Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 47 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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G5 n w Nailonal-jüdifchcs Organ XIII. Jahr**«* Nr. 47 SedaktioB und Administration: Wl«s I!., TaborstraBe I Fernsprecher Nr. 44038 n. 43319 Mit der Beilage: »Der jüdische Natiocalfonds* m;«B, Freitag, *•» 28. November 1918 Bazi|«arai«: Vierteljährig Gl ganij. 24 S, Einxelaummer SO ä Postsparkasaenkonto 133.404 Js£?irf- V Verjüngung Des Zionismus Die Einberufung einer Weitkonfer-enz der Monistischen Jugend, über die wir in.der vorigen Nummer berichtet haben, ist ein Ereignis, dem eine besondere Bedeutung für die zionistische Entwicklung zweifellos zukommt. Die zionistische Jugend ist in den letzten Jahren immer deutlicher mit gesonderten Zielen Und einem spezifischen radikalen Programm aufgetreten; ihre mächtigste Entfaltung''War die „Zeire Zion“-Partei in den Ostländern. Die Zeire Zion fungieren auch als die Einberufer der Konferenz und haben sich zudiesem’Zweck mit der nationalen Arbeiterpartei Pa-, lästinas, „Hapoel Hazair", sowie den dieser, Organisation angeschlossenen 'westeuropäischen' Gruppen vereinigt Die drei Organisationen bilden •irren .jungzionistischen Block, der die radikalen zionistischen Forderungen innerhalb der zionistischen Organisation' durchsetzen will. ■' Daß sich heute iungzionistische Gruppen bilden und der offizielle Zionismus 'bei der Jugend überhaupt wenig Resonnanz findet, könnte als ein Symptom dafür genommen werden, daß der Zionismus .alt geworden ist. Tatsächlich muß man zugeben, daß einzelne Erscheinungen der letzten Zeit wirklich den Eindruck machen, als ob die zionistische Organisation über der Auseinandersetzung mit den konkreten Tatsachen der Wirklichkeit etwas an Schwung und Impetuosität einbüßte. Seitdem der Zionismus erfolgreich, geworden ist, haben sich ihm große Massen angeschlossen, die vorher abseits standen; in 'einem solchen Massenzustrom liegt immer dieGefahr, daß Elemente ^d.azukQinm^..die.,v9iL.der,urDrüt^,l^eiji,J;C^flgi.e.., .des Zionismus unberührt sind und die' durch andere Motive jetzt ins zionistische Lager geführt werden. Der Erfolg zwingt die Organisation auch, bei jedem Schritt zu rechnen und zu berechnen, manchmal um eines höheren Zieles willen Konzessionen und Kompromisse zu schließen, wo die jugendliche zionistische Anschauung kein Abgehen von den Prinzipien verträgt.' Wenn so die zionistische Arbeit zu einer großen bürokratischen oder vereinstechmschen Angelegenheit, verbunden mit der kolonisatorischen Unternehmung des Aufbaues Palästinas zu werden droht, so ist es immer zu begrüßen, wenn eine Jugend nachwächst, die den reinen Gehalt der zionistischen Idee erneuern und die Verwirklichung der Idee ohne^ Kompromisse wagen will. Schließlich kann jede Bewegung nur duren immer wieder' eirisetzende Erneuerung von Innen heraus bestehen, das Abflauen des ersten Schwunges ist gar keine zionistische Spezialität, sondern das Schicksal jeder Idee, die durch die Organisation den Weg zur "Wirklichkeit sucht. Darum haben wir . auch gar keinen Anlaß, die Situation zu beschönigen, wir wissen, daß es nur gesetzmäßig ist, daß die in die Breite wachsende Bewegung gleichzeitig an Tiefe und Stoßkraft 'einbüßt; wesentlich ist eben nur, , daß die Jugend zur Idee zurückfindet und dadurch einen neuen Blutstrom in den Körper der Partei bringt. Der Grundgedanke des Zionismus ist die gänzliche Erneuerung des jüdischen Lebens. Aus der.Erkenntnis der völligen Unhaltbarkeit und . Irreparabilität des Galuthdaseins folgte eine unbedingte Verneinung der Galuth und zugleich der W’jlle, in Palästina auf ganz neuen Grundlagen ein von Grund auf neues Leben zu beginnen. Dieses.Ziel gilt fürs Volk sowie für jeden Einzelnen. Jede Wiedergeburt eifordert Abbruch und Neubeginn- Alles andere wäre ein mühseliges Hinschleppen, eine Fortsetzung und im besten Fall eine kleine Verbesserung der gegenwärtigen Jammerexiste.nz, aber die Wiedergeburt des jüdischen Volkes kann nur der Zionismus bringen, der eine Revolution des jüdischen Lebens ist. Darum kann der Zionismus nur vom Volke getragen werden. Niemals kann eine Leitung den Zionismus so, repräsentieren wie etwa ein VereinsausKhuß seinen Verein. Die gegenwärtigen Verhältnisse bringeu es mit sich, daß die zionistische Leitung weitab von. den Zentren der jüdischen Massensiedlung zu residieren gezwungen ist und durch diese lokale Entfernung sowie die schlechten Verkehrsverhältnisse ist der Kontakt zwischen Leitung und Volk leider ein sehr geringer. Die L eitung kann heute nicht viel mehr tun als die politische Aktion mit den bei den Westmächten üblichen diplomatischen Methoden v/eiterführen: diese Leistung darf nicht unterschätzt werden, vielmehr ist sie im jetzigen. Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung, das kann aber doch nicht über die Tatsache hinweghelfen, daß die Massen des Volkes zu untätigem Warten verurteilt sind nnd sich ihrer leicht eine deprimierte Stimmung bemächtigt Kritisch ist diese Depression bereits in Palästina, wo beim Empfang von W'eizmann und Ussischkin im vorigen Monat geradezu verzweifelte Reden gehalten worden sind. Die Stimmung im Lande ist eine äußerst unbefriedigte, man ist enttäuscht und erbittert und erwartet Hilfe aus London. Es ist heute kein Geheimnis mehr, daß die zionistische Palästina-Kommission, in deren Hand infolge ihrer Autorisation selten sder Regierung große Möglichkeiten waren, beinahe völlig versagt hat. Der schwerste Vor- wurf, der gegen sie zu erheben ist, ist der, daß sie es nicht verstanden hat, die Verbindung der zionistischen Behörden mit dem schaffenden, arbeitenden Element des neuen Jischub herzustel- Icn. Die Kommission hat sich zu sehr als Gönner geiiihlt, sie hat Almosen ausgeteilt, statt die schöpferischen Kräfte zu wecken und zu beleben. Sie hat nicht klar genug Verständnis dafür bewiesen; daß 'nach PäiästMä‘~firouM(nhenbHäe?'W,ie-' dergeburt nicht Methoden der Galuth Überträgen' werden dürfen; daß vielmehr hier alles von völliger Neuschöpfung abhüngt. die nur von den arbeitenden Menschen, den eigentlichen Pionieren des Zionismus, geschaffen werden kann. Die zionistische Leitung zeigt in den wichtigsten Problemen, in der sozialen Frage, in der Kulturfrage usw., keine dezidierte Haltung, sie erweckt den Anschein, als ob sie diese Probleme ignorieren wollte. Wenn es auch verständlich ist. cüjß man die politische Aktion gegenwärtig nicht mit Einzeliragen belasten will, so lehrt doch die Wirklichkeit, daß das Ignorieren nicht hilft und daß die Fragen sich doch antwortheischend in den Weg stellen. Das Ausweichen ist vielmehr immer, verdächtig, weil es gerade für jene geistige Haltung charakteristisch ist, die als „bürgerlich“, d. h. als steril und stagnierend bezeichnet wird. Die jungzionistische Weltkonferenz wird sich weniger mit negativer Kritik als vielmehr mit positiver organisatorischer Arbeit befassen müssen. Gerade weil die einberufenden Gruppen trotz ihres eindeutig ausgeprägtem Charakters noch kein genau feststehendes Programm haben, sind sie auch von den Bedrohungen des Dogmatismus frei. Die Konferenz wird zunächst feierlich die Wiederherstellung der ursprünglichen revolutionären Ideologie des Zionismus proklamieren müssen, deren - Grundpfeiler dje Umbildung des heute parasitär lebenden Volkes in ein schaffendes, produktiv arbeitendes Volk ist. Nicht aber auf die Proklamierung kommt es an, ‘sonTIem auf die Bestätigung und Verwirklichung. Daher wird die Konferenz ein Aktionsprogramm aufstellen müssen, auf Grund dessen dann sofort die Arbeit aufger.ommen werden kann. Die iungzionistische Fraktion wird ihre Grundsätze in bezug auf den sozialen und kulturellen Aufbau Palästinas formulieren, sie wird den unbeugsamen Willen der zionistischen Jugend zum Ausdruck bringen, daß in Palästina ein Gemeinwesen von derartiger ökonomischer Struktur errichtet wird, daß die blutigen Ungerechtigkeiten der europäischen Gesellschaft unmöglich sind. Ebenso wird sie sich zum Gedanken einer restlos hebräischen Kulturarbeit bekennen. Auch in bezug auf das wichtigste Gebiet des öffentlichen Lebens, die Jugenderziehung, wird die Konferenz ihre Grundsätze formulieren müssen. Und schließlich kommt das gesamte Gebiet der GegenwaTtsarbeit in Betracht, das. vor allem die Aufgaben der Erziehung und der Berufisschichtung des Volkes umiaßt. Wenn es der Konferenz geäugt, wirklich eine Konzentration und Integrierung aller jungen und arbeitenden Kräfte innerhalb des zionistischen Lagers zustande zu bringen, so wird sie sich nicht nur um die zionistische Idee, sondern auch um die Förderung der sachlichen Arbeit ein großes Verdienst erwerben. Die Lage in Südrußland Dr. Moses Duchan. der zu den politisch und geistig führenden Mitgliedern der iüdischen Gesellschaft Petersburgs gehört ,ist vor kurzem in Paris eingetrofien, um an den Arbeiten der jüdischen Delegation teilzunehmen. Er war seinerzeit der Führer der zionistischen Fraktion im jüdischen Gemeindevorstand yon Petersburg und ist Vorstandsmitglied der dortigen Zeire Zion Organisation. Er hat ein Jahr bolschewistisches Regime in Petersburg mitgemacht, hat selbst das Organisationsstatut geschaffen, auf Grund dessen der Kongreß der jüdischen Gemeinden im Juli 1918 in Moskau den Zentral-Waad (Zewaad) errichtete, flüchtete dann mit seiner “Familie nach Südrußland und hat dort so ziemlich alle Phasen des Bürgerkrieges mitgemacht. Mehr als ein halbes Jahr wirkte er als Professor an der Volksuniversität in Jekaterinoslaw — auch unter den Bolschewiken, die seine Lehrtätigkeit nicht inhibierten. Zuletzt leitete er das zionistische Bureau in Nowo-Rossyjsk. Herr Dr. Duchan war so liebenswürdig, dem Pariser M. Gewährsmann der „Jüdischen Preßzentrale Zürich“ folgende zusammenhängende Schilderung über das Schicksal der Juden in Südrußland zu geben,, die um so beachtenswerter ist, als. die-spärlichen, und ungenauen Nachrichten, die wir im letzten Jahre von dort erhielten, sich nicht zu einem Gesamtbild verbinden lassen. Die Bauern Südwest-Rußiands lebten mit den Juden seit jeher im besten Einvernehmen, wenn auch eine gewisse pogromistische Stimmung — vom zaristischen Regime gepflegt — in ihr schlum- _ merte. Ein aktives judenfeindliches Handeln hatte sich aber aus ihrem Kreise heraus nicht entwickelt. Demoralisiert und verroht durch den jahrelangen Krieg vermochten die interessierten Kreise sie jetzt zu Pogromen zu verleiten Während die christliche städtische Intelligenz sich passiv verhielt, begannen die reaktionären Elemente, Kleinbürger, entlassene Beamte des alten Regimes, ländliche Großgrundbesitzer, schon unter Kerensky, besonders energisch aber seit der bolschewistischen Revolution, die Bauern für ihre politischen Interessen zu gewinnen. Das alte System wurde wieder angewendet: gegen die Juden und für die Reaktion. Die Selbstänaigkeitsbewegung ' unter Skoropadski. und Petljura stachelte den nationalen Chauvinismus auf. Beide strebten eine Wirtschaftspolitik an. die die Juden aus dem Wirtschaftsleben ausschaltet. Als Petljura gegen die Bolschewik! kämpfen mußte, begannen seine Agitatoren, die am Privateigentum interessierten Großbauern gegen die Juden als die Kommunisten, die Bolschewiki. zu hetzen. Sie säten auf bereits durchackertem Boden. Daraufhin sammelten sich Banden, unter denen die von Sokolowsky, Zielony, Sokolow und Struiko die beriiehtigsten sind. Sie richteten die. furchtbarsten Pogrome in dem Petljura unterstellten Gebiet an. Machnow, ein anarcho-kommunistischer Bandenführer, hatte mit seinem disziplinlosen Gesindel ein Territorium nordwestlich von Jekaterinoslaw besetzt und sein Lager im Dorfe Gutaipolii. aufgeschlagen. In seinem Gebiete haben die Juden, die Gegner des Kommunismus voran, besonders schwer gelitten. Die jüdischen Kolonien des Alexandrowsker, Marionoler und Jekaterinoslawer Kreises hatten sich den Banden Machnows bewaffnet widersetzt^und mußten dafür schwer büßen. Ende Dezember 1918, als die Bolschewiki nach Süden vordrangen, eroberte Machnow Jekaterinoslaw. wurde aher schon nach einem Tag von Petljura hinansgewo-fen. Dieser eine Tag . hatte genügt, daß die Banden Ajarhnows unter den luden .Tekaterinoslaws cm furchtbares Blutbad anrichteten. PetÜura wurde von den Bolschewisten verdrr'nn-t. die d>e Gouvernements des Don-Beekens (Charkow. JokotrWnnslnw, Pnlfnwa. Cherson^ bis Juni 191b beherrschten. Dann wurden sie von Denikin nach Norden e-eworten. Während ihrer Herrschaft gab es wohl keine Pogrome: der indischeffande?’ und die ifidicefion Wirtschaften wurden aber aufs Tiefste erschüttert, weil jeder Priva tverkehr stockte. Die Bauernschaft setzte den Bolschewiki hettiren Widerstand entgegen. Bei der judenfeindFchen Stimmung der Massen kam ihnen der Umstand, daß Juden als Beamtem . > i '':Y" -.»s J"; ■<j * ■ ’t-’ a - \i.^ 4) r ' . :ir •!; r