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Der Israelit · 1878-09-25 · Heft 39 (25.9.1878) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 39 (25.9.1878)
Date
1878-09-25
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Aufruf und dringende Bitte <w die fetten Rabbinen, Vorstände, Lehrer und Geweindewitglieder um Uns terstützrrng der Waisenanstalt Fürth. Die im Jahre 1763 gegründete Waisenanstalt zu Fürth, die einzige für Bayern und die älteste Deutschlands, von der kgl. Staatsregierung bestätigt, nimmt alle israel. Waisenknaben aus allen Gemeinden des ganzen Königreichs auf und so befinden stch 37 Waisenknaben in der Anstalt, von denen 35 vom Lande und nur 2 von der Stadt Fürth sind. Schon nach zurückgelegtem 5. Lebensjahre werden die Waisenknaben ausgenommen und verbleiben da bis zu ihrem 13. bezw. 14. Lebensjahre. Während des Aufenthaltes in der Anstalt erhalten sie Logis, Kost, Kleidung und Wäsche, überhaupt vollständige Verpflegung, sowie vollständigen Religions - und Elementarunterricht — Alles unentgeltlich. In der Religion umfaßt der Unterricht alle zu diesem Fache gehörigen Gegenstände, bei den Befähigteren Raschi. Mi sch na und Gemara. Der Elementaruntericht entspricht den Leistungen einer städtischen Volksschule und erstreckt sich noch überdies auf kaufmännische Fächer, wie kaufmännisches Rechnen. Correspondenz und Buchhaltung. Von den neueren Sprachen wird Französisch unterrichtet. Was die Erziehung als solche betrifft, so werden die Kinder derart erzogen, daß sie als brauchbare Menschen und als nützliche und treue Staatsbürger heranwachsen. Durch die Freizügigkeit sind die Landgemeinden im Allgemeinen im Abnehmen begriffen, und ist es nicht selten, daß viele Gemeinden nicht mehr im Stande sind, einen Lehrer zu besolden, wodurch unbemittelte Wittven mit ihren Kindern rathlos und verlassen dastehen. Da ist es die wohlthätige Waisenanftalt, worin diese Hilfslosen Kinder gute Unterkunft finden und für sie körperlich und geistig bestens Sorge getragen wird. Wie viele Thränen der Wittwen und Waisen werden durch das segensreiche Wirken der Anstalt getrocknet! Viele Hunderte von herangewachsenen Bürgern verdanken diesem wohlthätigen Institute ihre Versorgung und Stellung als würdige Glieder der menschlichen Gesellschaft. Es gibt wohl keine edlere That, als Wittwen'zu trösten und Waisen versorgen zu helfen. Lehrt ja schon der Talmud, „wer einen Waisen erziehen hilft, dessen Lohn ist eben so groß, als erzöge und versorge er sein eigenes Kind." Der Lohn der Mildthätigkeit ist an sich schon sehr groß, noch viel größer aber ist der Lohn jener Mildthätigkeit, die man Waisen angedeihen läßt. Nennt stch doch der Allmächtige selber „Vater der Wittwen und Waisen". Der große Rabbi Chije war einer der fromm» sten und Thora kundigsten Männer Israels. Als ganz besonderes Verdienst hebt aber der Talmud hervor, daß er in eigener Person den Waisenkindern Kleider fertigte und sie unterrichtete. Der Raum gestattet hier nicht, alle jene Stellen des Talmuds aufzuzählen, die v^n dem überaus großen Verdienste der Warfen-Erziehung und deren Versorgung sprechen. Die hiesige Waisenanstalt hat sich zur Aufgabe gemacht, alle isr. Waisenknaben des ganzen Königreiches aufzunehmen und mußte zu diesem Zwecke vor Kurzem das erst vor zehn Jahren unter großen Opfern neuaufgeführte Gebäude in Folge der vielen Bewerbungsgesuche der Waisen durch Aufführung eines weiteren Stockwerkes vergrößern, was wiederum mit erheblichen Kosten verbunden war. Diese Aufgabe kann sie aber nur dann in ihrem ganzen Umfange lösen, wenn ihr die Unterstützungsmittel von wohlthätigen und edlen Menschenfreunden hiezu geboten werden. Die Administration der isr. Waisenanstalt dahier sieht sich Angesichts der großen Mi zw ab dringend veranlaßt, an die Herren Rabbinen, Gemeindevorstände, Lehrer und Gemeindemitglieder die innigste Bitte zu richten, sich doch der'armen. Waisen zu erbarmen, die Anstalt durch Zusammenbringen von jährlichen Beiträgen, freiwilligen Gaben, Legaten nnd etwaiger Errichtung von Freiplätzen derart zu unterstützen, daß einerseits für die bereits aufgenommenen 37 Waisenknaben die Mittel reichen und anderseits ermöglicht werde, kein Aufnahmsgesuch eines Waisenknaben des ganzen Königreiches zurückweisen zu brauchen. Errichtete Freiplätze bezwecken, daß für die Gründer dieser Plätze für ewige Zeiten em Waisenknabe auf deren Namen erzogen wird. Die dahingeschiedenen Väter und Mütter der Waisen werden gewiß vor dem Throne des Allmächtigen für die edlen Versorger ihrer Kinder stets alles Gute auswirken und Gott, Vater der Wittwen und Waisen, wird die verehrlichen Spender dieser so großen Mi zw ah gewiß in diesem und jenseitigem Leben reichlich lohnen und sie bis in das späteste Alter vor allen Unfällen bewahren. Amen! Fürth, im Juli 1878. Die Administration bet israel. Waifen- Anstalt dahier. Schließlich sei noch bemerkt, daß die aufgenommenen Waisenknaben täglich zu jeder Gebetszeit in der Waisen-Synagoge für die Hingeschiedenen Mitglieder und Stifter das Kaddisch-Gebet verrichten. s2843

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