Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1875)
- Date
- 1875-02-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447611--11304-2467083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
164 Christenthum, das ihnen mit Hohn und Spott das Kleid des Paria anziehen ließ und das Zeichen Kains auf Stirne und Haud drückte. Ja, schlimmer als den reißenden Thieren römischer Arena war eS, den glaubenseifrigen römischen Christen vorgeworfen zu werden. Mit Blut und Feuer wütheten diese fortan durch die Jahrhunderte gegen die Heimathlosen, und gehässige Gesetze, öder vogelfreie Gesetzlosigkeit trafen ihre verschüchterten Gemeinden an Haupt und Gliedern. Und doch: sie lebten, lebten voll Hoffnung weiter in den schmutzigen, verrufenen Straßen des Ghetto. Mit einer rührenden Allgewalt klammerten die, denen kein engelbevölkerter Himmel Trost gibt, an das Leben sich an. Das ist dieselbe überzeugte -Liebe zum Leben, wie sie der Schatten Achilles in dem freudlosen Orcus ausspricht: „Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen Einem dürftigen Mann, ohn' Erb und eigenen Wohlstand, Als die sämmtliche Schaar der geschwundenenTohten beherrschen." *) Sie sahen die Tempel bersten, die Säulen zerspringen; das Heidenthum fallen; die Throne stürzen und Scepter zerbrechen: das Nämerthum untergehen; sie sahen Das Christenthum, die Lehren jenes verachteten Zimmermannssohnes, dieses Senfkorn zu einer Kirche erwachsen, und ihm einen Tempel erbauen, größer und prächtiger, himmelragender als der Salomonische — sie erleben aber auch, wie diese Tempel im Mittelalter, kaum dckfs seine Grundmauern gepflanzt waren, durch eines nordländischen Mönches Hammerschläge in argem Riß sich klüftete — sie leben und werden dereinst erleben-ob das Papstthum dem Wesen Der Zeit, dem mächtigen Fluge der Geister so ehernen zählebigen Trotz bieten wird? Ein Gefühl der Bewunderung überkommt uns, fast wie Rührung überkommt uns, wenn wir heute die unvermischten Nachkommen jener unvertilgbaren Juden sehen, ein lebendiges aber wüstes Blatt der alten Geschichte; ein Gefühl der Bewunderung ob so gewaltiger Zähigkeit und Kraft in unsäglichen Leiden. Wahrlich, ich sage euch: solchen Glauben findet man nur in Israel und ihr Gott ist kein leerer Wahn. Mit diesem Gefühle stehen wir heute nachdenklich vor dem Porticusreste der Halle ÖctavienS, der stolzen Kaiserschwester. Hier beteten einst vor achtzehnhundert Jahren Vespasian und Titus zur Vorbereitung jenes Triumphzuges, dem die Juden als Hauptfigur beiwohnten, das Dankgebet. Hier entfaltet sich jetzt der größte Schmutz Roms, hier *) Wir machen unsre Leser daraus aufmerksam, daß es ein Nichtjude ist, der dieses schreibt, — Red. ist die Pescaria, der übelriechende Fischmarkt, der dicht an das schlammüberfluthete Ghetto grenzt, damit ganz erfüllt sei des Propheten Wort: „Es ist von der Tochter Zions aller Schmuck dahin. Ihr Unflath klebet an ihrem Saum." Hier steht auch jene berüchtigte Kirche S. Angeld, in welcher die Juden zur Bändigung und Bekehrung durch zelotische Mönchspredigten wie wilde Threre getrieben wurden. Hier ist der „Platz der Thrane'n" — Piazza del pianto —, an ein anderes Wort Jeremiä erinnernd: „Ich strecke meine Arme aus und weine, ich weine und meine Augen fließen mit Wasser, und ist Niemand, der mich tröste." Wandern wir durch den Ghetto, so sehen wir die bleichen Nachkommen Abrahams, ein verkommenes Geschlecht, handelnd und flickend vor den schwarzen Höhlen kauern. Sie handeln mit den antiken Trümmerscherben und Fetzen der bunten vergangenen Welt, und flicken ihre alten Lappen auf das neue Kleid der modernen. Tiefe, leidenvolle Augen stieren uns an, Niemand lächelt. Aus einem finstern Eckhause schallt der Ton einer verstimmten Guitarre, und eine kreischende, näselnde Stimme singt ein monotones abgerissenes Lied. Wir hören die Worte nicht; aber da drüben rauscht der Tiber, und es klingen durch unfern Sinn die schwermüthigen Strophen des Psalmen: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die darinnen sind." Biele Geschlechter wurden begraben, und da drüben, im Circus Maximus, der einst 150,000 jauchzende Menschen faßte, liegt der kleine Judenkirchhof. Das ist ein einsamer Ort und keine Freude lächelt auch hier. Hier fließt träge die schlammerfüllte Marrana zwischen seufzendem Schilfrohre dahin, und armselige Steine, von verbrannten wilden Kräutern und Gräsern, in denen im Hochsommer die Cicade singt, überwuchert, zeigen den Ort, wo die Tobten liegen. Doch der frohe Glockenschlag der Erlösungsstunde ist endlich auch in den Ghetto gedrungen; der Erlöser, das geeinte Italien, rief sie aus den Winkeln hervor und reichte den Fluchbeladenen die Menschenhand, ihnen gleiche Luft, gleiches Licht und gleiche Liebe bietend. Die Juden von heute sind frei. Ob sie sich an das neue Licht gewöhnt, ob sie sich wohl je daran gewöhnen werden? Blöde sind die Augen geworden und geblendet halten sie wohl noch die Hand vor diese, denn: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, Dann werden wir sein wie die Träumenden."