Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 10 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- Seite 1 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite I Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG "“"«-g DER JÜDISCHE NATIONALFONDS Mitteilungen des Vereines Keren Kajemeth Lelisrael bi und Palästina-Amtes gs Redaktionsschlnß am vorangehenden Freitag* Später einlaufende Spenden werden erst im nächsten Ausweis veröffentlicht. — Geldsendungen unr an das Postsp.-Kto. 100.208 Tel.45-3-25. SAMMELSTELLE FÜR ÖSTERREICH WIEN ll/i, ZIRKUSGASSE NR. 33 Der .Jüdische Nationalfonds* ist dazu bestimmt, in Palästina Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum des jUdischenVolkes zu erwerben. Mitteilungen des Palästina- : Amtes Bericht des Evidenzbüros des Palästina-Amtes für die Monate Jänner und Februar 1919. Die verworrene politische Situation und die ganz ungeregelten Verkehrsverhältnisse haben zur Folge, daß wir von den derzeitigen Emigrations- Strömungen innerhalb des Judentums mir sehr unvollkommene Daten erhalten können. Es geben daher auch die nachstehenden Mitteilungen kein erschöpfendes Bild der Ausdehnung und Intensität der bet der ersten Möglichkeit zu erwartenden Auswanderung. Nichtsdestoweniger bieten sie jedem an der Sache Interessierten manchen wertvollen Anhaltspunkt zur Erfassung der momentanen Lage und zur Entfaltung eines Arbeitsprogrammes,. das die regellose Flucht in geordnete Bahnen bringen soll. In den Monaten Jänner und Februar 1919 sind an das Palästiina-AmF zirka 923 Interessenten, zum größten Teile Repräsentanten von größeren. Gruppen* von Auswanderungsbereiten. zwecks Einholung von. Informationen bezüglich der Emigration nach Palästina, herangetreten. im allgemeinen bestanden die Interessenten aus folgenden Kategorien: 1. Leuten, die schon in. Palästina, längere Zeit waren oder von dort stammen und durch den Krieg zum Aufenthalt in Europa gezwungen waren. . 2. Interessenten und Gruppen, die fest entschlossen sind, bei der ersten Möglichkeit nach Palästina auszuwandem. um dort gewisse vorgefaßte Pläne durchzuführen. Beide Kategorien interessieren sich ausschließlich für eine sofortige Reisemöglichkeit. Tausende waren und sind Im Begriffe, bei der .. ersten -sich - darin et enden Gelegenheit, die Reise anzntreten.- Ueber die trotz aller ■Warnungen unsererseits schon jetzt unternommenen Uebers.chiffungsversuche haben wir des öfteren berichtet. Nur der unaufhörlichen, nachdrücklichsten Aufklärungsarbeit des Palästina-Amtes ist es gelungen. den Strom der. Auswanderer im großen und ganzen aufzuhalten. obwohl noch immer einzelne und kleinere Gruppen sich.von abenteuer- " liehen Unternehmungen dieser Art nicht abhalten lassen. Die dritte Kategorie bilden. Interessenten, die; ihre festen Auswamderungspläne erst in späterer Zeit 'durchführen' wollen. Ihnen handelt es sich hauptsächlich um Förderung ihrer Vorbereitimgs- . arbeiten. Informationen über momentan ' vorhandene Arbeitsmöglichkeiten. Vermittlung des.' Anschlusses an Gleichgesinnte etc. Die nächste Kategorie besteht aus Leuten, die zwar aus ideellen oder wirtschaftlichen . Gründen sich zur Auswanderung nach Palästina entschlossen haben, ohne .aber über die allgemeinen Verhältnisse, des Landes 'oder über die eigenen Erwerbsmöglichkeiten'; dortselbst aufgeklärt zu sein. Die Unwissenheit in dieser Beziehung ist auch m zionistischen Kreisen ungeheuer, die aben- : teuerlichsten Gerüchte finden leicht Glauben, während eine richtige. Einsicht sich nur sehr schwer durchzusetzen vermag. In dieser Richtung hat das Informationsbüro eine ungeheure Arbeit vor sich. Im Laufe der ersten 2 Monate des Jahres 1919 wurden hier in Evidenz genommen': 1702 Familien mit einem Durchschnitt von 5 Mitgliedern, 1221 ledige Leute. nisten und einer großen Zahl der in freien Gewerben Betätigten. . planen größtenteils als landwirtschaftliche Arbeiter ihr Auskommen zu finden. Nach Geschlechtern: Männer Frauen Summa 4634 4302 8956 '' Das Uebergewicht der Männer ist erklärlich, wenn man die ziemlich große Zahl der ledigen Auswanderer, die bis auf 30 männlichen Geschlechtes sind, in Betracht zieht. Nach Alter: bia 13 J. bis 30 ]. . bis 50 J. 2553 5202 1145 von 50 j. aufwärts 76 Die Statistik des Alters bietet also ein sehr erfreuliches Bild, da za. SO Prozent der Angemeldeten im jugendlichen, oder arbeitsfähigen Alter stehen. Weniger erfreulich sind die angegebenen Vermögensverhältnisse der Emigranten. bis K 2000 bis K 10000 bis K *5.000 3. Uber K 25.000 2349 255 133 166 M Die ziemlich beträchtliche Summe von za. 55 Millionen, welche die in Evidenz Angeführten angegeben haben, ist also nicht besonders günstig verteilt und hat, sich nur durch das Vorhandensein einer Gruppe besonders vermögender Interssenten ergeben. . Nach Zuständigkeit; Oeaterreichar Tschechoslovaken PolenJJ! 62 830 20 12 1620 379 Aus den vorstehenden Zahlen ist zu ersehen, daß nach Eintreffen der wärmeren Jahreszeit und nach. Aufheben der hermetisch. gesperrten Grenzen die Emigrationsbewegung gewaltig anschwellen wird. Das Palästina-Amt hat sich, in Erkenntnis dieser Tendenzen, zur Aufgabe gestellt, den Apparat, so auszubauen. um;die große Massehwanderung richtig erfassen und geregelt lenken zu können. " Die „wilde“ Palästina-Emigration und ihre Folgen. Gemäß den strikten Weisungen der zionistischen Zentrale 'in London haben wir wiederholt nachdrücklichst vor jedem Versuche einer Einwanderung nach Palästina gewarnt, da diese derzeit noch verboten, also undurchführbar ist Diese pflichtmäßigen Warnungen hat man uns verübelt Und ihnen dadurch entgegengearbeitet daß man die jungen Leute, welche ebenso ihre zionistische Begeisterung, wie die kritische Lage in Osteuropa und Abenteuerlust nach Palästina trieb, in ihrem Vorhaben bestärkte, ja durch Empfehlungen und Fürsprachen begünstigte. Mit wie großem Elan, mit welcher. Findigkeit und Geschicklichkeit unsere Pioniere auch sich tief bis Italien Bahn gebrochen, haben, kann man schon heute sagen, daß die ganze Aktion gescheitert ist Täglich mehr van ihnen kehren, aller Mittel entblößt ermüdet oft in ihrer Gesundheit geschädigt jedenfalls aber in ihren hochfliegenden Hoffnungen enttäuscht nach Wien zurück und rufen reumütig unsere Hilfe an. Wir, halten uns verpflichtet die jüdische Oeffentlichkeit über den derzeitigen - Stand dieser Emigrationsbewegung rückhaltlos aufzuklären, um wenigstens weiteres Unheil zu verhüten. Hiebet geben wir einem Rückwanderer das Wort dessen Angaben uns am besten belegt erscheinen: „Am 20. Dezember fuhr ich von Wien nach- Triest wo ich am 9. Jänner für mich und einen. Kameraden vom Kommandanten der 3. italischen. Armee die Bewilligung „zur Rückkehr nach Palästina“ erlangte. Ueber Venedig wandten wir uns. nach Rom, wo wir schon jene 13 Radomer fanden. _,_^___ die dank der Hilfe des amerikanischen Offiziers klären. * daß' aüs ’manchen'"Gegendöi~des Ostens—Mr__ Rubens,, eines zionistischen Advokaten aus' (wie in der Bukowina), wo Juden bis jetzt in- Cincinnati, von Fiume ausgefahren waren. Wirgrößerer Anzahl in diesem Berufe, sich betätigt 15 . bekamen auf Fürsprache des. zionistischen ' haben, gerade in diesen Kreisen ein starker Trieb Komitees vom italienischen Marineministerium die aur Auswanderung sich bemerkbar macht Sb hat—Erlaubnis, über Tarent nach Palästina „zurückzuam manchen Orten- (Warschau. Krakau. Kimpokehren“; aber die englische Paßstelle, an die wir; Die in Evidenz Geführten gliedern sich: Nach.den bisherigen Berufen Familien Ledige .Landwirte .140 -158 Handwerker. 60 80 Freie Berufe ...... 430 503 Schüler .... — 256 Kaufleute und Industrielle 921 209 Die verhältnismäßig große Zahl der Vertreter freier Berufe läßt sich durch den'Umstand erfcrng) die Gesamtheit der jüdischen Beamten gewisser staatlicher Verwaltuneszwelge sich an die zionistischen Behörden mit dem Ersuchen gewendet ihnen eine Betätigung in demselben Berufe Tn Palästina in kürzester Zeit zu ermöglichen. Nach den für Palästina gewählten Berufene 'Laadwirte 4500 Landw. Arbeiter 1283 Saufleute u. lndualr. 430 Prof. 178 Freie Gewerbe 847 Die jetzigen Berufe “decken sich im Allgemei- »e» mit den für die Zukunft gewählten. Die ledimm Auswanderer, mit Ausnahme der Professfouns als „Juden“ und künftige britische Untertanen um die Bewilligung zur Einreise nach Palästina wandten, hieß uns erst warten und wies uns dann endgültig ab, nachdem Telegramm und Brief des Rabbiners Dante Lattes an Sokolow mach Londonvon diesem gleicherweise beantwortet wären: „Jetzt noch iunmöglich, .abwarten!“ Darauf fuhren wir alter 15 . sogleich nach Neapel weiter und trafen dort weitere . .. 20 Emigranten, davon 8 aus Kielce, die vorher nächst Wien landwirtschaftlich gearbeitet hatten, und 12 aus Radom, welche beiden Gruppen sieben Tage zuvor über Fiume und Ancona eingelangt waren. Wir 35 gingen zum englischen Konsul, der sich schließlich auf die ägyptische Regierung ausredete, von der keine Antwort zu erlangen sei Inzwischen kamen jene 63 Emigranten, di» am 15. Jänner aus Triest ausgefahren, dann voa dar italienischen Quaestura (Polizeiamt) sieben Tage lang in Genua gratis untergebracht und verpflegt worden waren, nach Rom, und 10 davon fuhren zu uns nach Neapel weiter. Schon hatten wir dort von der Quaestur die Bewilligung erhalten, binnen fünf Tagen mit der „Sardima“ nach Alexandrien abzureisen und auch das Fahrgeld (per Kopf IIL Klasse 275 Lire) war parat als der englische Konsul dem Schiffskapitän bedeutete, di» Italiener hätten nur am Lande zu befehlen, mehl am Meere. Da vier Emigranten, die aus Rumänien über Fiume nach Neapel gelangt waren, von den einheimischen Hafenarbeitern verwarnt wurden, sich durch Kohlentragen Verdienst zu schaffen, fuhren wir, unser 15, nach der Insel Capri hinüber, wir hatten nämlich gehört, daß es m der dortigen russischen Kolonie, die Gorki aus politischen Flüchtlingen begründet hatte; Arbeit gebe. Wir fanden gute Aufnahme, aber wenig und schlecht bezahlte Arbeit Wir verdienten, meist Hochschüler, durch Erdarbeitern Steintragen und Anstreichen, im Tagesdurchschnitt 1% Lire. Die meisten kehrten darum nach Neapel zurück. Hier vernahmen wir, daß in dem berüchtigt schlechten Kriegsgefangenenlager Casino, nöritflfch von Neapel 14 Radbmer, die über Fiume gekommen waren, interniert seien. Als wir nun zwei Mann dorthin nachforschen schickten, wären auch die als „Boisebewiki“ eingesperrt worden, hätten sie sich nicht davangemacht Wer vor» uns noch Mitieü hatte, kehrte nun nach Rom zurück. Dort erfuhren wir, daS 60 Emigranten (es waren zu den restlichen 53 noch 7 ans Galizien über Triestnachgekommen), von der italienischen Regierung über Ersuchen des zicmistitschen Komitees — als „profugi“ (Kriegsflüchtlinge) — 2 Lire täglich bekommen. Sie lütten bei der großen Teuerung schrecklich Hunger und viele von ihnen waren schon erkrankt Ihrer 35 waren schließlich froh, als Erdarbeiter und Flaschenbläser in der malariaverseuchten Kiampagma, wo sie in Kellern schlafen, 4 Lire täglich zu verdienen. Hätten sie Geld, wären sie längst zurückgereist! In Rom sehen wir große Plakate, anscheinend von der Rpg;enmg ausgehend, womach der Völkerbund uns Juden’ Palästina zuspreebe. Mr. Balfours Erklärung war darin zitiert Die jüdische Gemeinde gab uns ein kleines Bankett. Auf unseren Vorwurf, daß man hier noch'nicht hebräisch spreche, wurde sogleich ein solcher Sprachkurs eingeführt. Das zionistische Komitee rief uns schließlich zusammen, teilte uns einen Endbescheid der zionistischen Organisation in London mit, wonach eine Einreise in Palästina derzeit ausgeschlossen sei, und rieü uns zur Rückkehr. Nur unser 8 hatten die Mittel, diesen Rat zu befolgen. Kostet ja die Bahnfahrt Neapel—Triest allein 120 Lire! Wir hörten hiebet daß 18 weitere Emigranten aus Polen, die über Fiume kamen, in Mailand und einige Radomer in Venedig stecken. In Muggia bei Triest sind. 46 Emigranten für drei Wochen interniert, weil viele van ihnen, die sich unterwegs verkühlten, an Bauchtyphus erkrankten. Die Triester Zionisten nehmensich ihrer an.“ Hier führen wir ergänzend an, was uns ein verläßlicher Gesinnungsgenosse aus Fiume mündlich berichtet hat Dort ist die Ausreise seit Abfahrt der .amerikanischen Offiziere nicht nur längst, gesperrt, sondern wurden überdies die letzteinge^ langten Emigranten, deren einer Flecktyphus hatte, vom Kreisphysikus für drei Wochen in Quarantäne gelegt und ist die gleiche Maßnahme gegen alle nachkommenden Emigranten angeordnet Laut obiger Daten summiert sich die ZaM der Palästinafahrer in Triest, Fiume und darüber hinaus auf über 200, wird aber von den heimkehrenden Emigranten auf noch weit höher geschätzt Jedenfalls sind' bei diesen abenteuerlichen Fahrten schon viele Hunderttausende au Geld auigegangen, nicht zu sprechen von den schwereren Verlusten an Volkskraft nnd durch Bloßstellung unserer Kolonisationssache. , Die Emigranten waren nicht erst in Wien, sondern schon vom Palästina-Amt in Warschau vor der Ausfahrt gewarnt worden, hatten aber lieber einer, offenbar falschen, Notiz des JLodzer Tagblatt“ geglaubt, womach die erste Auswanderergruppe aus Bendzin glücklich in Jaffa eingelamgt sei. Bn Grundi mehr für unsere Zeitungen, jede Sensationsnachricht vor Ihrer Veröffentlichung gründüchst zu prüfen. Das Palästina-Amt Wien übermittelt jede Nachricht über den Stand der Emigrationsbewegung sofort an die zionistische Zentrale in London und wird nicht müde, auf die Dringlichkeit hinzuweisen, daß dem eminenten Auswanderungsbedürfnis ein legitimer Weg ehestens eröffnet wird. Dr. E. Z.