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Der Israelit · 1878-10-02 · Heft 40 (2.10.1878) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 40 (2.10.1878)
Date
1878-10-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Siebtes Kapitel. Es war Samstag Abend. Abraham Tarnower war aus einer todesähnlichen Ohnmacht erwacht, er war vom Schlage gerührt und fühlte sich matt und angegriffen, aber er konnte sprechen. Er war entsetzlich' traurig und aufgeregt. Der Doctor war mehrere Stunden an seinem Bette gesessen und die ersten Worte, die der Kranke an ihn richtete, waren: „Ich fühle es, meine Tage sind gezählt, ich werde bald sterben, — sagen Sie mir offen, wie lange, glauben Sie, daß ich, so weit menschliche Vorausbestimmung reicht, noch leben kann? Ich beschwöre Sie bei dem einig-einzigen Gott, täuschen Sie mich nicht, sprechen Sie volle reine Wahrheit, — ich habe vor meinem Tode noch ein Werk von höchster Wichtigkeit zu vollbringen, und Doctor — so wahr Gott mir ein milder barmherziger Richter sein möge — der letzte Moment meines Lebens, wäre auch der entsetzlichste desselben — wenn ich nicht noch gut machen könnte, so viel ich schwacher Wurm noch gut zu machen vermag. Ich habe Menschen um Vermögen, Ehre und Lebensglück -betrogen; was ich in der letzten Stunde meines Lebens gutzumachen vermag — das muß ich thun!" Der Doctor glaubte, daß der Kranke delirire, er befühlte nochmals seinen Puls, seine Stirne, seine Schläfen, Tarnower erneth die Gedanken des Arztes. ,,Ich spreche nicht im Fieberwahne, Herr Doctor, ich 'y.n meiner Sinne vollkommen mächtig — es scheint nur so, als wenn ich im hellen VZahnsinn spräche — aber es ist bittere traurige Wahrheit! — und Doctor, Sie können mirs ruhig sagen — ich bin lebensmüde und wenn ich mein bedrücktes Gemüth durch ein offenes Geständniß erleichtert haben werde, wenn ich das unrechtmäßige Gut, das ich mir angeeignet, den Besitzern zurückgestellt, wenn ich die Verzeihung jenes schuldlosen Mannes, der um meiner Frevel willen, unverdient Entsetzliches gelitten, dessen Ehre ich geraubt, erlangt haben werde — dann will ich — dann muß ich ja sterben — uachdem ich mein Geständniß abgelegt, noch länger fortzuleben, das wäre mehr — als ich ertragen könnte — und dann wird der Allgerechte mir auch ein milder, barmherziger Richter sein, — dann kann ich auch leichter sterben." Das was Tarnower sprach, klang sonderbar, aber nicht unvernünftig, seine Tochter, seine Schwester und seine Frau, die an seinem Bette saßen, hatten mit verschiedenen Empfindungen, die Worte des Schwerkranken angehört. Karoline fühlte ein doppeltes Weh. Der Schmerz, ihren Vater zu verlieren, ward verschärft durch das innige Mitleid für ihn, zu dem sie stets verehrend aufgeblickt. Fanni Werschadetz war ganz fassungslos, die kinderlose, vereinsamte Frau hatte in ihrem Bruder den einzigen Stützpunkt im Leben gefunden, nie war der Gedanke in ihr aufgetaucht, daß sie dm Bruder überleben könnte, sie fühlte jetzt nur einen dumpfen Schmerz, sie befand sich, wenn man sich so ausdrücken darf, nahezu in einem Zustand der Bewußtlosigkeit der Gefühle. — Veronika hatte für ihren älteren Gatten nur jenes bescheidene Maß von Neigung besessen, welches einem friedlichen, zutraulichen Zusammenleben zwischen Mann und Frau, wenn beide gutgeartete Menschen, gewohnheitsgemäß entspringen muß. Wäre es in Veronikas Macht gestanden, das Leben ihres Gatten, und sei'» mit einem schweren Opfer zu erhalten, sie hätte dieses gewiß unbedenklich gebracht, und sie bedauerte seinen Tod — aber sie hatte ihn nie mit Leidenschaft geliebt, tiefes Weh bereitete ihr sein Scheiden nicht; aber Eines war ihr beängstigend aus die Seele gefallen, er hatte davon gesprochen, fremdes geraubtes Gut zurückzuerstatten, sie kannte seine frühere Vergangenheit nicht so genau, und mochte es im Momente berechtigter Aufregung um so weniger versuchen, zu errathen, um welche Zeit er sich fremdes Eigenthum angeeignet, als sie dies ja bald aus seinem eigenen Geständnisse zu erfahren hoffte; — aber wenn vielleicht sein ganzes Vermögen ein unrechtmäßig erworbenes — auch das konnte ja möglich sein — wenn dieses ganz zurückerstattet werden sollte, dann hatte sie nicht nur ihren Gatten, dann hatte sie mit diesem auch ihr Vermögen, ihre Siel-, lung, ihre Zukunft verloren, und mußte befürchten, von der höchsten Stufe im Ghetto wieder in ihre frühere Dunkelheit zurückzusinken. — Es war nicht Egoismus, nicht Eitelkeit, der Wunsch geehrt und sorgenlos zu leben allein gewesen, welcher die noch immer schöne Wittwe vor fünf Jahren bestimmt hatte, dem älteren Manne die Hand zu reichen, auch ein edles Motiv, und dieses vorwiegend, hatte - hierbei bestimmend auf sie eingewirkt. Sie hatte eine Tochter, an welcher sie mit herzinniger Mutterliebe hing, und auf deren Haupt sie gerne alles Glück., das sie zu erraffen vermochte, gehäuft hatte; — und sie hatte, wohl berechtigt. gehofft, durch ihre zweite Ehe nicht nur sich, sondern auch ihrem geliebten Kinde eine frohe glückliche Zukunft zu bereiten, und hatte das Tarnower bei seiner Werbung offen eingestanden. Wenn nun Tarnowers Vermögen nicht ihm, wenn es Andern gehörte, und sie nach dem Tode ihres zweiten Gatten mit einer unversorgten Tochter, die nun auch kränklich, brust-

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