Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 38-39 (20.9.1866)
- Date
- 1866-09-20
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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VH. Jahrgang. Extra Beilage zu Nr. 38L3S des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspon- -enzen. Preußen. Siegburg. Dem „Nieurv Israelietisch Weekblad" wird der Brief eines hiesigen israelitischen Soldaten Namens Böhringer an seine Angehörigen mitgetheilt, den auch wir für unsere Leser nicht uninteressant finden: Nachdem sich die Schlacht bei Königgrätz zum Nachtheile der Feinde gewendet hatte, wurde ich beim ferneren Vorschieben unserer Truppen in die Avant- Garde versetzt. Kurz darauf faßte eine österreichische Batterie auf einer Anhöhe eine gute Stellung und richtete jetzt ihr furchtbares Feuer auf uns. Um sich einigermaßen vor dem Tod und Verderben verbreitenden Kugelregen zu schützen, errichteten wir rasch von den in unserer Nahe liegenden Leichen sowohl unserer gefallenen Waffenbrüder als von denen des Feindes einen Wall, von wo aus nun wir den Oesterreichern keinen Schuß schuldig blieben. Nachdem wir so eine kurze Zeit, ungefähr 10 Minuten hinter dem Wall postirt waren, glaubte ich aus dem Leichenhausen eine Stimme vernommen zu haben. Ich horchte nochmals und nahm war, daß sich mein Gehör, trotz des furchtbaren Kampfgetöses nicht getäuscht hatte. Gleichzeitig bemerkte ich, daß es die Worte, dieman bei Sterbenden spricht, waren, die mit schwacher Stimme an mein Ohr drangen. Das „Schemah Israel", war es, das ich aus dem Leichenwall mit großer Andacht beten hörte. Denken und Handeln war nun eins. Ich legte mein Gewehr auf die Seite und begann eine Bresche in unseren Wall zu brechen. Nach vielen Anstrengungen, während ich dem heftigsten Kugelregen blosgestellt war, gelang es mir endlich einen österreichischen Soldaten als den Betenden aus. den blutigen Leichen herauszuziehen. Ich nahm ihn auf die Schulter und trug ihn in das preußische Spital zu Nachod. Der Arzt erklärte, daß die Wunde zwar sehr schmerzlich, jedoch nicht tödtlich sei, und legte sofort einen Verband an. Der Verwundete war indessen von einer Ohnmacht befallen und lag wie todt da. Als er später zu Bewußtsein kam und mich erkannte, reichte er mir die linke Hand, denn die rechte konnte er nicht bewegen. Was der Blick ausdrückte; was der Handdruck zu erkennen gab; was ich in jenem Augenblicke fühlte: das kann meine Feder unmöglich wiedergeben. Seine schönen männlichen Augen waren mit Freudethränen gefüllt und auch meine Augen überströmten in Thränen, deren ich mich jedoch nicht schäme. Ich fühlte mich glücklich, ja glücklicher noch als mancher General, der eine Entscheidungsschlacht gewonnen. Gegen Abend erzählte mir der Gerettete, daß er Michael Weisweiler heiße und von Provision ein Schuhmacher sei. Er wurde schon am Anfänge des Gefechtes in die rechteBrust getroffen und fiel alsdann bewußtlos nieder. In diesem Zustande hatte man ihn für todt gefunden und gehalten. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, doch als er zu Besinnung kam, sah er das gefahrvolle seiner Lage ein, und fürchtete, lebendig begraben zu werden. Durch seine Wunde und den großen Blutverlust war er zu schwach und kraftlos, sich selbst zu helfen Er erwartete also jeden Augenblick in dem heftigen Kugelregen den Tod. Schrecklich war der Gedanke, das junge Lcben auf so elende Weise, fern von all denen, die ihm lieb und theuer waren, zu verlieren — doch blieb ihm noch eine Hoffnung übrig. Er bereitete sich zum Tode vor und raffte seine ganze Kraft zusammen, noch einmal so laut er konnte pvr? zu beten und das war seine Rettung. Indessen befindet sich mein Freund als Glaubensgenosse und Feind als Soldat Gs. D. auf dem Wege der Besserung. Frankreich. Paris. Hermann Goldschmidt, der berühmte Maler und Astronom, ist dieser Tage in Fontainebleau, 64 Jahre alt, gestorben. Er war ein Schüler von Cornelius und bereits 1834 nach Paris gekommen. Seine bedeutendsten Werke sind: „Eine Jüdin in Algier", „Die Poesie", „Opfergabe an Venus", „Cleopatra", „Der Fischmarkt in Rom", „Romeo und Julie", „Ein Nachtstück". Hermann Goldschmidt erwarb in zehn Jahren acht Preise der Akademie der Wissenschaften, erhielt die große goldene Medaille der königlichen astrMwmischen Gesellschaft in London und wird stets zu den berühmten Astronomen zählen. In dem Zeiträume von neun Jahren wurden von ihm 14 Planeten in der Asteroidenzone zwischen Mars und Jupiter entdeckt, nämlich : Lutetia (1852), Pomana (1854), Atalante (1855), Harmonia (1856), Daphne (1856), Nyta (1857), Eugenia (1857), Melitta (1857), Pales und Doris (1857) , Europa (1858), Alexandra (1858), Danae (1660), Panope (1861). Goldschmidt wurde auf freiwillige Anregung der Akademie der Wissenschaften und über Antrag des Marschalls Vaillant in Frankreich naturalisier und 1857 wurde ihm vom Kaiser Napoleon der Ehrenlegionsorden verliehen. Paris. Hermann Goldsmith, bekannt als Astronom, starb am 10. Sept. zu Fontainebleau, wo er Stärkung seiner schwachen Augen suchte. Er war in Frankfurt am 27. Juni 1802 geboren und widmete sich zuerst dem Handel, dann unter Schnorr und Cornelius der historischen Malerei, endlich der Astronomie, welche er privatim zü Paris trieb seit 1848. Er entdeckte nicht weniger als 14 kleine Planeten. Goldsmith opferte sein Vermögen der Wissenschaft und bezahlte sein Streben noch mit dem Verlust seines Gesichts. Er war Israelis.