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Jüdische Zeitung · 1919-05-16 · 20 (16.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wen II., Taborstraße I Fernsprecher Nr. 45-325 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wan! Freitag« den 16. Mai 1919 X11L Jahrgang — Nr 20. Bezugspreis: Vierteljährig 6 K ganz}. 24 K, Einzelnummer 50 h Ppstaparkaseenkonto 133.404 Das Organ öesVoikswiiiens Juden und Jüdinnen Deutschösterreichs! ■ Di* ifidknhft Volksheweeunv war firmier ** Die jüdische Volksbewegung war immer ihrem Wesen nach demokratisch. Immer hat sie den breiten Massen des Volkes alle Rechte gegeben, denn nur durch Mitarbeit und Mitbestimmung aller lebendigen Kreise des Volkes kann die Bewegung jene Kräfte und jenen- Schwung erhalten, den sie braucht, um ihre Aufgabe der Umwandlung des schwach und träge gewordenen Judentums zu erfüllen. Als erster Versuch, jüdische Demokratie und Selbstbestimmung zu verwirklichen, dem Volk die Verantwortung für seine Zukunft , und die Uphaltbarkeit seiner,'Gegenwart kiarzumachen, haben die Zionistenkongresse eine historische Wirkung gehabt Herzls genialer Gedanke der Erneuerung jüdischer Aktivität wurzelte in den Ideen der Demokratie und der Oeffentlichkeit. Bewegung entsteht nur dort, wo das Volk durch die schöpferische Idee des Führers zu tiefst aufgewühlt und durch seinen Imperativ bezwungen wird, wo aber anderseits der Führer im Bewußtsein seiner Sendung Stärkung .und Anstoß aus der Resonanz der Massen empfängt Keine Führung kann die Verantwortung für das, Schicksal des Volkes allein tragen. Das Volk selbst muß durch seine Wahl und Entscheidung sein Schicksal bestimmen. Leider erschöpft sich in der politischen Welt in der wir leben, die Demokratie meist in dem Akt der Wahl. Nach der Wahl ist für. den Bürger seihe politische Wirksamkeit beendet und er überläßt dem Abgeordneten die weiteren Sorgen. Wenn die jüdische Demokratie aufgerufen wird, erwachsen jedem Einzelnen viel wesentlichere Aufgaben. Denn hier haben wir es. nicht mit Fertigem -zu tun, hier gilt es überall Neuschöpfung. Das jüdische Volk soll zum ersten Male seit 2000 Jahren wieder eine Heimat bekommen. Als Organ des Volkes, das-politisch nicht organisiert ist, kann mir die Exekutive .eines freigewählten jüdischen Weltkongresses fungieren. Dieser Weltkongreß wird dieungeheuren Arbeiten, zu denen er berufen 'istr nicht allein ausführen, können. Er wird die ganze Wählerschaft, die sich' durch ihre Stimmabgabe verpflichtet hat, zur Arbeit heranziehen.- r -; Aber diese Gesamtrepräsentanz des jüdischen Volkes kann nur zustande kommen, wenn das Volk sich in den einzelnen Ländern organisiert Diese Organisation soll keine „Partei“ dairstellen; sie ist in dem Sinn unpolitisch, daß sie alle- Juden umfaßt die sich -zum jüdischen: Volk zählen,- ohne Rücksicht au! ihre Parteizugehörigkeit oder .Weltanschauung. Sozialsten, Orthodoxe. Nationalisten, Aufklärer, sofern sie sich dem jüdischen Volk zugehörig .bekennen, haben sie ein natürliches Recht, seine Zukunft mitzUbestimmen. Das liegt im Gedanken der Demokratie. Das Judentum äst heute in den meisten Ländern als farblose „Konfession“ organisiert, so hat es gar nicht die Möglichkeit, für seine Lehensregungen einen Ausdruck zu finden. Die jüdischen Kongresse in Amerika1 .und in Kanada haben zum erstenmal eine vom Volksgedanken getragene Organisation des .Judentums dieser Länder geschaffen, die vorbildlich ^pin sollten. Das jüdische „Vorparlament“ 'der Ukraline hatte eine ähnliche Punktion, bevor das Chaos über der Ukraine zusammetfschlug. " Nun soll auch in Deutschöste rreioh clas jüdische Volk sioh ein Organ seines Willens schaffen.. Der provisorische jiidSscKe Nationalrat, der bisher mit Umsicht und Energie die jüdischen ‘Angelegenheiten leitete, hat die Wahlen ausgeschrieben, durch <Be eine defimtve Körperschaft als Repräsentanz der Juden eingesetzt werden soll. Dieser Naionalrat wird 'daran auch 'dem Inland und Ausland gegenüber die Vertretung der Judenschaft führen und die Verantwortung tragen. Er wird dem Staate gegenüber dais Programm dter jüdischen Forderungen formulieren nnd seine Durchsetzung .betreiben; er wärcf im Weltverband des 'Judenvolkes den airf ihn entfallenden An teil an den Arbeiten nehmen. Er wird aber gleichzeitig den Ausbau der inneren Einrichtungen des Judentums, die Gesundung des Gemeinschaftslebens, leiten müssen. Als gewählte Instanz muß er die. Autorität halben, auch die erforderlichen Mittel von dem Volk zu erheben und alle Kräfte zur Arbeit heranzuziehen. Eine wichtige Stunde ist für die Juden Deutschösterreichs gekommen. Sie sollen endlich -ihr Recht auf Selbstbestimmung ausüben. Das jüdische Volk soll emanzipiert werden und sich selbst erheben zu fruchtbarer Arbeit. Der Jüdische Nationalrat, der schon heute die angesehenste Repräsentanz der Juden Deutschösterreichs rst, .soll Gemeßngut des Volkes werden. „• Wie in den anderen Ländern wird auch bei uns das für die Demokratie reifgewordene Judenyolk, machtvoll und seinen-.Willen'zum Agsdrück bringen, daß es selbst seine Wortführer .wählen .will. Es Wird sich ein Organ seines Willens'schaffen, das fifcht" übergangen werden 'kann. in den Tagen des großen Umsturzes hat sich zum Schutz der Interessen der jüdischen Bevölkerung aus ■ den Vertretern der nationaljüdischen Parteien der Jüdische Nationalrat konstituiert, der bis zur Einsetzung einer gewählten Vertretung provisorisch die Führung der jüdischen Angelegenheiten übernommen hat. Der Nationalrat hat bei der Liquidierung des alten Staates entschlossen und nachdrücklich die gerechten Ansprüche der Juden wahrgenommen und hat darüber gewacht, daß jüdische Interessen nicht verletzt werden. Bei der Auflösung der Armee und der Neubildung nationaler Formationen haben sich die jüdischen Soldaten dem Nationalrat zur Verfügung gestellt, der dadurch die Möglichkeit hatte, eine bewaffnete Wehr zum Schutze der jüdischen Bevölkerung in der bewegten ersten Zeit des choatischen Durcheinanders bereit zu haben. Diese im Einvernehmen mit den Behörden gebildete Gruppe wurde dann als Jüdische Gruppe der Wiener Stadtschutzwache organisiert und bat sich wiederholt durch besonnenes und pflichtgetreues Verhalten die.besondere Anerkennung der Behörden, insbesondere auch anläßlich der jüngsten Demonstrationen in der Taborstraße, erworben. Zahlreiche Kategorien jüdischer Menschen sind durch den Zusammenbruch des alten Staates des Schutzes und der Hilfe bedürftig geworden. Soldaten, Beamte, Demobilisierte, Flüchtlinge, Arbeitslose usw. Der Nationalrat mußte sich ihrer annehmen und hat Amen wirksame Hilfe geleistet Die wichtigste Aufgabe, war, den Staat die Oeffentlichkeit und die Behörden über die exzeptionelle Stellung des-jüdischen Volkes aufzukiären und darüber zu wachen, daß keinem jüdischen Volkszugehörigen unter dem Vorwand, daß in den neuen-Nationalstaaten nur die herrschende Nation vollberechtigt sei, ihr staatsbürgerliches Recht beeinträchtigt werde. Der Nationalrat hat in unzähligen Fällen bei .den obersten Regierungsstellen; des neuen Staates Deutschösterreich in diesen# Sinne interveniert,, -anfangs wenig Ver-„ san^^^eliKideu^-abesi^SJi^zähe.'Aniklüimi^ss-: arbeit vieles erreicht DtireNätioDafrät fiat dem provisorischen Staatsrät Deütschösferreicbs eine Denkschrift überreicht, worin er die Postulate der jüdischen Nation dailegte nnd sich zu Vorschlägen bzw. Verhandlungen über deren Durchführung erbot Das Ziel war dabei, ehren rechtlichen Zustand zu schaffen, der einerseits die Möglichkeit einer Vollentfaltung des jüdischen kulturellen Eigenlebens und einer Gesundung des jüdischen Volksorganismus bietet andererseits die Basis für ein geordnetes, auf gegenseitiger Achtung und Verständnis beruhendes Zusammenleben mit der nichtjüdischen Bevölkerung darstellt Ein solcher Zustand ist nur dann zu erreichen, wenn von der jüdischen Würde nichts preisgegeben wird. Nur so kann wahre Gleichberechtigung erzielt werden. Der Nationalrat hat sofort Beziehungen 2u den gleichartigen jüdischen Körperschaften der anderen Länder högestellt Die. Anerkennung des jüdischen Volkes durch alle Großmächte und durch die internationale Sozialdemokratie hat dem Nationalrat die Möglichkeit geboten, auch als Vertretung des deutschösterreichischen Teiles des jüdischen 14 Millionenvolkes politisch in Aktion zu treten. Er hat durch ins Ausland entsendete Delegationen die Beziehungen mit unseren Brüdern in den anderen Ländern hergestellt Eine traurgie Pflicht ist ihm . erwachsen, als er gezwungen war, die Sachwalterschaft für die gemordeten und verfolgten Brüder in Galizien und Polen zu übernehmen, da die dortfeen Körperschaften keine Möglichkeit hatten, eine -Verbindung mit dem Ausland herzustellen. ■ Der Nationalrat hat bis zur Etablierung der Delegation des ostiüdischen Natsonalrates in Wien diese Aktion, die einerseits politische Interventionen und Informationsdienst großen Stiles erforderte, andererseits direkte. Hilfe für Pogromopfer und nach Wien oder durch Wien strömende Pogromflüchtlmge war, in unermüdlicher, aufreibender Arbeit durchgeführt Angesichts des völligen. Versagens der Wiener Kultusgemeinde hat der Jüdische Nationalrat sofort in den Tagen des Umsturzes dem Vorstand det israelitischen Kultusgemeinde ein Ultimatum gestellt Seine Forderungen: Rücktritt des Präsidenten Dr. Stern- und Schaffung einen Permanenzkommission, in welcher drei Vertreter der Kultusgemeiride mit drei Vertretern des Jüdischen Nationalrates ein neues Wahlstatut auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes mit Proporz und Frauenstimmrecht ausarbeiten sollte, wurde akzeptiert. Der Vorstand.bat dann entgegen der Vereinbarung die Beschlußfassung, über das neue Statut, das er durch reaktionäre Bestimmungen zu verschlechtern suchte, fortwährend verschleppt und den Nationalrat zu schärfstem. Kampf gezwungen. -: Dä-die .Kultusgemeindedurch ihre Mißwirtschaft in allen Zweigen der Verwaltung die Verwahrlosung des jüdischen Lebens in katastrophaler Weise gefördert hat, war der Nationalrat gezwungen, sofort an die Schaffung von Institutionen zu schreiten, welche geeignet sind, das jüdische Leben zu sanieren und den dringendsten Forderungen und Lebensnotwendigkeite» unseres Volkes gerecht zu werden. Abgesehen von dem. Amt für Demobilisiertenfürsorge; das, aus der jüdischen Gruppe der Stadtscbutzwache hervorgegangen, von einem ZentraJhHfskomitee übernommen wurde und seinem Wesen nach nicht für dauernde Aufgaben bestimmt war, wurden folgende Aemter geschaffen: Ein Organisationsamt für soziale Arbeit, daa unter der Leitung der Frau Anitta Müller zunächst umfangreiche Erhebungen über das jüdische Eiend Wiens einleitete; um das Material für systematische soziale Fürsorge zu gewinnen; selbstverständlich wird mit der Fürsorgetätigkeit nicht gewartet, sondern sie wurde sofort in Angriff genommen. Das Unterrichtsamt unter der Leitung des Herrn Privatdozenten Dr. Bernhard Geiger und einem aus Fachleuten bestehenden Beirat; welches die Fragen des jüdischen Schul- und Unterrichtswesens studieren und praktisch bearbeiten soll, um <fie Voraussetzung für ein wahrhaft jüdisches Erziehungswesen.zu schaffen; ein Amt für Gewerbeförderung, welches die wichtige Aufgabe , hait, tfie Juden ans parasitären Berufen durch Errichtung von Werkstätten, Produktivgenossenschaften usw. überzuleiten. Diesem Amt wird eine Berufsberatungsstelle angegliedert. Auch im Palästinaamt der zionistischen Organisation, welches die planmäßige Emigration der jüdischen Massen nach Palästina vorbereiten und organisieren soll, ist der Nationalrat vertreten und ist im Begriffe; mit diesem gemeinsam ein Emigrationsamt zu schaffen. Alle diese- Aemter müssen angesichts des völligen Mangels an jeder Vorarbejt^Bmäcfist vaiv Zei t sein. _ Juden und Jüdinnen! Der Jüdische Natioira!- rat, der zunächst provisorisch eingesetzt war, muß nunmehr durch eine Körperschaft ersetzt werden, welche; aus freien demokratischen Wahlen hervorgegangen, die unbestrittene Legitimation besitzt, im Namen der Juden Deutschösterreichs zu sprechen und zu wirken. Die nächste Zeit bereits wird das gesamte jüdische Volk vor enorme Aufgaben stellen, die größer sind als alles, was wir während der 2000 Jahre der Galuth zu leisten batten. Nur eine Ge* Samtrepräsentanz des jüdischen Volkes, welche sich aus den in den einzelnen Ländern demokratisch konstituierten Vertretungen zusammensetzt, kann diese Aufgaben erfüllen. Auch innerhalb Deutschösterreichs brauchen wir die Konzentration aller Kräfte, um das jüdische Leben aus seinen heutigen unzulänglichen Formen zu freier Entwicklung zu bringen, wir brauchen die Zusammenarbeit aller Juden, die noch Gefühl und Interesse für die Sache ihres Volkes haben. Gemäß dem vom provisorischen Nationalrat festgesetzten Wahl Statut; das gleichzeitfe der Oeffentlichkeit bekanntgegeben wird, ist jeder Jude und jede Jüdin, die das zw anzigsteLebensjahr erreicht haben und sich zur jüdischen Nation’bekennen, berechtigt, an der Wahl teilzmtebmen. Hierzu gehören alle Mitglieder von, Vereinen oder Organisationen, welche auf national-jüdischem Boden stehen; ferner alle jene, welche durch einfache schriftliche Erklärung den Anspruch erheben, in die Wählerliste aufgenommen zu werden. Die Wählerliste wird zunächst im Bureau des Nationalrates, 2. Bezirk, Taborstraße 20a, bis 30. Juni 1919 fertiggestellt und sodann an mehreren Stellen zur Einsichtnahme und Reklamation aufgelegt Juden und Jüdinnen! Wir fordern euch auf, euch in die Wählerliste zum Jüdischen Nationalrat eintragen zu lassen. Keiner begebe sich dieses wichtigsten jüdischen Rechtes, an der Gestaltung der jüdischen Verhältnisse in Deutschösterreich und an der Gesamtarbeit für das jüdische Volk aktiv teilzunehmen. Nur wenn tfie Massen des jüdischen Volkes geschlossen ihren Willen kundgeben, wird die gewählte Vertretung das Ansehen und, die Macht haben, auch wirklich! die von den Wählern aufgestellten Forderungen zu verwirklichen. Juden und Jüdinnen! Es ergeht hiermit an euch der Rur, an den Wahlen’zum. Jüdischen Nationalrat teilzunehmen! Wien, am 5. Mai 1919.' .Das Präsidium des provisorischen Jüdischen Nationalrates ln Deutschosterreiclt

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