Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 47 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG des bolschewistischen Regimes fungierten, besonders zustatten, obgleich kein Jude im ganzen Gebiet leitender Volkskommissar war. Die Judenfeindschaft steigerte sich. Als Ataman Grigoriew, ein Freibeuter, der mit seinen Truppen von Peüjura zu den Bolschewiki übergegangen war, an April einen Aufstand gegen die Bolschewiki inszenierte, erscholl sein Schlachtruf: „Nieder mit den Volkskommissaren, nieder mit den Juden, nieder mit dem Kommunismus“. Sofort brachen in den von seinen Banden besetzten Gebieten, Tscherkasy, Jelisawetgrad, Snianinka, Dolmskaja, Werchnij-Dnieprowsk furchtbare Pogrome aus. Im Dorf Saksoyan z. B. hat man damals 96 jüdische Männer verstümmelt und zusammengeschossen. Ungefähr 40 jüdische Gemeinden wurden damals ruiniert und zirka 6000 Juden getötet Der Vormarsch der Denikinschen Armeen in diesen Gebieten des Don-Bassins vollzog sich unter systematischer und gewalttätiger Vernichtung jüdischen Lebens. Besetzte eine dieser Truppen einen größeren Ort, traten die alten reaktionären Elemente sofort hervor. Zuerst wurden die Juden ausgeplündert, dann wurde eine Reihe von ihnen als;,Bolschewiki“ beraubt und gemordet worauf ein tagelang andauernder Pogrom mit zügellosem Rauben, Plündern und Morden einsetzte, bis die Wut sich erschöpft hatte. Darauf kam ein Befehl eines Kommandos, der Gewalttätigkeiten gegen Juden mißbilligt und verbietet Auf diesem Siegeszug der Bestie wurden auch jene jüdischen Ackerbaukolonien als „bolschewistisch“ völlig vernichtet die sich Wochen vorher mit Waffen gegen die Einführung des Kommunismus gewehrt hatten. Nirgends wurde ein militärgerichtliches Verfahren eingeleitet Jene jüdischen offiziell angestellten Beamten, die während des Kerenski-Regimes aufgenommen -worden waren, wurden jetzt bei der Reaktivierung dies« Behörden systematisch entlassen. Ich zeige Ihnen hier den Befehl des Mobilisierungskommissärs von Charkow vom 7. Juli 1919,-wonach alle jüdischen Offiziere seines Rayons bis auf ihre Wiedereinberufung aus dem Kriegsdienste entlassen werden. Denikin selbst hat kurz darauf die jüdischen Offiziere aus seiner Armee entfernt, trotz ihres energischen Protestes, daß sie nur durch gerichtlichen Spruch ihrer Charge entkleidet werden könnten. Bezeichnend für den Geist für den Geist der in dem Denikinschen Offizierskorps herrscht ist die Entschuldigung, die Denikin bezüglich seines Befehls einer Deputation gab, er habe nicht anders handeln können, weil er Konflikte zwischen den jüdischen und den übrigen Offizieren befürchten mußte. Das Resultat dieser systematischen Blutarbeit ist ergreifend. Die Juden, die noch in den kleinen Marktorten bei den Bahnstationen zerstreut angesiedelt waren oder in den Ackerbaukolonien gearbeitet haben, verkauften den Rest des Ihnen gelassenen Hab und Guts, und flüchteten in die jüdischen Großgemeinden, wo sie in der Masse auf Schutz ihres Lebens hofften. Dort aber tragen sie zur Vergrößerung von Arbeitslosigkeit. Hunger, Elend und Krankheit bei Die palästinensische Arbeiterschaft .spricht Originalbericht über die Londoner Aeußerungeii der Arbeiterdelegierten aus Palästina. Die Anwesenheit der Delegierten der palästinensischen Arbeiterschaft in London gab Ge legenheit zu einer Reihe von öffentlichen Ver Sammlungen, in welchen die Delegierten ihre Forderungen bekannt gaben. Die „English Zionist Federation“ lud am 10. Oktober den Vertreter des Verbandes „Hapoel Hazair“, Herrn Joseph Sprinzak, ein, zu dem hebräischen Publikum von London zu sprechen. Herr Sprinzak ging von der Bedeutung aus, welche die jüdische Arbeiterbewegung füi Palästina hat Sie schafft uns die eigenen arbeitenden Schichten, ohne die wir im Lande verloren wären, verwandelt den unproduktiven Juden in einen produktiven Arbeiter und vermag dem arabischen Arbeiter eine jüdische Konkurrenz entgegenzusteilen. Die zionistische öffentliche Meinung weiß noch wenig davon, daß d a s j ü d i s c h «.- Privatkapitäl arabische Emigranten ins Land zieht, daß arabische Intellektuelle aus nationalen Gründen sich als Arbeiter bei palästinensischen Bahnbauten verdingen- Während das jüdische Privatkapital die arabische Position stärkte, fand die begeisterte zionistische Jugend, «Me nach Palästina kam, dort eine innere eiserne Mauer vor. Wir müssen uns bewußt sein, daß die erste, von den Bilu getragene Weile des Jischub Schiffbruch gelitten hat, weil die Bilu mehr Land hatten als sie selbst bearbeiten konnten und die Kolonisation nicht auf dem .Prinzip der eigenen Arbeit und nicht auf dem Prinzip der Nationalisierung des Bodens fumliert war. Die Bilu, die als Idealisten gekommen waren, wurden! am Ende Kaufleute und Spekulanten mit Getreide. Wir sollen sie.deswegen nicht amklagen, sondern verstehen, daß jede Bewegung so enden muß, wenn sie nicht das Prinzip der eigenen Arbeit in ihren Mitteipunkt stellt. JVlan spricht von den Defiziten der palästinensischen Arbeiterkwuzoth. Die großen Kosten entspringen nicht einer Verschwendung, sondern den Verhältnissen. Während die Arbeiter in allen Ländern nach einer Erhöhung ihres Lohnes streben, bemühten sich die Mitglieder der Kwuzoth alles zu tun, um die' Produktionskosten herabzubringeiL Zwei Familien wohnen zusammen in eitlem Zimmer. Wenn dennoch die Opferfähigkeit der Arbeiter es nicht zuwege gebracht hat, die Defizite auszugleichen, so muß man in Erwägung ziehen, daß dies Kontributionen sind, die wir dem Ländle bezahlen. Die Kwuzah ist eine Kommune. In letzter Zeit wird vielfach der Plan diskutiert, in Gestalt sogenannter Arbeiteirkolonien, eine Form der Ansiedlung zu schaffen, die mehr individualistisch wäre und mehr den , Bedürfnissen des Einzelnen und dem Familienleben entspräche- Der Einzelne soll hier.ein so großes Stück Nationalfondboden zugewiesen bekommen, als er allein bearbeiten kann. Dies ist vermutlich die für die Ansiedlung größerer Massen geeignete Form. Nun erhebt sich die Frage der Mittel für die Durchführung der Kolonisation. Was den Boden anlangt, so müssen alle öffentlichen Grmuistücke dem Nabohalfonö gehören, der der legitime Erbe der türkischen Re gierung ist Das notwendige Kapital wird hoffentlich, wenn große politische Möglichkeiten gesichert sind, durch eine nationale Anleihe. aufge; bracht werden. Jedenfalls, aber muß das Privatkapital, das nach Palästina geht den Weg zu seiner Betätigung über die Zionistische Organisation finden und darf nicht frei wirtschaften. Die kommende Einwanderung muß organisiert und reguliert sein, und zunächst müssen die opferbereiten Chaluzim kommen, auf deren Organisierung die ganze Energie der zionistischen Bewegung konzentriert werden müßte. Die sogenannte Araberfrage in Palästina ist nur ein Gegensatz zwischen jüdischen und arabischen Kapitalisten, nicht ein solcher zwischen den Arbeitern. Das Land hat Platz für jüdische und arabische»Arbeiter. Am Abend des 2. November sprach im Londoner liasterid in einer Versammlung der „Poale Zion“ Berl Katzeneisohn, der Delegierte der palästinensischen „Achduth Haawoda“. Er sprach von der schweren Krisis, welche der jüdische Sozialismus gegenwärtig durchmacht, und' von der Gefahr der Entfremdung der Gruppen in den einzelnen Ländern, die nur durch stete Fühlungnahme untereinander und besonders mit der palästinensischen Arbeiterbewegung gebannt werde» kann. Auch er sprach über die palästinensischen Genossenschaften und ihren Gegensatz zu den europäischen Kooperativen. Diese leben überall innerhalb der Beziehungen der kapitalistischen Welt ln Palästina ist ein fortwährendes soziales Neuschaffen. Während die Arbeiterschaft in der Welt nicht das Bedürfnis hat, die Produkte zu verbessern, arbeiten die Mitglieder der palästinensischen Genossenschaften fortwährend an fachlichen Verbesserungen, und die Konferenz, die kürzlich in Merchavia stattfand, beschloß neben allen politischen Resolutionen auch eine Resolution, welche die Einführung neuer Maschinen nach Palästina verlangt Ebenso versuchten die Kwuzoth,. das Familienleben der Genossenschaft anzupassen, der Frau eine Mitarbeit in der Genossenschaft zu sichern und sie von ihrer Passivität zu befreien. Wenn in Palästina irgendwo Arbeite losigkeit eintritt, bemühen sich die Kwuzoth, in ihrer eigenen Mitte Arbtitsgelegjenheiten zu schaffen. Als in Palästina während des Krieges Mangel an Nahrungsmittel eimrat, dachten unsere Genossenschaften ißcfct. daran, die Lage auszunützen und Geld zu verdienen, sondern verbanden sich mit den Arbeitern, um ihnen entsprechend billige« «iie Lebensmittel zu verkaufen. Jede neue Gruppe hat ihre eigene soziale Individualität und löst die Probleme ln individueller Weise. Katzeneisohn kam darauf auf di© „Achdütli Haawoda“ zu Sprechern In Europa werden politische Organisationen und Gewerkschaften auseinand ergeri ssen. In Palästina hält man dies für einen großen Irrtum. Die Partei soll nicht eine Organisation zur Diskussion politischer Probleme, sondern zur Verwirklichung bestimmter praktischer Ziele seih. Die Zustimmung zu einem Parteiprogramm ist nichts w,ert, wenn sie sich nicht im Leben in der Verwirklichung bestimmter praktischer Ziele sofort äußert. In Palästina führt alles sofort zur Verwirklichung, zur direkten Aktion, aber, während in Europa «iie direkte Aktion nur «iie Form des Generalstreiks angenommen hat, ist sie beim jüdischen Arbeiter ein ständiges Neuschaffeu. Schon der Weg nach Palästina ist eine direkte Aktion. Der nächste revolutionäre Schritt ist die Hebräisierung des Arbeiters, «iie ihn in Verbindung bringt Mit den geistigen Kraftquellen des Volkes. In Palästina sind alle sozialen Fragen nicht Fragen weiter Zukunft, sondern der sofortigen Verwirklichung. Katzeneisohn sprach über däie kulturelle Arbeit der palästinensischen Arbeiter. Erbezeichnete es als die Tragik der europäischen Arbeiterbewegung, daß sie den Arbeiter nicht fähig gemacht hat, die Macht wirklich zw übernehmest In.Palästina haben, dank der ungemeinen Opferfreude der Genossen, «lie jüdischen Arbeiterorganisationen a u c h die Bildungsarbeit in Angriff genommen. Spezielle Lehrer der" einzelnen Gruppen sorgen für «lie fachliche und literarische Bildung der Arbeiter und vertiefen sein sozialistisches Bewußtsein. In der ganzen Welt ist vielleicht keine Arbeiterschaft so mit ihrer Presse verbunden, wie in Palästina!. Die theoretischen Grundlagen des Zionismus Unter diesem Titel erschien soeben im rührigen „Weltverlag“, Berlin* eine kleine Arbeit von Gerhard H o 1 d h e i m und Walter P r e u s s. .Wer sich, wie die Schreiber dieser Zeilen, selbst mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt, weiß, wie außerordentlich mühevoll es ist, sich durch die Literatur „Jalcobs Traum“ in Berlin Am 7. November fand in Berliner Deutschen Theater, unter der Regie von Max Reinhardt; die Erstaufführung des in Wien durch die Aufführung im Burgtheater bekannten und seinerzeit hier gewürdigten' Dramas „Jaakobs Traum“ von Richard Beer-Hofmann statt Das Stück fand bei den Zuhörern begeisterte Aufnahme, und auch die zünftige Kritik verhält sich überaus wohlwollend, wenn auch — wie es nicht anders zu erwarten war — manche Kritiker, speziell die jüdischer Abstammung, noch immer nicht ihi Gleichgewicht finden können, daß ein Jude auch im Theater sich als Jude bekennt Im „Berliner Tageblatt“ schreibt Alfred Kerr u. a.: „Fast alles was auf der Rampe seit Jahren und Jahren erschien, ist gegen diese Dichtung blos Literatur. Edelstes entfaltet hier einer vom Geblüt Rings Schönheit »und Wärme. Trotz manchem Deuteln und Grübeln, ein Kerl von dem starken, einfachen GefühL Irgendwie faßt er den Menschen ans Herz. Beer-Hofmann ist im hohen •lyrischen 'Drama heute, ohne den Schatten eines Zweifels, der Erste.. . . Vieles Herrliche lebt in den Traumgesprächen — aber wir sehen heute die Welt aus einem anderen Winkel. Mittendrin verkümLet ein mesopotamischer Wildenbruch Israels Zukunft; viel feiner, seelenwitziger, innerlicher als Wildenbruch, doch es bleibt etwas nationalistisch Beengendes. Nein, doch nicht: es gilt ja einerbefehdeten Minderheit“. . * „Weiß «fiese selbstbewußte Judeiidichtung wieviel vom besten Europa sie in sich hat und daß sie ohne das christliche, das deutsche, das bürgerliche Europa gar nicht geschaffen sein könnte?“ heißt es bei Willi Ha »dl. im Berlin« „Tag“. Julius ' Hart im Berliner roten „Tag“ schreibt u. a.: „Zuerst glaubte ich schon, dieser Jaakobstraum würde von Beer-Hofmann als ein recht allgemeiner, universalistischer, internationaler, interreligiöser geträumt — aber «lann scheint“« doph zweifellos: «fieser Geist träumt ihn ganz zionistisch nach, er will, er behauptet seine Gott-Idee sei eine rein jü«lisch-mosaische, er spricht ausschließlich zum Volke Israels, und sein Wort hat ganz allein dieses berufen und auserwählt das Reich Zion auf Erden zu gründen, und er ist noch ein Nationalgott. Das Eritis sicut Deus, sdentes bonum et malum, das in diesem Vorspiel der Patriarch Jakob selig, gläubig, glückselig herunterschluckt, gilt nur für Abrahams Kinder und ist eine jüdische Privatangelegenheit Martin Buber und unsere Zionisten werden ihre rreude daran haben.“ t Im Berliner „Vorwärts“ meint Konrad ,S c h m id t „In der Ausmalung des'Ahasverus- Sclncksals seines Stammes, das er Voraussicht klingen von fernher zionistische Töne an“. In dfer „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt Max Meyer heim: „Heil dir, Israel!“ Nun wurde dir dein biblisches Bühnenweihefestspiei. Mit Kraft Stolz und Gduld — <ten drei Tugenden, die er besonders“ an seinem Stamme rühmt — hat es der Wiener Richard Beer-Hofmann zustande gebracht Als ideale Hörerschaft wäre ein Zionistenkongreß zu denken; doch auch der zu Premieren in den Wiener und Berliner Theatern drängenden Gemeinde wird es kaum an dem nötigen Verständnis und dem Hochgefühl dei Auserwähltheit mangeln. . , . Die Spracbmusik, die schon im „Grafen von. Ghänolais“ entzückte, strömt auch hier «voll aus den Versen Es ist eine seltene Freude, so edle Klänge zu vernehmen. r- Ein jüdisches Dokunentenbucb. Im Verlag Judäa (Stockholm) erschien soeben eine neue Schrift, „Die Judenfrage der üegenwar t“, Dokumentensammlung, herausgegeben unter den Redaktion von Leon Chasanowitsch und Leo Motzkin. Das Werk zerfällt in drei Teile. Der erst» Teil behandelt die jüdische Volksbewegung. Die große Fülle der in diesem Teil zusanunengetragenen Dokumente, «lie mit einer einzigen Ausnahme (Baseler Zionistisches Programm) sämtlich aus der Kriegszeit stammen, bringt dem Leser die gewaltige Ausdehnung der jüdischen nationalen Bewegung und ihre Wesenseinheit zum Bewußtsein. Wir finden hier alle wichtigeren Dokumente aus der jüdisch-amerikanischen Kongreßbewegung und den gleichgearteten Bewegungen in Rußland, der Ukraine, Litauen, Ostgalizien, Deutschösterreich, Tschecho-SIowakien, der Bukowina, Mähren und 'Schlesien, Ungarn, sowie' «lie Kundgebungen verschiedener Fraktionen und als Abschluß dieses Teiles die Denkschriften des „Komitees «1er. jüdischen Delegationen“ in Paris an die Friedenskonferenz. Der zweite Teil behandelt die Stellung des Internationalen Demokratie zu dem jüdischen Problem; der dritte Teil enthält die Regierungserklärungen, Gesetze und internationalen Verträge. Hier werden zunächst alle Regierungserklärungen betreffs Palästinas wiedergegeben. Es folgen «fie Regierungserklärungen betreffs der Judenfrage in Osteuropa. Sehr lehrreich ist der Abschnitt: „Die Juden im alten Polen“, in dem zunächst em Ueberblick über die jüdische Autonomie im alten Polen gegeben wird. Dann folgen' «lie Generalprivilegien der polnischen Judenheit ,imt deren Abdruck die Herausgeber, wie sie in ihrer Einleitung sagen, nachzuweisen beabsichtigen; daß die gegenwärtig*