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Der Israelit · 1876-01-05 · Heft 1 (5.1.1876) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 1 (5.1.1876)
Date
1876-01-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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13 dem mächtigen Prager Primator, dem bei der Regierung hochangesehenen Manne und dem Schneider hatte diesen unwillkürlich milder gestimmt, und auch die Lüge Jerigs, jeder hätte nach ihm gefragt und Budweiser wäre durch sein Nichterscheinen verletzt gewesen, hatte dem eitlen Manne geschmeichelt. „Wenn ich gewußt hätt', es verdrießt Mosche, daß ich nit komm', wär' ich eno12) .... idj bin kein stolzer Mensch nit, — wegen die paar Gulden, was ich mehr Hab' als ein Anderer? — fallt mir nit ein . . . aber ich Hab' geglaubt . . Es fiel dem Schneider in der That gar nichts Passendes ein, was er eigentlich vernünftigerweise hätte glauben können, er stockte, und Feiwel Jerig, der die momentane milde Stimmung seines Gönners festhalten und in dem sich schön und ruhig entwickelnden Gespräche keine Pause eintreten lassen wollte, ergänzte rasch: „daß man wegen e Chower keine solche Maiße macht . . . was? — wenn einer nie Kind" — der Schneider war kinderlos und Feiwel Jerigs elastischer Geist wußte rasch jedes begangene Versehen zu verbessern, „oder einOscher ein Jossom'b) ausgibt") oder wenn man ein Schiwwimmähl macht15) — soll man wünschen kommen; aber wegÄl e Chower?! Jeder ordentliche Balbos, der e Ben Thoro ist, muß doch e Chower krie . . Das Wort erstarb auf Feiwel Jerigs Munde. In seinem eifrigen Bestreben die Errungenschaft des Gegners zu verkleinern, war er offenbar zu weit gegangen; — hatte ihn seine gewöhnliche Klugheit ganz verlassen? Hatte er völlig jenes Momentes vergessen gekonnt, jenes Momentes vor acht Tagen, wo Gerschom Danziger in jener verhängnißvollen Versammlung ausgerufen: „Kann Jakow Wodolka e Chower kriegen?" und es war diese Frage keine solche, sie war unverkennbar Redefigur — ihre Beantwortung schon im Tonfall findend, o! Feiwel, Feiwel . . . was hast Du gethan?! Der Schneider war erst blaß, dann purpurroth geworden, und alle Fassung und Ueberlegung verlierend, entfuhr es ihm: „Das is e gewaltige Scheker, man kann ein Oscher, ein Nadwen *8), e Ben Thoro sein — und doch in Prag ka Chower kriegen ... es gibt ja Kille Tekones . . ., wißt Ihr das nit? — Ihr Chammer! 12) hinunter. 13) eine Waise. 14) ausheirathet. 15) Siebzigsten Geburtstag feiert. 16) wohlthätiger Mann. Feiwel Jerig war einen Moment niedergedonnert, aber er glich einem Feldherrn, der vom Feinde plötzlich überrascht wird — er konnte einen Augenblick niedergebeugt, aber nicht niedergeworfen werden. Er erhob sein Haupt und langsam jedes seiner Worte schwer calculirend, sprach er bescheidenen Tones: „Seid mir tausendmal mochel ... ich bin ka Chammer; Ihr seid Euch nur toe"). Wie kommen die Tekones hakille zum nit Chower kriegen? Ein jeder ehrlicher, braver, frommer Balbos, was e Ben Thoro is, muß, wenn er will, den Chower kriegen! — Mein Ded18), der, was achtundneunzig Jahre alt geworden is, — Ihr sollt noch älter werden und alle Frad 19) haben — hat mir erzählt, zu Reb Dowid Oppenheims2") Zeiten is e Träger in Prag gewesen, e feiner Mensch und e rechter Lamden, — und hat man ihm doch kein Chower geberr» weil er ein Träger war — auf einmal starb echm e Vetter in Leipnik und hat ihm fünftausend Gulden gelassen2*) — das erste, was er thut, is, — er geht hinauf zum Row und sagt: „Rebbeleben, ich bitt' um den Chower". „Den Chower?" sagt der Rebbe sichrono liwrocho22). „Ihr seid doch e Träger?" „Gewesen," sagt der darauf, „jetzt bin ich e Oscher" . . . nun, Schabbes darauf hat er sein Chower gehabt, mir scheint," —bis hierher war die Geschichte wahr gewesen, das Uebrige log Feiwel dazu — „wenn ich mich nit toe bin — hat er später gar die Morenu bekommen, und ist dann Stadtgabbe geworden, jeder Balbos, der fromm, brav und ein Kenner28) is, muß den Chower kriegen!" . . . Jerig athmete tief auf. Er hatte eine kühne, großartige Idee entwickelt — mit der flammenden Begeisterung, die seine selbst erfundenen Lügen in ihm hervorriefen, war auch sein Muth gestiegen; und zu seinem eigenen Erstaunen wagte er es, am Ende seiner langathmigen Rede seinem Gönner in's Gesicht zu blicken. Dem aber war's, als wenn urplötzlich eine tiefdunkle Gegend vom flammenden Blitz oder von Leuchtkugeln glänzend erleuchtet würde. Dieser Feiwel Jerig hatte da ein großes Wort gelassen ausgesprochen! hatteeine große Idee in seiner Seele entzündet. . . Er hatte ja vollkommen recht, dieser superkluge Jerig! Wo um Alles in der Welt stand es denn geschrieben, 17) irrt Such. 18) Großvater. 19) Freuden. 20) einer der früheren Prager Oberrabbiner. 21) Hinterlagen. 22) Lein Andenken sei gesegnet. 23) Im Talmudischen bewandert.

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