Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1869)
- Date
- 1869-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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822 alle Israeliten umschließende Band von allen naiionalen Hemmnissen gelöst werden solle. Unsere Ansicht, die natürlich von den Herren aus Paris eifrigst unterstützt wurde, drang am Ende — nach harten Kämpfen — durch, und man beschloß, des Gemeindetages und seines Gegensatzes gegen die Alliance, sowie der Bestrebungen des ersteren für die westrussischen Glaubensgenossen bei dieser Gelegenheit nicht zu gedenken. W'.r hatten b>i diesen Debatten das Vergnügen, Herrn Moritz Kohner aus Leipzig kennen Zn lernen, und ihm unser Bedauern auszu)prechen, daß das schöne Project, einen deutschen Gemeindetag zu gründen, der z. B. die Armenpflege orgamsire, dem herumziehenden Bettlerthume fteurc rc., durch die Art und Weise, wie dieses Project ins Leben gerufen worden, den Keim deS Todes in sich trage. Herr Kohner erklärte sich gern dazu bereit, diesen Fehler wieder gut zu machen — allein die Kürze der Zeit (es war bereits Donnerstag) gestattete nicht, hierfür eine eigene ausführliche Besprechung auzuderaumen. Donnerstag, den li. October, Abcads 7 Uhrband die Festversammlung der All. ISr. Univ im großen Saale der Gesellschaft der Freunde zu Berlin statt. Hier sollte nun öffentlich das Resultat unserer Berathungen kund gegeben werden. Ungefähr 1000 Personen waren erschienen. Die Bersammluug eröffnete Herr Prof. Lazarus, indem er Herrn -Envmieux vvrstcllte. In kurzer, aber höchst gediegener und ansprechender Rede führte Herr Professor Lazarus aus, daß Israel das eigentlich tragische Volk der Erde sei; aber jedes tragische Geschick habe eine neue Erhebung her vorgerufen, die Leiden haben unsere Gemüther gesänstigl, unsere Gedanken geklärt, unsere Gesinnung veredelt. So auch haben unsere Brüder in Westrußland in jüngster Zeit ein tragisches Geschick erdulden müssen, das aber der Anlaß zur Wiedergeburt und geistigen wie materiellen Erhebung jener zahlreichen israesitischen Bevölkerung werden würde. Das Unglück jener unserer Stammeö- und Glaubensgenossen habe alle jüdischen Herzen gerührt. Die All. Isr. Univ. habe viele ausgezeichnete Männer von Auswärts nach Berlin berufen, Nttt mit ihnen die Maßregeln zu berarhen, die zu Gunsten der Unglücklichen zu ergreifen seien. Diese edlen Männer seien herbeigeei't von Ost und West, von Nord und Süd. Sie hier willkommen zu heißen und ihnen für ihre Opferfähigkeit zu danken, zu diesem Zwecke möge sich die Versammlung von ihren Sitzen erheben. Nachdem dieses geschehen, hielt Herr Cremieux eine wundervolle Rede in französischer Sprache. Wir werden wahrscheinlich später diese Rede im Wortlaute mitzutheilen im Stande sein; wir wollen uns für heute damit begnügen, Einiges daraus wiederzugeben, wie es uns im Grdächtniß geblieben. Herr Erömieux entschuldigte sich zunächst, daß er genöthiat sei, zu der Versammlung französtsch zu sprechen. Zur Zeit seiner Kindheit sei es noch nicht Sitte in Frankreich gewesen, deutsch zu lernen und jetzt — er zählt 73 Jahre — sei er zu alt dazu. Herr Eremieux spricht dann über das Wesen des israelitischen Volkes. Dieses Volk sei der Zahl nach stets klein und unbedeutend gewesen, habe "aber die furchtbarsten Kämpfe kämpfen müssen gegen die größten weltbeherrschenden Völker. Jene großen Völker seien zu Grunde gegangen, allein Israel habe zwar viel leiden müssen, sei aber Sieger geblieben in allen Kämpfen, „und wir, meine Herren, wir," fahrt der Resner fort, „wir sind da! Wir leben und blühen kräftig und jngendmnthlg. Und wissen Sie, was uns ans allen Kämpfen zum Siege geführt, was uns erhalten und vom Tode errettet bat, mit dem uns die Aegypter, die Aramaeer, die Amalekiter, die Babylonier, die Assyrer, die Perser und Meder, die Griechen und Römer, die Christen und Muhamedaner so oft bedroht haben 't nnx "r der Ewige, unser Gott, unser einziger Gott!" — Ein ungeheurer Beisallsturm unterbrach den Redner. Die Versammlung war wie electriftrt; Thränen entstürzten den Augen. Das war ein Wort, das gezündet hatte in jüdischen Herzen. Bedenken wir, daß war ' gen mn^ nschasten Eheleb n * Exped. die Versammlung aus Berlinern bestand, dieser Beifallssturm ein wahrhafter Triumph jüdische Sache. Der Redner ging nun dazu über, sc., spruch zu motiviren. Er verglich die reine. Glaubenslehre mit den Religionen der alten modernen Völker. Dann schilderte er die L oen, bte wir für die Wahrheit erduldet, den Zustand, in den uns der Haß und der Neid der Nationen versetzt hatte. Er sprach dann von der großen französischen Rwolution und der socialen Umwälzung, die sie der Welt gebracht hat. „Auch hier", sagte der Redner, „auch in diesem großen weltgeschichtlichen Ereignisse hat sich der Gott Israels offenbart, indem Er die Inden die Menschenrechte wieoer erringen ließ!" — Der Redner führte dann aus, daß die französischen Juden die Ersten waren, welche alle politischen und bürgerlicken Rechte erlangten. L>ie seien dadurch gleichsam die ältesten Söhne des israelitischen Volkes geworden, befähigt und g'eignet, den großen Gedanken einer allgemeinen jüdischen Bereinigung zu fassen und zur Ausführung zu bringen. Das sei denn auch vor neun Jahren geschehen. Redner geht dann aus die berechtigten Eigentümlichkeiten der einzelnen Nationalitäten über. Er selbst sei Franzose mit Leib und Seele, sei ein glühender, französischer Patriot, es sei ferne von ihm, in Abrede zu stellen, daß nicht auch der deutsche, der preußische Jude ein begeisterter Anhänger und Verehrer seines Vaterlandes fein müsse —