Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1869)
- Date
- 1869-09-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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768 um mit ihr über denselben zu setzen. Da kam ein Wolf und griff die Schafe an. Was that der gewandte Hirt? er suchte einen starkhörnigen Bock aus und überließ diesen dem Wolfe zum Kampfe. Da, mit dem ringe du, dachte der Hirt, mittlerweile führe ich die Schafe über den Strom und dann mache ich auch den Bock frei. So geschah es auch als Israel aus Mizraim zog, da trat der Ankläger vor Gott hin und sprach: Herr der Welt! Bis jetzt haben diese Götzen gedient, und du wolltest ihnen da- Meer spalten? — Was that der heilige g. f. E.? er überlieferte dem Verderber — Hiob, einen der Räthe Pharaos, von dem geschrieben steht: „er war ein gerader aufrichtiger Mann" — Hiob übergab er ihm und sprach: Hier ist er in deiner Hand!-— In derselben Stunde sprach Gott zu Moscheh: Mvscheh! Hiob habe ich Satan übergeben — was hast du nun zu thun? „Sprich zu den Söhnen Israels, daß sie ziehen!" (Rabba 2. B. M. 21) In Zeiten großer Gefahr, wo eine Natton mit ihrem großen Inhalte um ihr Sein oder Werden zu kämpfen hat, und sich eiue Welt mit zürnenden Elementen dagegen stemmt — und Druck und Tyrannei chre letzte Spanne Terrain verrheidigen gegen — Gott in der Natur der Völker, da, in so gewichtiger Geburtsstunde sind große Erscheinungen nöthig — Menschenerscheinungen. Die Menschennatur hat da ihren Adel zu bewahrheiten in ihren größten Schöpfungen. — Der einzelne, große Mensch, herausgefordert vom Ungestüm bitter böser Geschicke ist ein passender, ja uothwendiger Hirtergrund für das Volk, das die Elemente gegen sich in die Schranken ruft. Soll indessen das Gemälde psychologisch richtig, soll es möglich sein, so muß dem Einzelkämpfer auf dem Boden des Reinmenschlichen gegenüber ein ganzer Mann an der Spitze des Volkes stehen, das drängt und von ihm gedrängt wird. — „Diesem Volke Israel willst du Meere spalten"? dient Israel nicht Heidengottheiten — was gäbe ihm ein Recht, sich über Natur und Naturgesetz zu erheben"? „Was?" „Hiob!" Von den Räthen Pharaos war er und ist doch — ein großer Mensch. Sehet einmal hin auf dieses Toben in Hiobs Brust, ist's etwa minder schrecklich, als MeereStvben, weil in engere Grenzm gebannt? — Dieses beständige Auf- und Niederwogen der schwarzen Fluth der Zweifel; — die Schaumberge von Hoffnung und Ahnung; — dieses Wrack von Menschbewußtsein und diese Sonne unendlichm Sieges nach unendlicher Resignation; — dieser Mast, den das finkende Schiff fort und fort emporstreckt — keine Traditionskette reicht ihre Glieder rettend herab, nein, hinan klimmt der Mensch, der natürlich edle Mensch in seiner ganzen Ohnmacht, mit feiner ganzen Wundermacht. Gott ist Gott und ich bin ein Mensch! — Dies ist der Refrain in Hiob» schauervollem Liede. — Resignation und wunderbare Menschenhöhe. — Von dieser Höhe blickt der au» seinem Ich gehetzte — aus feiner Haut geschälte Hiob mit der blutigen Scherbe in der Hand in die Tiefen, — Und in welche Tiefen? — Ahnen — Verzweifeln — Anklagen — Richten. — Wehe, wenn er gerecht; wehe, wenn er ungerecht. — Furchtbar ist dieses Scherbengericht SatanS gegen den edelsten Erdenbürger, aber auf dieser Scherbe steht eben ein großer AdelSbrief geschrieben für den absoluten Menschenwerth. Es ist nichts so geeignet, Stufe zu sein für Sinai, wie jener Hügel dort, den der zertretene Wurm: Hiob mit seinen Windungen aus dem festgetretenen Boden der Gewohnheit herauöwühlt. — Israel dient Abgöttern — gemach, eS hat das Zeug in sich, sich Sinai zu erringen. Warum nicht? Sieh dir jene schmale Spanne rein menschlichen Standpunkte« an, aus der Hiob den entsetzlichen Ringkampf mit Satan kämpft. Entsetzlich, wenn er entsagt; — fürchterlich, wenn er begehrt, wenn er mit vor wüthendcm Schmerze geballter Faust an die HimmelSthore klopft — und dann wieder mit noch furchtbarerer Gelassenheit sagt: gnt, du bist Gott und ich bin Mensch; — laß mich meinen Speichel verschlucken! — Ha! sehet ihr das Schauerliche, das in diesem „Ich oder Du" liegt, wennS ein Sterblicher dem Unsterblichen. Ewigen zuruft? — „Ich oder Du" — es soll ein Drittes geben: die Offenbarung! Der Mensch soll sich nicht mehr die Faust wund schlagen an einer festverschloffenen HrmmelSpforte mtt glühendem Riegel. — Ich will sie austhun diese Pforte — aber zu weit ist sie für den einzelnen Mann — ein Volk ziehe ein. „Moscheh was wirst du thun"? Hiob vollbringt fein Werk und du — wirst du wohl auch entsagen? Nein! Hiob steht als Einzelmensch da, er ganz allein, der ganzen Welt mit ihrem Fluche gegenüber — mit ihm im Bunde ein geahnter und immer mehr geahnter Gott der — Gerechttgkeit und der Gnade. Hiob übt eine Großthat, da er entsagt. Moscheh, du darfst nimmermehr entsagen, denn das Volk, das du führest, das Gott sich erwählt hat, darf nicht entsagen. „!ipvn—->21" Sage Israel, daß e» weiter ziehe! Womit könnte wohl dem Niederkämpfen der„Naturnothwendigkeiten" ein besseres Präcedenz gegeben werden, als mit einem Menschen, der bis an die äußerste Linie der Naturgränze entsagend siegt? Womit kann , der Weg zur Offenbarung besser illustrirt werden, als ' mit dem Bilde eines Mannes, der mit brennendem Schmerz und dürstender Seele nach — Offenbarung lechzt? — Tröste dich Hiob, dir lebt ein Moscheh! Deine Seufzer und deine Lehren — ein Volk sängt 1 sie auf. — Moscheh! Hiob hat seine Schuldigkeit ge-! than, geh und thue die deine! Verantwortliche Äebaction: Dr. L ehmann. — Verlag per Le Stoux'ichln HofLuchharidlung. — Tomps-SchneLprefserwrnck »o« I. GottSleben in Mainz.