Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1869)
- Date
- 1869-04-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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X. Jahrgang.; Extra Beilage zu Nr. 17 des Israelit. Memel, im April. Es ist vielfach daran Anstoß genommen worden, daß die Wirksamkeit unserer Hilfsvereine einen zu ausschließlich konfessionellen Charakter trage. Dem ist aber ist nicht also. Wir unterstützen eine von Hunger und Krankheit LiS zur Vernichtung heimgesuchte Menschenmasse; daß diese merkwürdigerweise nur aus Juden besteht, beruht eineStheils auf der eigenthümlichen Beschaffenheit der Grenzbevölkerung, anderntheilS auf der eigenthümlichen Beschaffenheit des Nothstandes. 'Don Kurland bis Galizien wohnt nämlich längs der preußischen Grenze in Rußland und Polen eine zahlreiche, dichtgedrängte, israelitische Bevölkerung, daß man — die großen, auch kaum zur Hälfte aus Christen bestehenden Gouvernements-Plätze ausgenommen — in fast allen Städten nur Juden antrifft, und dort oft weiter Nimand als die mannigfaltigen und' zahlreichen Beamten und Geistlichen Christen sind. — Bis vor Kurzem vom Ackerbaubetrieb ausgeschlossen, haben sie sich fast allesammt in den Städten conccntrit, hoben Handel und Handwerk, während die Christen sich auf dem flachen Lande verbreitet und die Bodencultur in Besitz genommen. Wohlhabend war diese jüdische Bevölkerung, nach unseren Begriffen, eigentlich niemals, wohl aber nach ihren; denn sie bedurften zum Lebensunterhalte stets so äußerst wenig, daß sie das Wenige mit größter Leichtigkeit' sich beschaffen konnten. Seit einem Jahrzehnt aber haben eine Menge mißlicher Umstände, wie wir sie näher in unserem Rechenschafts-Bericht angegeben, ihnen alle Nahrungs- und Ernährungsquellen versiegen lassen. Sie sind immer mehr herabgekommen, auch die Vermögenden sind nach und noch verarmt, oder haben, um den ungeheueren Ansprüchen, die man von allen Seiten an sie stellte, sich zu entziehen, den Heimathsort verlassen. So gibt's Städte von 6000 bis 8OOO Menschen, worunter kaum noch 20 lis 30 sind, welche noch einige Hundert Rubel Vermögen haben und nicht, wie alle Uebrigen, von Hand zu Mund zu leben brauchen; sofern nämlich die Hand, und in Folge deffen auch der Mund, vollkommen alles Nothwendigen baar sind. Uno dennoch kam der Nothstand weder zum Ausspruch noch zum Ausbruch, ihrer fast an Communismus grenzenden, erzwungenen oder freien, Unterstützung unter einander — und ihrer fast an Ascetik grenzenden Enthaltsamkeit wegen. Mit etwas Weiß- oder Schwarzbrod, Gemüse und einem Häring — welcher letztere dort, die Gastronomie betreffend, eine sehr große Rolle spielt — richtet ein Jude dieser Gegenden ein Festmahl zu. Eine mehrjährige Mißernte mußte den Nothstand endlich mit allen seinen schrecklichen Folgen hervorlreten lasten. Der Verarmung und vieler anderer mißlichen Dinge wegen vom großen Weltverkehr langst ausgeschlossen und lediglich auf den Verkehr mit dem Landmanne hingewiesen, schwanden ihnen plötzlich alle Nahrungs- und Ernährnngsmittel. Sie versorgen den Londmann vom größten Gutsbesitzer biö zum kleinsten Eigenkäthner und LoSmann mit allen Bedürfnifj fen und verwerthen ihm allen Ueberstuß. Jemehr der! Ueberfluß schwindet, desto mehr wird das Bedürfniß j reducirt, und so ist nach keiner Richtung für die un-! unglücklichen kleinen Handelsleute eine Beschäftigung. — Nock viel scklimmer steht es um die Handwerker. Diese nähen dem Bauern seine Kleider und Schuhe, verfertigen ihm alles und jedes Hausgeräthe, bauen ihm seine Häuser, ja selbst ansehnliche Kirchen und Prunkgebäuoe werden von jüdischen Handwerkern errichtet. in den größeren Städten trifft man unter den Handwerkern weithin berühmte, wahrhaft geniale Männer; sie alle sind brodlos, da sie weder bei Juden noch bei Christen Beschäftigung finden. — Zu den s. g. „Dorfgehern" gehören nicht nur die kleinen Handelsleute, sondern auch Hunderte von kleinen Handwerkern. Die Woche über arbeiten sie auf dem Lande, am Freitag kommen sie mit wenigem Gelbe, aber mit Nahrungsmitteln schwer beladen, nach Hause und bringen den Ihrigen den Unterhalt für' die kommende Woche. Die Bauern haben jetzt kaum Brod für stch und die Ihrigen, die armen Dorfgeher sitzen jetzt zu Hause und — verhungern. Nun meinen vielleicht Viele, in diesen Gegenden herrsche große Theuerung. Dem ist nicht so. Brod ist uicht viel theurer als sonst, Fleisch sogar billiger. Wegen anhaltender Dürre ist im verflossenen Sommer wenig Viehfutter gewachsen. Das Vieh muß mit dem Brodgetreide ernährt, oder, was viel häufiger geschieht, verkauft werden. Fleisch ist darum in diesem Jahre billig, für wenigen Kopeken wird das Pfund verkauft; jedoch das ist eben das Schmerzlichste, selbst diese wenigen Kopeken können die Unglücklichen nicht auftreiben. ES ist kaum nothwendig, mebr zur Dar- und Klarlegung anzuführen. Eigentlicher Nothstand herrschte unter den Christen dieser Gegenden weder im vergangenen. nock viel weniger in diesem Jahre. — Selbst die russische Regierung anerkennt düses, indem sie ihre Maaßnahmen zur Abhilfe, insofern von solchen die Rede sein kann, nur den Juden zuwendet. Um weiteste Verbreitung des Vorstehenden durch