Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-05-05 · Heft 18 (5.5.1869) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 18 (5.5.1869)
Date
1869-05-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447413--07193-2462782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

363 bis 14. März — elf Vertheilungen umfaßt, vorzulegen: es haben seitdem drei weitere Vertheilungen stattgefunden und sind nunmehr an den bis auf 144 Städte erweiterten Unterstützungskreis des hiesigen EomitL'S etwa 33,000 Thlr. vertheilt. Doch dürfen wir Ew. Durchlaucht nicht verhehlen, daß alle diesen Summen und wären es Millionen, doch nur dazu dienen können, augenblickliche Linderung zu verschaffen. Wir können uns leider der Besorgniß nicht erwehren, daß bei dem Stande der Dinge unter den westrussischen Israeliten, der Nothstano jeder zeit wieder hervortrcten kann, hervortreten muh. Einer solchen Eventualität gegenüber wären wir mackt- und rathloS. Und wenn wir auch zum dritten Male unsere Unterstützungsthätigke-t aufnehmen wollten, wir befänden uns doch jederzeit aus dem Standpunkte eines schlechten Arztes, der da stets auf das Symptom loscurirt, glaubend das Uebel dadurch hebenzu können. Unser stetes und nachhaltigstes Streben müßt-' eö darum sein, auf eine das Uebel bei der Wurzel erfassende Heilung zu sinnen. Abgesehen nun von der Einführung solcher Zustände, die wir, von unfern heimathlichen preußischen ausgehend, als die besseren erkennen, und die sich doch nur'sehr schwer aus einen andern Boden, wenigstens nicht auf einmal verstauzen lassen; sei es dem Unterzeichneten unterthänigst verstattet, aus einen einzigen Umstand aufmerksam zu machen. Sobald man die russische Grenze überschritten und sich auf preußischem Boden befindet, ist der Zustand der Israeliten sofort ein anderer. Sie wohnen dort bei weitem, so dicht nicht mehr beisammen und die dort befindlichen israelitischen Gemeinden sind wohlhabender, intelligenter und stehen in geregelter, bürgerlicher GewerbS- und Erwerböthätigkeit keiner preußischen Stadt nach. Daneben findet man in den menttir größern und kleinern Städten von Memel bis Aach II, gar noch nicht so sehr lange ansässig, eine sehr gieße Anzahl von Israeliten, aus den preußischen Länder strecken längs der russischen Grenze stammend, in geachtetster Stellung, als tüchtige Kaufleute und Industrielle lebend, und wesentlich zur Hebung und Belebung des preußischen Handels und der Industrie daselbst beitragend, — woher nun dieser gän;! ch veränderte Zustand der Israeliten in diesen preußischen Länderstrecken, die doch früher mit den angrenzenden russischen vereinigt waren? Der Grund ist nicht schwer aufzufinden; er ist in dem Vorhergehenden bereits angedcntet, er liegt in der in Preußen herrschenden vollkommen unbeschranlen Freizügigkeit. Damit ist denn auch das erste und Hauptmittel angedeutet, das eine Radicatkur zur Be seitigung des in Rede stehenden Nebels vor allen Ändern anwenden muß. Wie in Preußen, .vollkommene Freizügigkeit und Erwerb- und Gewerbefreiheit — beides ist unzertrennlich das Eine vom Andern, — wozu dann freilich noch ein Drittes hinzukommen muß; vollständige Beseitigung alles Paßzwanges, das ist vorerst das einzige Mittel, um bessere Zustände unter der in Rede stehenden israelitischen Bevölkerung anzubabnen und mittelbar in heilsamster Weise auf das russische Weltreich einzuwirken. Der Unterzeichnete macht, unbeschadet er cm guter preußischer Bürger zu sein glaubt, kein Hehl von seinen warmen Sympathien für das russische Reich. Bot es doch von jeher ein schützendes Asyl für Millionen seiner Glaubensgenossen; und er identisicirt so sehr Glück und Geschick der Israeliten und des russischen Staats, daß er das Eine vom Andern sich nicht getrennt zu denken vermag. Das israelitische Volk assimilirt und accommodirt sich mit einer solchen Leichtigkeit überall wohin es kommt den herrschenden Zuständen und Volkseigenthümlichkeiten, und trägt dabei angeerbt in sich einem so vortrefflichen Fond alles Guten, selbst da, wo er durch eine unscheinbare, vielleicht abstoßende, äußere Hülle sich dem Forscherblick entzieht, — daß überall, wo man eS frei walten, wohnen und weilen läßt, bald Einheit und Einigkeit, Licht und Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit, Ordnung undThätigkeitüber feine gefammte Umgebung sich verbreiten. Dieses wollte ich Ew. Fürstl. Durchlaucht und möchte ich selbst Se. Maj. dem Kaiser und höchsten StaatSregierung recht warm ans Herz legen, doch werden Ew. Durchlaucht in allbekannter gerühmter Humanität und Fürsorglichkeit für seine Untergebenen raS schon sclbft zu thun nicht verfe-ylen. In aller schuldigen Ehrerbietung Ew Fürstlichen Durchlaucht unterthanigster Vr. Rülf. Memel, 6. April 4869. Rechenschafts-Be icht des Unterstützungs- C mi'ö zu Lyck. Den 25. Februar v. I. haben wir den ersten Aufruf zur Unterstützung der nothleidenden Israeliten in Rußland und Polen erlassen und glaubten, mit dem Hrrbst desselben Jahres unsere Thätigkeit einstellen zu können; allein durch die auch im vergangenen Jabre in F'lge der Dürre stattgchabte Mißerndte mußten wir solche fortsetzen und erließen den 31. Januar c. den zweiten Ausruf zu diesem Zwecke. Während unserer Thätigkeit haben wir sieben Rechenschaftsberichte und zwar den 19. April, 20. Mai, 5. August v. I., den 21. Januar, 1. März, 14. März und 12. April b. I. im Hamagid unter specttller Angabe der Geber und Vertheilungen in deutscher Sprache veröffentlicht; auch wurde jedem Geber ein Exemplar zugeschickt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.