte vergebens an seine Thür. In der von ihm geleiteten Schule wußte Herr vr. Ehrmann in der Kinder Gemüth den Keim zur Tugend und Frömmigkeit zu pflanzen und zu kräftigen und sich auch der Kleinen Liebe und Anhänglichkeit zu erwerben. Wie sehr sein Fortgang betrauert wird, davon legten die zahllosen Beweise von Freundschaft und Zuneigung Zeugniß ab, die dem Herrn Doctor noch in den letzten Tagen zu Theil geworden. Die israel. Religionsgesellschaft widmete ihm einen silbernen Becher und eine silberne d’DBG» Büchse, und überreichte ihm eine Adresse, etwa folgenden Inhalts: „Gestatten Sie, daß beim Herannahen des Zeitpunktes, an welchem Sie uns verlassen, um in einen neuen Wirkungskreis einzutreten, der Ihnen mehr Raum als hier zur Entfaltung Ihrer reichen Talente bieten wird, wir schriftlich dem Bedauern über Ihr Scheiden Ausdruck verleihen. Sie haben während der 3 Jahre Ihres Verweilens in Cassel nicht nur mit größtem Eifer der von Ihnen übernommenen Unterrichtsertheilung mit den schönsten Erfolgen obgelegen, haben nicht nur durch Ihre sabbatlichen Vorträge zur Verbreitung religiösen Wissens und Thuns beigetragen, sondern Sie haben auch in jeder Weise veredelnd und bildend auf die Angehörigen unserer Vereinigung gewirkt. Aber auch über diesen Kreis hinaus haben Sie in selbstlosester Weise jedem, der Ihnen nahe trat, Belehrung , Rath, und wenn nöthig, Hilfe angedeihen lassen. Sie zeigten sich in aufopfernder Weise den Bedrängten als ein Helfer und Allen, die zu lernen begehrten, als ein stets bereiter Lehrer. So wird denn der Name des Herrn Rabbiner vr. Ehr mann stets mit Liebe und Ehrerbietung sowohl von den durch uns vertretenen, als auch von vielen anderen Glaubensgenossen unserer Stadt und Provinz genannt werden. — Möge der Allgütige Sie ferner in seinen Schutz nehmen, wie wir es von Herzen wünschen." Bei der Abschiedsfeier in der von Herrn vr. Ehrmann geleiteten Schule sprach eine Schülerin ein von Herrn Rosenthal-Brilon verfaßtes sinniges Gedicht, das dem Schmerze über das Scheiden des geliebten Lehrers beredten Ausdruck gab.