Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1864)
- Date
- 1864-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Extra-Beilage*) z« Nr. 10 des Israelit. Vom Eilrnlmrgrr Comitate im Ädar 5624. Wenn doch einmal Jemand eine Sittengeschichte Ungarischer Gemeinden schreiben möchte! Es gäbe sicherlich nichts Interessanteres für allgemeine Psychologie und Anthropologie, nichts Drastischeres, Komischeres und Tragischeres, meist aber Tragi-Komisches. Bis uns ein zu solch reichem Stücke Kulturgeschichte berufener Historiker eine Universalgeschichte unseres Gemeindelebens überhaupt gegeben haben wird, dürfte es immer von Interesse sein, Specialschilderungen dieser Art von recht tragikomischem Abklatsche des heillosen, sicherlich von allen Seiten und Farben desavouirten dienenden Treiben der schreiendsten Frivolität der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die Gemeinde Körmend wird wahrscheinlich den meisten Lesern selbst dem Namen nach unbekannt sein; sie ist gerade nicht durch weltbekannte Daten ausgezeichnet, es knüpfen sich an sie wohl keine Erinnerungen an bedeutende Koryphäen des Geistes, oder an allgemeine, jüdischnationale Thätigkeit; allein diese Gemeinde stand früher keineswegs hundert anderen nach, welche sich in früheren Zeiten glücklich und zufrieden an dem gemeinsamen Busen der einen alten Mutter nährend labten, und besaß Rabbiner, welche vor andern in gleichgroßen, wohl auch größeren Gemeinden keineswegs zurückzutreten brauchten. Ich übergehe diese alten Zeiten, weil im Grunde sehr wenig daraus zu berichten: das Leben zog sich wie überall in sehr schöner Einförmigkeit dahin, der Hausirer gehörte die ganze Woche seinem mühsamen Nahrungszweige an, und erwärmte sich allsamstäglich, wenn es ihm überhaupt vergönnt war. in der Killah zn sein, an den Worten des verehrten Rabbiners, an der Weihe der alt-überkommenen Institutionen, an der Gluth brüderlicher Liebe und innigster Liebesdienste. Dies Leben gehört in jener Gemeinde leider nur der Vergangenheit an, die fortschrittliche Gegenwart hat nichts als auszulöschen, abzuschaffen, zu ertödten ge- *) Auf Kosten und unter Verantwortlichkeit der Einsender. mußt. Nicht eine einzige anerkennenswsrthe That hat sie an deren Stelle zu setzen vermocht. Nach welcher Fa^on man aber eine solche ungarische Gemeinde reformirt, darüber will ich Ihre Leser mit ganz trockenen Daten belehrm. — Es fungirt dort ein Rabbiner, der ehrwürdige Herr Jsak Bodanzky, der seinem Vater im Amt folgte. Er entspricht vollkommen den Ansprüchen, die eine Gemeinde, wie die dortige, an ihre Rabbiner zu machen berechtigt ist, er ist gelehrter Talmudist, seine Vorträge sind zweckentsprechend, mit warmer Liebe ist er der Gemeinde in ihren Institutionen zugethan, und bietet bei jeder Gelegenheit bereitwilligst seine Dienste zur Thätigkeit an. Man baute jedoch vor einigen Jahren eine Synagoge, die Frauensynagoge sollte salonmäßig eingerichtet werden, und die vorzeitische Gallerie wurde von der Körmender Gottesgelahrtheit für unnöthig erklärt und abgeschafft. Der Rabbiner kann solch unsittliches Treiben nicht ruhig mit ansehen, wendet sich au Rabbinen, unter denen selbst ein Meisel in Pesth dem Rabbiner Recht gibt, hilft aber nichts, der Jude (wollte sagen die Gallerie) wird verbannt. Seit der Zeit brennt das Feuer der Zwietracht in Körmend, und wie dies dem Rabbiner gegenüber geschürt und lichterloh geblasen wird, werden Sie, lieber Leser, aus Folgendem entnehmen. In Stuhlweißenburg lebte ein junger Mensch, L....N, ihn genauer zu kennen, ist wirklich nicht der Mühe werth, ein Charlatan und Lügner in hohem Grad. — Er gibt sich für einen Or. der Philosophie aus, ohne es auch nur im Entferntesten zu sein,*) er gibt vor, eine Morena ja Hatarath-Horaa zu besitzen, ja er hat die Frechheit gehabt, in Stuhlweißenburg in die Horaah hineinzupfuschen (wie? davon wissen die Talmide-Chachomim zu erzählen) und besitzt nur —risum teiwLlis amriri l — zwei Chaber (1211), wie man diese selbst 14—15 jährigen gibt. — Was seine Moral betrifft, so liegen zwar ganz unzweideutige, aber nicht sehr eh- *) Sehr interessant für das Wirtschaften solcher Subjekte ist das Mittel, wodurch er Leute zu täuschen sucht, er fertigte sich nämlich ein Diplom an, in dem mit ganz großen Lettern die Worte vr. der Philosophie zu lesen sind; wer aber näher tritt, sieht, daß im Grunde darüber steht: R. R. bitte tum ein Dtplom eines vr. der Philosophie.