Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1878)
- Date
- 1878-06-26
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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641 Hamburg Einen Vortrag über Humanität zum Besten der nothleidenden türkischen Juden hielt der Ober-Rabbiner Herr vr. Jsaacsohn am Donnerstag, den 13. d. Mts. in der dichtgefüllten Aula des JohanneumS. Nachdem der Redner den Begriff Humanität als Menschenliebe gegen das Individuum ohne Rücksicht auf Rang und Religion, definirt hatte, zeigte er wie in den orientalischen Staaten des AlterthumS Humanität nicht habe vorhanden fein können, da in diesen Despotien kaum die Masse, geschweige der Einzelne, einen Werth gehabt habe. Selbst bei den Griechen sei das Individuum hinter dem Staate fast ganz zurückgetreten und die hohe Meinung, welche man von der eigenen Vollendung gegenüber den Barbaren (d. h. der Nichtgriechen) gehegt habe, sei die Ursache strenger Ausnahmebestimmungen gegen den Ausländer gewesen. In Israel dagegen habe es geheißen: „Ein Gesetz sei für Dich und den Fremden." Auch die feste Ueberzeugung, welche Israel von seinem hervorragenden Berufe als Verbreiter der reinen Gotteslehre in sich trage, habe nicht verhindert, selbst dem Heiden, wenn er tugendhaft sei, die Glückseligkeit zuzuerkennen, wie ihn hienieden der vollkommensten Humanität zu empfehlen. Welche Religion die beste sei? Darauf hat der Prophet (Micha Cap. 4, V. 5) für alle Zeiten die entscheidende Antwort gegeben, nur meinte der Redner noch hinzufügen zu müssen: „Die Religion enthalte am meisten beseeligende Wahrheit, welche die größte Humanität und allgemeine Menschenliebe lehrt." Der inhaltreiche Vortrag des berühmten Redners, aus dem wir natürlich hier nur einige Hauptgedanken hervorgehoben haben, wurde von der Versammlung sympathisch ausgenommen. Den Schluß machten einige geistliche Compositionen, welche von der Sing-Akademie des Hamburger Concert-Bereins unter Leitung des Herrn Otto Beständig vortrefflich zu Gehör gebracht wurden. Dem Vorträge wohnten u. A. Herr Bürgermeister Kirchenpauer und mehrere geistliche Herren bei. Der Ertrag der stattgehabten Collecre soll, wie wir zu unserer Freude hören, recht bedeutend gewesen sein. Posen, 24. Juni. Die „Ostdeutsche Ztg." meldet aus Ostrowo: Bei einer gestern stattgehabten katholischen Proeession in Kalisch brach eine »Revolte gegen Juden und Protestanten aus. Die Synagoge und viele Kaufläden wurden geplündert und 13 Personen getödtet. Das Militär schritt ein. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Pefth. Das ungarische Parlament besitzt einen Kauz, Namens Jstoczy — unser Jstoczy, wie ihn die Blätter scherzend nennen — welcher sich die Juden als Steckenpferd ausgesucht hat. Sein Wochenblatt, „Unsere Zukunft" (Jövönk), gibt sich ausschließlich damit ab, und gestern hat er in öffentlicher Sitzung des ungarischen Parlaments ganz ernsthaft folgenden Antrag verlesen lassen: DaS Haus möge erklären, daß in dem Falle, als in irgend einer Phase der Lösung der orientalischen Frage und der definitiven Feststellung der Zukunft des Orients seitens der leitenden Kreise der Judenheit oder seitens der Regierung irgend einer europäischen Macht die Idee angeregt würde, daß nicht nur die Freiheitsansprüche der christlichen Völker des Orients eine den europäischen Interessen entsprechende Befriedigung finden sollen, sondern daß man auch dem aus seiner vor 1860 Jahren zerstörten Heimath vertriebenen jüdischen Volke endlich einmal Gerechtigkeit angedeihen lasse, und zwar dadurch, daß das heißgeliebte ursprüngliche Vaterland desselben, Palästina, gehörig vergrößert, entweder als unter der Souveränetät oder Suzeränetät der Hohen Pforte stehende autonome Provinz oder aber als selbstständiger jüdischer Staat wiederhergestellt werde und so das in seiner gegenwärtigen Zerstreuung den Fortschritt der europäischen Nationen verhindernde und die christliche Civilisation gefährdende jüdische Volk sich selbst zurückgegebea, unter den Wohlthaten einer eigenen nationalen Regierung und nationaler Institutionen inmitten von verwandtsemitischen Stämmen, in dem an Kraft gesunkenen und zurückgebliebenen Orient als lebenskräftiges, mächtiges, neues Element zum wirkungsvollen Factor der Civilisation werden könne — in diesem Falle der Wunsch des Hauses der ist, daß die ungarische Regierung dahin wirke, daß die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten der Monarchie einem darauf abzielenden, eventuellen Antrag nicht nur nicht entgegentrete, sondern denselben vielmehr im europäischen Interesse als im Interesse der Monarchie und besonders Ungarns auch ihrerseits unterstütze. Das geehrte Haus begrüßte den wohlwollenden Antrag Jstoczy's mit schallendem Gelächter; nur der Präsident verblieb in würdevollem Ernste und proponirte, der Antrag wäre mit einem andern gleichzeitig eingebrachten (von Julius Schwarz über die Errichtung eines ungarischen Staatsrathes) nach Erledigung der Ausgleichs- und Budgetvorlage behufs Motivirung auf die Tagesordnung zu setzen. Es ergab sich darauf folgende Debatte. Zuerst ergreift das Wort Albert Nemeth: Bezüglich des ersten der beiden Anträge nehme ich die Proposttiou des Herrn Präsidenten an; bezüglich des zweiten ergibt sich je-