Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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-Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG N-. .4 Die erste jüdische Tageszeitung in deutscher Sprache Der 19. Jinner 1919 ist eia wichtiges Datum in der Geschichte der jüdischen Presse. An diesem Tage begann das erste jüdische Tagblatt in deutscher Sprache in Wien zu erscheinen, zugleich überhaupt die erste jüdische Tageszeitung, die in einer Weltsprache ' geschrieben ist Wien, das schon so oft mit jüdischen Neuschöpfungen hervorgetreten ist die Stadt, die in den letzten 40 Jahren eine so bedeutungsvolle Rolle in der jüdischnationalen Bewegung gespielt hat von den Tagen Perez Smolenskfe und Nathan Birnbaums^ bis zu Theodor Herz! und der Begründung des'zionistischen Zentralorgans „Die Welt“, ist auch die Geburtsstätte der neuen Zeitung. Endlich haben die Wiener Juden ein Organ, das nicht nur über alle Tagesfragen und Ereignisse informiert sondern auch die jüdischen Probleme frei erörtert und über alles Jüdische, berichtet Die Wiener Großpresse versuchte die Judenfrage totzuschweigen; sie wurde mit Unrecht ..Judenpresse“ genannt. Die „Wiener Morgenzeitung“ ist ein „Judenblatt“. Sie wird mit offenem Visier für die wirklichen Interessen und gerechten Forderungen . des jüdischen Volkes eintreten. In der ersten Nummer vom 19. Jänner stellen sich <h'e Männer der neuen Zeitung der Oeffentlichkeit vor. Robert Stricker charakterisiert in seinem Leitartikel „Ein Judenblatt“ den Gegensatz zwischen der neuen Zeitung und der von maskierten Juden geschriebenen Großpresse. Im zweiten Artikel setzt Julius Löwy auseinander, „was wir -wollen*V Wir wollen Selbstbestimmung für unser Volk, Achtung vor unserem Volke und ehrliche Aussprache und Auseinandersetzung. Dr. Otto A b e 1 e s motiviert mit starken ethischen Akzenten den Eintritt der Jüdischnationalen in den Wahlkampf zur Deutschösterreichischen Nationalversammlung. Der Aufsatz „Orientpolitik“ von Heinrich Margulies orientiert über die in der englischen und französischen Weltpolitik zutage getretenen Tendenzen bezüglich Syriens und Palästinas und zeigt die entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhänge auf, die zur Annahme des zionistischen Projektes durch England führten. Besondere Erwähnung verdient der vorzüglich geleitete volkswirtschaftliche Teil, der durch eine Wochenschau von L. Leonhard vielversprechend eingeleitet wird. Auch der übrige Teil des Blattes steht auf der Höhe, und die Herausgeber können zu diesem gelungenen Anfang beglückwünscht werden. Die folgenden Nummern haben die Reichhaltigkeit der ersten Nummer womöglich noch überboten. Die gesamte jüdische Oeffentlichkeit wird den Männern dankbar sein, die durch ihr entschlossenes, zielbewüßtes Handeln dem längst schwer empfundenen Bedürfnis nach einer guten jüdischen Tageszeitung abgeholfen haben. Die „Wiener Morgraizeitung“ wird in der ganzen Weit innen Widerhall wecken. Zu unserem Delegiertentag Von Heinrich Margulies. Die vorliegenden Berichte über den 15. Delespertentas der deutschen Zionisten machen einen vorzüglichen Eindruck. Während noch auf dem letzten Delegiertentag (Dezember 1916) die unfruchtbare Diskussion über die egozentrischen Themen die Erörterung der realen politischen und wirtschaftlichen Aufgaben in den Hintergrund drängte, hat es diesmal den Anschein, als ob die Debatten^ durchwegs von einem positiven, auf das Sachliche und Konkrete gerichteten Geist beherrscht worden wären. Die Gründlichkeit und der Ernst mit welcher speziell die Frage: „Wie arbeiten wir in Palästina* beraten wurde, könnten für unseren bevorstehenden deutschöstferreichiseben Parteitag ein Vorbild abgebetL Leider besteht wenig Aussicht daß wir dieses Beispiel nachahmen werden. Die Verhältnisse hegen für uns erheblich ungünstiger. Der Delegiertentag der deutschen .Zionisten hatte vor unserem Parteitag voraus, daß er über die grundlegenden organisatorischen Fragen nicht mehr zu diskutieren brauchte. Wir, die wir in einem neuen, im Aufbau begriffenen Staate leben, und die wir von unserer bisherigen Landesorganisatkm so gut wie .nichts mehr übrig behalten haben, sehen uns zunächst vor die Aufgabe gestellt die Trümmer des Bisherigen zu beseitigen und ein neues Fundament zu schaffen. So bedauerlich es auch sein mag. so wird sich nicht verhindern lassen, daß bei unserem Parteitag die. organisatorischen Fragen sehr stark m den Vordengrund gestellt werden und daß für eine annähernd gleichermaßen gründliche Palästina-Debatte kein Raum mehr bleiben wird. Ehe organisatorischen Aufgaben, sind ebenso einfach in der Konzeption wie schwierig in der Durchführung. Es handelt sich darum, einen deutsch-österreichischen einheitlichen Landesverband zu schaffen, aber um dies zu ermöglichen, muß man eine Reihe von Ruinen aus dem Weg räumen, die aus der zu Grunde gegangenen Monarchie noch übrig geblieben sind. Der Landesverband hat alle politischen Agenden der Zionisten zu umfassen, d. h„ er hat zwei große, ziemlich deutlich von einander abgegrenzte Aufgabengebiete: die Palästina-Politik und die- Landespolitik. Die Zertrat sind .vorüber, wo man jdanbte, letztere außerhalb der zionistischen Organisation betreiben .zu können; Das; Galuth- Problem ist. nicht mehr .eine von der zionistischen Idee tolerierte Angelegenheit, sondern es bildet dnen integrierenden Bestandteil dieser Idee pflichtung zur Schekelzahlung, ist anachronistisch. Soweit die zionistische Partei ihre politischen Landesintercssen gemein mrt anderen Jüdisch- Nationalen zu vertreten hat, die nicht auf der Basis des Zionismus stehen, besteht hiefür in dem alten Generation am eine vollkommen nme> Ge*&- ratiom ühergegangen. Bei uns scheint ein solcher (überaus notwendiger) VeajünCTigsprozeß für abselbst Die Existenz eines jüdischen Nationalverdnes unter zionistischer "Führung. jedoch nicht anf Grundlage des Zionismus und ohne die Verjüdischen Nationalrat als Zusammenfassung aller jüdisch-nationalen Parteien ein ausreichendes Instrument Es ergibt sich somit als wesentlich organisatorische Forderung für den Delegiertentag die Einbeziehung des jüdischen Nationalvereines in eine zionistische Landespartei, welche nun die Landespoltik als gleichwertiges Aufgabengebiet der Palästinapolitik angliedert. Als zweckmäßigste Form hiefür möchte ich den Uebergang zum Prinzip der ressortin äßigen Arbeitsverteilung Vorschlägen. Innerhalb der neuzuwählenden Parteileitung sollen von vornherein zwei getrennte Ressorte für Palästina-Politik und Landespolitik systemisiert werden und es wäre Aufgabe des De- ■Icgiertentages. die für diese beiden Posten in Aussicht genommenen Personen direktzu wählen (während die übrigen Mitglieder der Leitung ohne ^nähere Festlegung ihres Arbeitskreises gewählt werden könnten). Im Zusammenhänge damit steht der Vorschlag, die Parteileitung dadurch aktionsfähig zu machen, daß man die eigentliche Leitung auf fünf, höchstens sieben Mitglieder beschränkt Der geschäftsführende Ausschuß hätte als Kollegium zu fungieren und könnte einen Vorsitzenden aus seiner Mitte wählen. Dieses Prinzip hat sich in der zionistischen Organisation sehr bewährt, und da es neben anderen Vorteilen auch diesen zur Folge hat daß die Personenfrage an Agressivität verliert müßten wir uns hiefür entscheiden. Eine weitere"organisatorische Forderung ist die, daß die Landespolitik aufgebaut wird auf dem Prinzip der einheitlichen Ortsgruppe. Autonome Sonderverbände (Studenten. Handlungsgehilfen. Turner etc.) können und sollen gefördert werden, nur müssen sie durch Zahlung von Schekel und Parteisteuer sich entweder der Partei direkt oder der jeweiligen lokalen Ortsgruppe unterstellen, dagegen muß unter-allen Umständen daran festgehalten werden, daß nicht verschiedene Ortsgruppen unabhängig voneinander in der gleichen Stadt bestehen. Soweit es die lokalen Verhältnisse erforderlich machen, kann die jeweilige Ortsgruppe die Propagandaarbeit in Sektionsausschüsse verlegen, doch ist dies nicht mehr eine Frage prinzipieller Bedeutung und gehört nicht vor den Delegiertentag. Die Wichtigkeit dieser Forderung kann nicht scharf genug betont werden. Wilr sind uns alle darüber klar, daß wir desorganisiert, sind. Das ist keine Schande, wir teilen dSeses Geschick mit dem Staate, in dessen Mitre wilr leben. Das bisher zentralistische Gebilde der Monarchie, ist zetr- -trünön>erti;< wir habejuunshauf ein-, dleutiich abgegreuztes und verhältnismäßig einheiifliches Gebiet zu begrenzen und! dieses nun aiiendEogs gründlich zu organisieren. Manche sind der Ansicht, daß man dabei vom Prinzip der Zentralisierung _abgehen müsse, da es sich bisher nicht bewährt habe. Aber das ist ein Irrtum. Was sich bisher als schlecht organisiert gab, lag. nicht in einer Unmöglichkeit der Zentralisierung begründet, sondern lediglich in der Unmöglichkeit, eän so gegensätzgbehes Gebilde, wie es die alte Monarchie war, zentralistisch zu organisieren. Heute, in einem verhältnismäßig eanhealMchen Gebiet ist ein Verzicht auf Zentralisation weder notwendig noch nützlich. Er ist aber überaus gefährlich, wenn er das Prinzip der Dezentralisierung hemmungslos überspannt Dann stehen wir vor einer" Sanktionierung absoluter Desörganisäerung. Eine solche Ueberspamunig liegtin der Forderung, daß das Prinzip der Ortsgruppe bezw. des Vereinszwanges überhaupt fallen gelassen werde. Zionistisches Parteimitglied sol nach dieser Forderung-jeder sein, der den Schekel und die Pänteisteuer entrichtet auch wenn er nicht einem zionistischen Vereine augehört Statt also durch einen straffen Zusammenschluß aller Zionisten einen erzieherischen Einfluß auf ihre geistige und gefühlsmäßige Einstellung auszuüben und-statt für die Herstellung eines jüdischen Gemeinschaftslebens besorgt! zu sein, wird hier auf jegliche Beeinflussung des Einzelnen verzichtet und. man. begnügt sich mit einem Zionismus, der als einzige Aktion die regelmäßige Ausfüllung des Posterlagscheines - erfordert Noch mehr: Genau so, wie man an. dem Verednszwang als solchem nicht .mehr festhalten will,- verzichtet! man. auf die Anerkennung der einheitlichen Ortsgruppe. Jeder Gruppe von fünf Menschen soll es gestattet sein; einen -eigenen Verein zu gründen. Jeder Zionist der für seine Persönlichkeit in einer Ortsgruppe keine Entfaltungsmöglichkeit sieht — und erfahrungsgemäß genügt bereits das Durchfällen bei riner Vorstahdswahl dazu — darf sich Briefbogen kaufen und sich selbständig machen. Statt daß alle Zionisten sich emgliedem in eine große Gemeinschaft sollen sie zerstückelt werden und sich gegenseitig abgrenzen wie, bezirksmäßig gesonderte Feuerwehrve reine. Gesangvereine und Geseiligkertsgruppen. Es ist geradezu unbegreiflich, daß solche 'Forderungen, welche den absoluten Rum unserer Organisation zur Folge haben müssen und welche, statt unsalle zu einer Einheit zusammenzubinden, die Bildung von Kaffeehaiusgnuppen geradezu künstlich' züchten, ernsthaft yorgeschlagen' werden'können. : : -. Schließlich " wäre noch auf folgendes besonders Nachdruck zu -legen: Angesichts des völligen Fehlens jeglichen Nachwuchses müssen .wirtumteingesfeHen, daßwir eine J ugen d bew egting bisher hoch nicht za ärgümsieren vermocht. haben. In'^der deutschen Organisation ist während des Krieges das Schwergewicht von der sehbare Zeit unmöglich. Die deutsche Partei verdankt diesen Erfolg einer jahrelangen systematisch betriebenen Jugendpropaganda. Es wird eine der wesentlichen Aufgaben, der neuen Parteileitung sein, ist gleicher Weise eine Jugendbewegung zu organisieren. Die Wichtigkeit dEeser Aufgabe ist eine solche, daß es vielleicht angemessen wäre, ihr ein besonderes- Ressort m der Leitung zuzuweisen, für welche der betreffende Inhaber genau so wie für das Palästina- und Landesressort, vom Delegiertentag direkt gewählt werden müßte. Berufliche Auslese für Palästina. Von Artur Ruppin.*) Ich glaube, daß die Politik des „laisser aller*‘. die rwir bisher in-- der Einwanderungsfrage betrieben. ir. Zukunft verlassen -und durch eine zielbe wußte Einwanderungspolitik ersetzt werden muß. Als das Ziel dieser Erowanderungspolitik muß gelten, den Prozentsatz der nach Beruf, Gesundheit und Charakter für das indische Gemeinwesen in Palästina geeigneten Elemente auf ein Maximum und deren Prozentsatz der ungeeigneten Elemente auf ein Minimum zu bringen. Beginnen wir mit dem Beruf. Erwünscht sind aiie diejenigen, die einen Beruf haben.. von dessen Ausübung sie in Palästina.leben-können, ohne der Armenpflege zur Last zu fallen und ohne durch ihre Konkurrenz den in Palästina bereits tätigen Berufsgenossen zu untergraben.**) Palästina ist ein vorwiegend landwirtschaftliches Land. Auch das jüdische Gemeinwesen bedarf zu seiner Konsolidierung und Verankerung in erster Linie einer landwirtschaftlichen Bevölkerung.' I* zweiter Linie sind Handwerker und Industrielle, erst in le'zter Linie Kauflente und Angehörige der freien Berufe (Lehrer. Aerzte usw.) nötig. Will man Zahlen haben; so kann man sagen, daß die Einwanderung- -die wünschenswerte Zusammensetzung hat, wenn mindestens 50% der Einwanderer der Landwirtschaft. mindestens 30%. dem Handwerk und der Industrie, : höchstens 10% dem Handel und . höchstens 10% den freien Berufen und dem Rentiers angehören. Nun ist aber die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in- Osteuropa, 'das für die Auswanderung hauptsächlich in Frage kommt, von dieser wünschenswerten Zusammensetzung der Einwohner diametral verschieden, denn die Kaufleute und Angehörigen der freien Berufe bilden hier die große Mehrheit und die" lahdwirticliaftlich.YTätiÄen. ejne ganz kleine; Minderheit Mäh" kann' sich diese verschiedene Zusämriifensefz'.mg am besten unter dem Bilde einer Pyramide veranschaulichen- In Osteuropa wird die breite Basis der Pyramide von den Kaufleuten gebildet, die schmälere Mitte der Pyramide nehmen Handwerker und Industrielle ein und an der ganz schmalen Spitze stehen die landwirtscbaftlichTätigen. Palästina braucht. aber eine Pyramide, deren breite Basis von Landwirten eingenommen äst. während die Handwerker und Industriellen in der Mitte der Pyramide stehen und Kaufleute und Angehörige der freien Berufe nur die schmale Spitze einnehmen sollen. Ließe man der Einwanderung freien Lauf, so ist zu befürchten, daß entsprechend’ der Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa viel zu viel Kauflente und Angehörige freier Berufe und viel zu .wenig Landwirte kommen. Es ist deshalb eine Umschichtung der Bevölkerung für die Einwanderung nötig. Wie kann eine solche zustande kommen? Ich denke mir dies so. daß wir zunächst diejenigen Berufsangehörigen, die uns für Palästina geeignet erscheinen, auf die sich in Palästina bietenden Aussichten hinweiseit Es komme» hierfür in Betracht erstens die Juden, die schon in Osteuropa, sei es in besonderen landwirtschaftlichen Kolonien; sei es als Einzelne, sich, mit Landwirtschaft, Gärtnerei und Viehzucht bföchäitigen. Ferner müssen diejenigen Handwerkszweige und Industrien, in denen Juden in Europa bereits in großer Zahl tätig sind und die auch in Palästina einen gesicherten einheimischen Markt oder. Export und außerdem annähernd gleich günstige Prbduktionsbediugungen wie in Europa haben, festgesteüt und versuchsweise in Palästina eingeführt werden. . . Bei der geringen Zahl der landwirtschaftlich tätigen Juden in Europa ist allerdings voranszusehen, daß diese Schicht. nicht genügend Einwanderer für Palästina stellen wird. Trotzdem die landwirtschaftliche Ausbildung in Europa viel weniger wirksam verbunden ist. wird man dock zunächst von der landwirtschaftlichen Ausbildung außerhalb Palästinas Gebrauch machen müssen. Wenn aoer nach einer Uebergängszeit von vielleicht 10 Jahren die palästinischen Cadreserweitert sind, wird es hoffentlich möglich sein, alle* ' *) In dem soeben erschienenen außerordentlich inhaltsreichen Doppelheft der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift JDer J u d e“ veröffentlicht. Ruppin einen bedeutsamen Aufsatz: „Auslese des Menschenmaterials-für Palästina", ' .dem wir — in gekürzter Fassung .— diesen hochaktuellen Abschnitt entnehmen. •*) Ein Beispiel der letzten Art WB* y** dem Kriege die viel za starke Einwanderung vm Aerzten .und .Zahnärzten., die den ganzen Beruf schwer schädigte..