Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1870)
- Date
- 1870-06-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Extra-Beilage za Rr. 22 des Israelit. Aufruf für die westrusfischeu Jude«. em Berliner Zweige der Alliance isra£lite universelle ist die unabweisbare Aufgabe zugefallen, das Schicksal der westrussischen Juden in werkthätige Erwägung zu ziehen. Als vor etwa zwei Jahren die Kunde von dem MaffenElend dieser Bevölkerung nach dem westlichen Europa drang, fühlte sich die Mildthätigkeit in reichlichem, aber nichtsdestoweniger ungenügendem Maaße angeregt, durch einfache Gabenspendung dem Unheil zu steuern. Zu tief wurzelt das Leiden, um mit solchen Mitteln gehoben zu werden. Die durch Mißernten und Handelsstockung verursachte Hungersnotb war nur der verheerende Ausbruch einer durch erdrückende Regierungsmaßregeln längst vorbereiteten, tiefgehenden ökonomischen Krankheit. Solcher Kalamität kann nur durch eine umfangreiche andauernde und wohlgeordnete Thätigkeit begegnet werden. Nicht das nackte Leben zu erhalten, sondern ein menschenwürdiges Dasein erst zu schaffen, gilt es. Haben jene armen, verlassenen und theilweise verwahrlosten Wesen, denen die zugänglichsten Mittel der Cultur versagt blieben und die ihren ganzen idealen Lebensinhalt aus der angestammten Religion und deren heiligen Büchern ziehen, in dem Gefühl des Zusammenhanges mit ihren beglückteren Stammesgenossen im Westen, die den Kampf für Menschen und Bürgerrecht erfolgreich geführt haben, ihren tröstenden Leitstern, so ziemt es uns, dieser letzten Hoffnung der Gepreßten nachdrücklich zu entsprechen. Das Bewußtsein unseres Berufes verpflichtet uns, auch bei diesem Anlaß zu beweisen, daß wir die große Frage der Glaubensfreiheit für ungelöst halten, so lange noch irgendwo in der Welt Juden um des Judenthums willen besondere Unbill erdulden. Allein dieses Interesse ist k in rein jüdisches, es ist ein allgemein menschliches, — und nur vorzugsweise, nicht ausschließlich wenden wir uns dafür an unsere jüdischen Brüder. Die Allianee israelite universelle, die bis vor Kurzem in Berlin nur wenig Anhänger zählte, hat nach diesem ls^rincip in verschiedenen Ländern, ja in mehreren Weltteilen mit rühmlichstem Erfolg gewirkt. Hier liegt eine Aufgabe vor, für welche es der Berliner, ja allen deutschen Judengemeinden höchste Ehrensache sein muß, nachhaltig und mit derjenigen Selbstständigkeit einzulrelen, welche bei unseren örtlichen Verhältnissen auch im Interesse der gemeinschaftlichen! Sache geboten ist. Schon ist als ein gutes Zeichen erwäbnenswerth, daß, in Berlin mit den .größeren Zwecken auch die Theilnahme wuchA Unsere Aufgabe ist klar vorgezeichnet: es handelt sich darum, in zurückgebliebenen Generationen die reichlich vorhandenen guten Keime zu wecken, die treMichen Naturanlagen auszubilden, in den Opfern einer mittelalterlichen Politik mit der bisher unterdrückten Erwerbsfähigkeit auch das beeinträchtigte Gefühl der Menschenwürde zu erhöhen, sie auf die eigenen Füße zu stellen, sie zu Bürgern zu erziehen. Dieses Ziel, das Endziel jeder vernünftigen Wohltbätigkeit, tritt hier mit dem Gewicht einer socialen, ja einer geschichtlichen Ausgabe uns entgegen. — Das Wenige, was bis jetzt geschah, konnte nur die Richtung bezeichnen, in welcher vorgeschritten werden muß. Schon sind mehrere Hunderte ausgewandert; immer mehr sollen, mit den nöthigen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgerüstet, ihnen Nachfolgen, viele Ändere werden mit erhöhter Erwerbskraft und geklärter Einsicht ihrer Heimath zurückgegeben, befähigter, für die Ihrigen zu sorgen, vielleicht auch im Stande, noch andere Unglücksgefährten in den neu eröffneten GewerbSkreiS hereinzuzieben. Nur so kann das äußere Elend überwunden werden, daß die innere Kraft gestählt wird. Aber unsere verhältnißwäßig geringen Mittel sind aufgebracht, und im Bewußtsein des guten Werkes und unseres ernsten Strebens wenden wir uns um Beiträge an unsere Genossen allüberall, wo warme Herzen der Entrüstung über schwere Bedrückung, sowie der Theilnahme für unverschuldetes Elend einen mehr als ohnmächtigen Ausdruck zu geben wünschen. — Unser Sftenbant Herr Platho (Breitestraße 6.) so wie Jeder Andere von unS ift zur Empfangsnahme von Beitragen bereit. Zum Voraus sagen wir unfern Dank den Gebenden , den Vermittelnden, den Sammelnden und vor Allen Denen, welche sich der Alliance als Mitglieder anschließen wollen. Alle ehrenwerthen Redactionen von Zeitungen und Zeitschriften werden dringend und angelegentlichst um baldige Aufnahme dieses Aufrufs ersucht. Berlin, im Mai 1870. Samuel Aron, Friedrichsstr. 133a. Dr. S. Babt, Neue Friedrichsstr. 27. Göttinger, Monkijonpsatz 4. Moritze Hrilmauu (Müller u. Heilmann.) Theodor Htymavu, Victoriastr. 2. Hermann Hirschberg, Spandauerbrücke 7. Jacob Israel, Spandauerstr. 28 Dr. S. Kristeller, Heiligeg ei ststr. 40. Prof. Dr. Lazarus, Königsplatz 5. S. Levy, Köpnickerstr. 78.