Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1869)
- Date
- 1869-05-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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X Jahrgang. Extra Beilage zu Nr. 19 des Zsraelit. Zweiter Rechenschafts-Bericht des Unterzeichneten Comitv's seit seiner Neu« eonstituirung. Memel, den 26. April 1869. | Jetzt erst, glauben wir, hat die Noth unter den westrussischen Israeliten den CulminationSpunkt erreicht; denn zu keiner Zeit find uns so zahlreiche, so dringende und haarsträubende Schilderungen und Bittgesuche aus den Städten und von Privaten zngegangen, wie eben jetzt. Iu der gestrigen wöchentlichen Comitesitzung erschienen zwei Männer aus dem von uns nicht sehr fernen, von Anfang an zu unserem Unterstützungskreise gehörigen Städtchen Dorbian und baten um eine Erhöhung der Quote für ihre Stadt. „Achai werabösai! (Brüder und Herren), begann der Eine: Es handelt sich um „Pikuach-nefesch“ (Lebenörettung) bei allen Städten, wir wollen Niemand verkürzen; bei uns aber ist es gar schlimm. In ftüheren Zeiten war es mein Amt, allwöchentlich Geld für die Armen zu kteiben (einsammeln), da waren etwa vierzig La'alebattmi (Familienhäupter), die zwar nicht viel geben konnten, aber gern gegeben haben; Mancher ist davon bereits Hungers gestorben, und wie Mancher wird noch Hungers sterben; denn wenn mall ihnen auch etwas geben könnte, sie werden ihre Noth gar nicht mal blosthun; dabei hat bei uns der Typhus so gewüthet, daß innerhalb fünf Monate das neuangelegte Petb-olamina (Haus der Ewigkeit, Todtenhof) sich gefüllt hat, und wenn das so fort dauert, so werden wir es kommendes Jahr nicht mehr gebrauchen können; ein neues aber auch nicht — bei i uns wird's gar keinen Tod mehr geben, weil keiner mehr am Leben sein wird. Mehr als einmal täglich zu essen, daran denkt gar Niemand. Und was essen die Aermsten! — Gcmüseabsällc, Kleien oder vielmehr nur die Schalen des Getreides, Spreu und andere nicht einmal zu Viehsutter taugliche Dinge, welche sie sich auf dem Lande bei den Bauern oder in der Stadt erbettelt, vielleicht sich auch um einen oder zwei Copeken erstanden haben. Das Alles wird in Wasser ohne Salz und Schmalz — selbst das Salz ist bei uns längst ein ungebräuchlicher Luxusartikel geworden —- abgekocht und gegessen. Vrod kennen die Armen j schon gar nicht mehr. Der größte Theil unserer! Stadtbewohner hat in diesem Jahre gar nickt „Peßach j gemacht" (Alles Gesäuerte, wie es das Gesetz veri langt, hinwcggeschaffc). Haltet uns darum nicht für weniger fromm und gesetzestreu, denn man hätte am 6b0ino2-batttz1-Abend hundert gackeln anzünden und in „allen Löchern und Spalten suchen dürfen," man hätte auch nicht ein Krümchen Brod entdeckt, eS war feit Monden keinö in ihre Wohnungen gekommen. Und das Gefundene bis zur Verbrennungszeit vor den Mäusen zu verwahren, auch das wäre uicht nothwendig gewesen. Lacht nickt, ich lache auch nicht? — — große Thräuentropfeu liefen dein Manne die bärtige Wange herunter — bei uns sterben Ratten und Mäuse gleich den Menschen. Wir waren früher, wie ihr wißt, meistens Getrerdehändlsr, und durch die von den Bauern und Gutsbesitzern aufgekauften Feldfrüchte, welche wir hierher und nach andern Ostseehäfen verkauften, . hatte sich daS genannte Ungeziefer sehr angebänst, dieses ist aber jetzt entweder Hungers gestorben, oder eS kriecht matt in den Häusern und auf den Straßen umher; man kann es nach Gefallen tobt treten — Katzen und andere Hausthierc sind längst verhungert. Neulich ereignete sich auf unseren Straßen eine Scene entsetzlichen Jammers. Ein durchfahrender Bauer batre einem Knaben ein ziemlich großes Stück Brod geschenkt, sogleich fallen ein paar andere, die das bemerkt hatten, über ihn her, um auch einen Theil davon zu erhaschen; es kommen immer mehr Knaben hinzu, jeder will ein Stückchen erobern; Einer entreißt dem Andern das bereits Erlangte; zuletzt war die Zahl vielleicht auf 50 angewachsen, welche sich balgten, wälzten, wie die hungrigen Wölfe sich zerfleischten, um daö Krümchen der seltenen Labe, welche der Andere bereits zum Munde geführt, ihm wieder zu entreißen. Eine große Anzahl Erwachsener war nicht im Stande, die halbverhungerte Kinderschaar zu beruhigen." Entsetzen ergriff uns beim Anhören dieser mit dem echten Humor des Todes vorgetragenen Schilderung. Nock jetzt kann ich, ohne daß das Auge sick mit Thränen füllt, weder daran denken, noch dieses niederschreiben. Wann hätte ich jemals einen solchen Zustand zu erlebe,: für möglich gehalten! — Als ich noch ein Kind im Hause der auch nicht eben sehr vermögenden, aber sehr wohlthätigen Eltern auf einem Dorfe in, gesegneten Hessenlande lebte, und mein Vater, sein Angedenken sei gesegnet, nach großen Mühen, Sorgen und Entbehrungen der Woche am Freitag Abend, vielleicht mit ein paar Armen als Gäste sich zu Tische setzte, und der Lichtglanz der runden sechSzaüigen Sabbatlampe, die Fülle, das Glück und der Frieden des Augenblickes sich in seinem strahlenden 'Angesichte wiederspiegelte; wie sprach er da voller