Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 13-14 (28.3.1866)
- Date
- 1866-03-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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238 Feuilleton. Kern und Schale. Eine Sage aus dem XU. Jahrhundert. Mitgetheilt von k. ^armol^. I. Sir Bongodas de Lunel. Es wird in alten jüdischen Geschichten aus Frankreich erzählt, daß der König Ludwig VII. einen Israeliten Namens Sir Bongodas de Lunel, zum Rath-und Geschäftsführer hatte. Sir Bongodas war ein vollkommen, gerechter und kluger Mann. In Narbonne geboren und einer edlen Familie angehörend, hatte er sich frühzeitig ausgezeichnete Sprachkenntnisse erworben. Sein heiterer Sinn, seine frohe Laune, machten ihn zum angenehmsten Gesellschafter. Seine Wißbegierde trieb ihn aus seinem Vaterlande; er bereiste Italien, Griechenland, Syrien und Palästina. Dieses war zur Zeit des zweiten Kreuzzugs, da König Ludwig VII. Damaskus belagerte. Sir Bongodas hatte das Unglück in die Hände der rohen Krieger zu fallen, die ihn, weil er Jude war, todtschlagen wollten. Seine heitere Laune rettete ihn. „Ihr könnt mich immerhin als guten Israeliten tödten," sagte er ganz ruhig, „allein als Freund des Königs der Könige muß ich mich zuerst einer wichtigen Mission an euren Herrn und Meister entledigen." Als die Soldaten dieses hörten, führten sie ihn sogleich in das königliche Zelt, ihn König Ludwig als einen Freund des Königs der Könige, mit einer hohen Mission an ihn, vorstellend. Der französische Monarch, von dieser sonderbaren Aeußerung überrascht, fragte, wer er, wer der König der Könige, und was die Mission an ihn sei? Sir Bongodas gab freundlich und auf gut Französisch Bescheid. Er sei ein Reisender aus Narbonne, der von mehreren Soldaten seiner Majestät aufgefangen und, weil Jude, niedergemetzelt werden sollte. In dieser unangenehmen Lage blieb ihm nichts übrig als die Gerechtigkeit des Königs in Anspruch zu nehmen. Wie aber bis zu ihm gelangen? Eine List war nothwendig; er gab sich als Freund des Königs der Könige, das ist Gott der Herr, aus, der jedem Menschen die wichtige Mission gab: Du sollst nicht tödten, noch tödten lassen. Der König lachte über den drolligen Einfall des Sir Bongodas. und erkundigte sich nach seiner Vaterstadt, seinen Religionsgenossen und seinen Reisen. Je mehr Ludwig VH. sich mit Sir Bongodas unterhielt, destomehr ergötzte ihn sein froher Sinn, seine heitere Laune und seine Klugheit. Er bemerkte, wie der einfache Reisende alles genau beobachtet hatte und wie er das Schwerste mit scherzhaften Gedanken und spielender Leichtigkeit zu behandeln wußte. Er veranlaßte ihn, bei ihm zu bleiben und ihm durch Rath und That beizustehen. Sir Bongodas nahm das ehrenvolle Anerbieten des Königs mit Ergebenheit an und wurde sein Rathgeber und Geschäftsführer. Seinem Rath gemäß, hob der König Ludwig die Belagerung von Damaskus sogleich auf, und ging nach Frankreich zurück. Durch große Wohlthätigkeit und heilige Werke ward Sir Bongodas bald in Israel bekannt. Er wurde die Zierde, der Trost und die Stütze seiner Mitbrüder. Am Hofe Ludwig's des VII. sehr geachtet und hochgeehrt, hat er seinen Einfluß und sein Ansehen blos zum Heil seiner Religionsgenossen verwendet. Mitten unter den zahlreichen Beschäftigungen, behielt er stets seinen heitern Sinn, seine frohe Laune, und es verließ ihn nie sein liebenswürdiger Anstand. Er war der beste Gatte, und nach dem Tode seiner früh verstorbenen Gattin, verblieb alle seine Zärtlichkeit und innige Liebe seiner einzigen Tochter Valentine de Lunel. Sir Bongodas de Lunel hatte seine geliebte Tochter einem jungen Gottesgelehrten bestimmt, und er schrieb an den berühmten Rabbi Tam in Ramerup, daß er ihm drei seiner besten Schüler schicken möge, damit seine Tochter einen von ihnen zu ihrem Gatten wählen könne. Der hochgeehrte Rabbiner von Ramerup schickte ihm drei seiner vorzüglichen Jünger, die alle drei schön von Gestalt und in der Thora gelehrt waren. Sir Bongodas empfing sie mit Wohlgefallen und stellte sie seiner Tochter mit den Worten vor: „Hier, meine liebe Valentine, sind drei gelehrte Jünglinge, die denselben Anspruch und dasselbe Recht haben, wähle einen von ihnen, der dir am besten gefällt, zum Gemahl." „Ich kann keinem den Vorzug geben," antwortete die junge Dame, „wähle Du selbst, mein lieber Vater, den Gatten für deine Tochter." Nachdem Sir Bongodas de Lunel reiflich überlegt hatte, erfand er folgendes Mittel um einen entscheidenden Entschluß zu fassen. „Ihr gefallet alle drei meiner Tochter," sprach Sir Bongodas zu den jungen Gottesgelehrten, „und da sie sich auf mich in Bezug auf die Wahl ihres Gatten beruft, so will ich euch, meine Lieben, meinen Willen mittheilen. Gehet auf die Reise, während dreier Monate, hier habt ihr jeder hundert Goldstücke für die Reisekosten; derjenige, der von euch das nützlichste Geschenk mitbringt, erhält meine Tochter zur Gattin." (Fortsetzung folgt.)