Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-06-29 · Heft 26 (29.6.1870) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 26 (29.6.1870)
Date
1870-06-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447473--08439-2464086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XL Jahrgang. Extra-Beilage zu Rr. 26 des Israelit. Zn die Israeliten in Europa und Amerika. Ein ergreifendes Wort der „All. JSr. Univ." in Paris fordert die Glaubensbrüder auf der ganzen Erde auf, sich an der Adoption der Waisen unserer westrussischen Glaubensgenossen, an diesem so menschenwürdigen. heilverheißenden Werke, eifrigst zu betheiligen. Endlich soll mein liebster Wunsch, mein eifrigstes Streben zu Gunsten dieser Unglücklichen sich seiner vollen Verwirklichung nähern. Möge darum auch mir ein Wort in dieser hochwichtigen Angelegenheit vergönnt sein, für die ich gesprochen und gewirkt, seitdem ich dem Elende der unglücklichen Glaubensgenossen meine Kraft und Zeit zu widmen angesangen, der ich die Sache mit all der Gründlichkeit, welche nur die Autopsie gewährt, kenne und beurtheile. Zn keinem Lande der Welt trifft man verhält- N'ßmäßig so viel unversorgte Wittwen und unmündige Waisen als in diesen westrusstschen Bezirken. Mißstände aller Art, verbunden mit den Ueberanstrengungen und Entbehrungen, welche sie sich zum Erwerbe ihres dürftigen Lebensunterhaltes auferlegen müssen, rafft die Männer in ihren besten Jahren hin. Es gibt kaum eine Familie, deren Versorger nicht auch gleichzeitig zwei bis drei Wittwen und ihre zahlreichen Waisen theilweise mit zu ernähren hat, darunter auch viele s. g. „^1inouau8-OIiaj3.u8^ sich befinden, deren Männer gar nicht am Orte, vielleicht Gott weiß wo? sich aufhalten und für ihre Kinder nichts thun können. Viele Wittwen und Waisen haben auch. gar keinen Versorger und Ernährer; sie arbeiten und betteln sich durch so gut es geht. Am unglücklichsten und elendsten sieht man oft die Kinder derjenigen Familie, deren -Eltern beide noch leben, deren Vater aber arbeitsunfähig selbst der Fürsorge bedarf. Am meisten jedoch . rührt das Elend derjenigen Kinder, die eine bessere Erziehung und Pflege genossen, deren Eltern noch vor wenigen Jahren vielvermögende Geschäftsleute gewesen, jetzt aber so sehr verarmt sind, daß sie den Ihrigen nicht mehr Brod zu essen und Kleider anzuziehen geben können; und die Zahl dieser, theilweise gebildeter Kinder, ist eine sehr große. Möge Zeiten und Ernten noch so günstig sich gestalten, solch ein Jammer und Elend bleibt davon unberührt. Der Rabbiner Hessel Eliassohn aus Sejny in Polen schreibt in dieser Beziehung an mich: „Es ist wahr, die Ernte war in diesem Jahre gut, Brod ist vorhanden, aber nicht für unsere Wittwen und Waisen, deren Zahl noch durch die unglückliche Frauen und Kinder vermehrt wird, deren Versorger, in Folge der strengen gehandhabten Recrutirungsgesetze zum Kriegsdienste gezwungen sind, oder sich diesem durch die Flucht entzogen haben. Der Tod hat in unserer Gegend in den verflossenen Jahren, besonders unter den Männern eine reiche Ernte eingebracht. In einem nahegelegenen Dorfe wohnten vier Brüder, die sind im verflossenen Winter fammt ihren Frauen rn einem und demselben Monate gestorben und haben — Entsetzen ergreift Jeden, der eö hört — fünfundzwanzig unmündige und unversorgte Waisen hinterlassen." Was nun das Resultat der Erziehung betrifft, so weiß ich darüber auch schon ein Wort aus Erfahrung zu sprechen. Ich habe gegenwärtig 24 Handwerkerlehrlinge untergebracht, 1 Buchbinder, 3 Goldarbeiter, 3 Kürschner, 1 Schneider, 4 Klempner, 1 Lithograph, 5 Schuhmacher, 1 Cigarren arbeiter, 1 Tischler, 1 Sattler, I Hutmacher und zwei Mädchen, welche Schneiderinnen werden. Es hielt anfangs sehr schwer die von der Straße aufgelesene, entsetzlich elenden Kinder unterzubringen. Bald aber bewerben sich um sie die besten Meister auf das eifrigste. Die Knaben zeigten sich fleißig, intelligent, lernbegierig, anstellig und reinlich. Jeden Sabbat haben sie Unterricht im Hebräischen, darin Manche, selbst im Talmud nicht unerfahren sind — und jeden Sonntag imKrllt!- schen, zu welchem letzteren Unterrichte sie sich wahrhaft drängen und trotz der wenigen Stunden tüchtige Fortschritte machen. Trotz der vielfachen Unarten Mancher, vermögen welche sie mir immer noch viel zu schaffen machen — man vergesse nicht, daß es gänzlich verwahrloste Kinder ohne Erziehung waren — hat trotzdem ihr äußeres und inneres Wesen schon eine ganz andere menschenwürdigere Gestalt angenommen. Am Erfreulichsten ist das Streben vieler nach Reinlichkeit, ja einer gewissen Eleganz. Als ich am ersten Pefachabend zum Gottesdienste kam, fiel.mir sofort die blendend weiße Wäsche eines Theils meiner Handwerkerlehrlinge ins Auge. „Woher dieses da ihnm bisher doch nur grobe Arbeitshemden geliefert worden waren?" Es waren einfach Papierkragen und Chemisetten, welche sie sich für wenige Pfennige, was viele seitdem allsabbatlich thun, gekauft hatten. Welch eine gewaltige Wandlung bekundet dieser so trivial erscheinende Umstand. Man denke sich nur den Sprung vom Schmutze und den Lumpen eines russischen Betteljungen bis zur freithätig angeeigneten Eleganz einer solchen raffinirten Industrie. Wie wahr ist doch der Spruch deS Waisen: „Die Tochter Israels ist doch schön, uur die Armuth ist eS, welche sie verunstaltet." Welch eine Fülle von Kraft und Intelligenz in diesen verwaisten und v rwahrlosten Kindern schlummert, ist nicht zu schätzen. Durch eure rasche Dazwi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.