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Der Israelit · 1872-07-03 · Heft 27 (3.7.1872) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 27 (3.7.1872)
Date
1872-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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590 Solch ein begeisterter Empfang wurde weder s. Z. Herrn vr. F r a n k t noch in jüngster Zeit Herrn Pros. Vr. Grätz und dessen Genossen zu Theil. Man wußte und weiß in Jerusalem, wie und in welcher Weise Herr Dr. Gr. in seinen Schriften gegen schriftliche und mündliche Lehre zu Felde gezogen; man behandelte ihn sehr kalt; in einer Synagoge wurde sogar öffentlich davor gewarnt, ihm irgend welche Ehre zu erzeigen. Die Rache dafür ist in Form einer Denkschrift an's Licht getreten. Herr I)r. Gr. und seine Genossen suchen vor Allem den Bewohnern Palästinas ihren Lebensunterhalt förmlich abzuschneiden, indem sie die dorthin fließenden Unterstützungsgelder als die Duelle der Armuth, des Elends, ja, der Demoralisation darstetlen!!! Die Beweise des Herrn Professors — beim von den zwei Kaufleuten, die ihn begleitet haben, kann wohl bei Bcurtheilung dieser Denkschrift nicht die Rede sein — sind ganz cigenthümlicher Art. Seitdem die Unterstützungsgelder reichlicher fließen, habe, behauptet Herr Gr., die Armuth „in steigendem Verhältniß der Zuflüssezugenommen". Folglich müßten die Unterstützungen ' ie Armuth vermehren! Vor Allem müssen wir die Wahrheit der behaupteten Thatsache bestreiten. Die Armuth unserer Glaubensgenossen in Palästina hat in den jüngsten Jahren nicht zugenommen; sie hat trotz der durch Zuzug bedeutend vermehrten armen Bevölkerung (inJerusalem von 5000 auf 8000, in ganz Palästina von 11,000 auf 16,000 Seelen) wesentlich nachgelassen. Die armen Glaubensgenossen in Jerusalem haben seit einigen Jahren bessere Wohnungen, sie sind besser genährt und besser gekleidet denn früher. Ist das Elend in Jerusalem auch noch sehr groß, so war es ehedem noch bei Weitem größer. Die Behauptung des Herrn Gr. ist daher ebenso unwahr wie sie an sich auch widersinnig ist. Der zweite Beweis des Herrn Pros. Gr. beruht aus einer vollständigen Verkennung der Berhältuisse. Die Juden in Jaffa, Akka, in Haifa haben keinen Antheil an der Chalukah, weil diese Hafenstädte nicht voll zun: heil. Lande gerechnet werden, und gerade in diesen herrsche mehr Wohlstand; folglich, schließt der Herr Professor, vermindert die Chalukah den Wohlstand!! Es liegt ans der Hand, wie verfehlt dieser Schluß ist. Ganz arme, kranke, arbeitsunfähige Menschen können nur da leben, wo sie Almosen erhalten. Befinden sie sich an einem Orte, an dem nichts nir sie geschieht, so müssen sie entweder auswandern oder Hungers sterben. Freilich, wenn man die Armen Hungers sterben ließe, dann würde sich die Armuth bald vermindern. Daß also nach jenen Hafenstädten, in welchen *) welch ein Deutsch! es keine Chalukah gibt, arme, kranke und arbeitsunfähige Menschen nicht einwandern, ist leicht erklärlich; daß sie aber nach Jerusalem und den andern Städten, in denen sie Almosen empfangen, cinwandern, ist ebenfalls erklärlich. Herr Dr. Gr. hat also in gewisser Beziehung Recht: wenn man plötzlich aufhören würde, für die Armen im heil. L zu spenden, so würden die Kranken , Schwachen, Wittwen, Waisen daselbst in kurzer Zeit nicht mehr eristiren; sie würden entweder sortziehen oder Hungers sterben; andere Arme aus Afrika, Rußland oder Galizien würden dann wohl nicht in Palästina einwandern — und siehe da, der Pauperismus im heil. Lande wäre gehoben, und der vornehme, reiche Jude in Berlin oder Wien brauchte sich nicht mehr seiner armen Brüder in Jerusalem zu schämen, über die gegenwärtig, wie der Herr Professor erzählt, englische und amerikanische Touristen in wegwerfendem Tone zu sprechen Gelegenheit finden. Von wie inniger Menschen- und Bruderliebe doch solch ein Breslauer Seminar-Professor beieelt ist! Es gäbe vielleicht ein noch radikaleres Mittel zur Aushebung oes Pauperismus in Palästina; man könnte ja alle armen Leute dort — aushängen lassen; das wäre doch jedenfalls liebevoller, als daß man sie zum langsamen Hungertode verdammte! Ach, auch die körperliche Schwäche macht Herr Pros. Gr. den armen Glaubensgenossen in Palästina zum Borwurfe! Der Herr Professor sollte, ein zweiter Lykurg , eine spartanische Gesetzgebung für Palästina erlassen, sollte anordnen, daß alle schwächlichen Kinder dem Tode preisgegeben, die kräftig zur Welt gekommenen aber von den Beduinen für ein Jäger- und Räuberleben erzogen würden; dann würde ja das Talmud-Lernen, was Frankl und Gesinnungsgenossen als „Müßiggang" bezeichnen, von selbst aushören. Herr L)r. Gr. meint, die Körperschwäche und die Armuth „stamme" von den zu frühen Heirathen. Wir besitzen nicht genug inedicinische Kenntnisse, um das beurtbeiten zu können. Wir haben jedoch immer gehört, daß in den südlichen Etimaten die Menschen früher reif seien als hierzulande uitb daß daher dort eine junge Frau von 13 Jahren durchaus nicht zu den Seltenheiten gehöre. Herr Grätz, der ja immer Alles ganz genau und viel besser als andere Menschen weiß, will nun einmal die jüdische Bevölkerung Palästina's zu einer lasterhaften machen, und da er ihr nichts Anderes vorzuwerfen weiß, so spricht er in misteriöser Weise von den Lastern, die aus den frühen Heirathen entspringen sollen. Auch die Art der Bertheilung bekrittelt Herr Gral;. Was ist natürlicher als daß die deutsch-holländische Gemeinde von den ans Holland und Deutschland fließenden Geldern einen Mehrantheil erhält d Was ist natürlicher als daß die Talmide Chachamim, die Tag und Nacht sich mit dem Talmud beschäftigen, mehr unterstützt werden als Andere; die eigentlich in Rußland oder

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