Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-03-13 · Heft 11 (13.3.1878) · page 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 11 (13.3.1878)
Date
1878-03-13
Page
– (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447759--14721-2470641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XIX. Jahrgang. Dritte Beilage zu tlr. 11 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr. - Ungarische Monarchie. Prag, im März. Für die hiesige Cultusgemeinde-Repräsentanz werden nun in Bälde Neuwahlen vorgenommen werden; wir halten es für höchst wichtig, auf diese Wahlen bei Zeiten aufmerksam zu machen. Bei der Zerfahrenheit, die in allen Dingen, die zur Religion in irgend eine Beziehung stehen, immer mehr dominirt, ist es Pflicht eines jeden Mitgliedes, der eine jüdische Gesinnung sich noch bewahrt hat, dahin zu streben, daß Männer gewählt werden, die die Cultusanstalten in echt jüdischem Geiste verwalten. Es soll daher Niemand, der noch Sinn und Herz für's Judenthum hat, diesen Wahlen gegenüber gleichgiltig bleiben. Die neu zu wählenden Repräfentanzmitglieder haben große Ausgaben zu erfüllen, wir werden uns bemühen, dieselben in einer Reihe von Correspindenzen zu skizziren. Da ist vor Allem die Waisenhausfrage eine drängende zu nennen. Das isr. Knabenwaisenhaus, früher Beth Hamidrasch genannt, ist eine fast 21/« Jahrhundert alte Institution, eine Schöpfung des berühmten jüdischen Wohlthäters, Rabbi Mordechai Meisel, des Erbauers der Meiselsynagoge und des isr. Spitals. Dasselbe verfügt über einen sehr bedeutenden Fond. Trotz der im Laufe der Zeiten daselbst vorgenommenen Verbesserungen ist diese Anstalt nichts weniger als zeitgemäß und zweckentsprechend geleitet. Sowohl die Erziehung als die Ausbildung der Kinder lassen Alles zu wünschen übrig. Die bisher provisorisch angestellten Erzieher waren meistens Leute, die von Erziehungskunde keine blasse Idee hatten; dieselben verstanden es nicht einmal eine halbwegs leidliche Disciplin unter den Zöglingen aufrecht zu erhalten. Erst in den letzten Wochen kam es zu unerquicklichen Auftritten, und man sah sich genöthigt dem Erzieher zu kündigen. Nur in religiöser Richtung scheint dem Zeitgeiste gehuldigt zu werden. Hier herrscht die laxeste Praxis. Der vorgeschriebene fleißige Bibel- und Talmudunterricht ist ungemein vernachlässigt; während doch in früheren Zeiten aus diesem Waisenhause .die größten Männer in Israel hervorgingen; wir erinnern bloS an den mährisch-schlesischen jüd. Landrabbiner Nehemias Trebitsch, der ein Zögling des Beth Hamidrasch war. Das Curatorium, besonders dessen Obmann, Herr Feigl, unterstützt dieses geringschätzige Behandeln deS hebr. Unterrichtes, oa er nach feinen neologen und reformistischen Ansichten es besser flndet dem religiösen Momente so wenig als möglich in der Erziehung der Waisen Einfluß zu gestatten. Auf seine Anordnung wird am Samstag frisch gekocht, von einer feierlichen Sabbatheiligung, von Kidusch und Hawdala, wie von sonstiger Beobachtung der religiösen Uebungen findet sich keine Spur. Hr. Feigl fand auch schon seit Jahren die Aufstellung einer Sucka im Hausgarten für den Erzieher und die Kinder rein überflüssig. Die Religionsübung beschränkt sich auf hie und da stattfindende Besuche der Synagoge. Wie man sieht, gibt es da ein schönes Stück Arbeit, diese Anstalt sowohl in allgemein erziehlicher Richtung, als, was auch in Bezug auf das, was die religiöse Erziehung betrifft, gehörig zu re organisiren. Die Anstellung eines akademisch gebildeten, echt religiös gesinnten und erfahrenen Erziehers erscheint besonders nothwendig. Noch schlimmer steht es in religiöser Beziehung mit dem Mädchen- Waisenhause, wenn auch zugestanden werden muß, daß die sonstigen Erziehungserfolge dort vollkommen befriedigend sind. Die jüdisch-religiöse Erziehung wird jedoch nicht gepflegt. Das größte öffentliche Aergerniß gibt diese Anstalt damit, daß die Zöglinge derselben, welche die Stadtschulen besuchen, am Samstage schreiben und hierdurch die Kinder aus religiösen Familien in Verlegenheit bringen. Die christlichen Lehrer finden es sehr sonderbar, daß.„Schreiben" am Samstag religiös nicht gestattet sein solle, wenn den Waisenkindern, die doch, wenigstens ist dies beim Christen der Fall, eine religiöse Erziehung par excellence erhalten sollen, das Schreiben am Samstag erlaubt wird. Hr. Prof. Dr. Kämpf ist der Religionslehrer dieser Anstalt. + Rußland. Petersburg Laut Mittheilung des russischen Amtsblattes betrug im Jahre 1877 die Recrutenaushebung für Rußland 213,000 Mann, darunter 117 Mohamedaner und 4395 Israeliten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.